Oktoberfest vermasselt

Hoffenheim siegt bei den Bayern

Autor: Alexander H. Gusovius / Bild: Getty Images

Vor dem Spiel bei den Bayern wurde Alfred Schreuder vom Sky-Reporter darauf angesprochen, dass Hoffenheim ja noch nie in München gesiegt hätte, Unterton: Mission vergeblich. Der Hoffenheimer Trainer zeigte sich denkbar unbeeindruckt und erwiderte in seiner bewährt trockenen Art, dass es irgendwann immer ein erstes Mal geben müsse. Nur sehr wenige, selbst die Wohlmeinenderen nicht, hielten es da allerdings für möglich, dass dieses erste Mal schon knapp zwei Stunden später fällig sein würde…

Wie sollte Hoffenheim, den Ergebnissen nach einigermaßen schwach in die neue Saison gestartet, den triumphalen Sieger von London in die Schranken weisen können! Allein die Vorstellung wirkte verstiegen… Und als vor einer Woche hier im Hoffenheimblog nach der Heimniederlage gegen Gladbach zu lesen stand: „Bei anhaltender Verbesserung wird Hoffenheim in München bestehen, vielleicht sogar siegen“, hatte wohl auch kaum jemand gedacht, dass mehr als Wunschdenken hinter der Formulierung stünde. Da wusste man zwar noch nicht, dass die Bayern Tottenham am Mittwoch in der Champions League mit 7:2 abfertigen würde, aber wie sollte die vermeintlich so klapprige TSG beim Rekordmeister nicht unterliegen, und zwar überdeutlich!

Die meisten sahen sogar ein Debakel voraus. Nur ist es ganz anders gekommen: Hoffenheim schickte das Starensemble mit 1:2 in die Kabinen. Ja, wie konnte das denn passieren? Ach natürlich, hieß es seitens der „Experten“ im üblichen Besserwisser-Tonfall danach, so ein Kantersieg in der Champions League macht eben unvorsichtig, überheblich und leistungsunwillig. Das stimmte insofern, als die Münchener Bayern im Vorhinein tatsächlich keinen Zweifel daran hatten, dass sie die Partie egalwie gewinnen würden. Und doch gingen sie immerhin mit fast derselben Formation auf den Rasen wie in London und schickten also keine B-Elf ins Rennen – und während des Spiels fehlte es erkennbar auch nicht an Einsatz.

Nein, was den Bayern entscheidend die Zähne gezogen hat, war eine nochmals deutlich gesteigerte, reife Mannschaftsleistung der TSG – mit einem vertrackten Spielsystem, auf das sich Kovacs Truppe einfach nicht einzustellen wusste. Es war diese Art Hoffenheimer Schwarmintelligenz, die von Spiel zu Spiel deutlicher in Erscheinung tritt, erkennbar die Handschrift von Alfred Schreuder, die nicht nur von fern und alles andere als zufällig an den FC Barcelona erinnert. Wenn Barca spielt und gewinnt, sieht das übrigens meist auch nicht besonders spektakulär aus.

Da kommt der Ball mal schneller, mal langsamer nach vorn, im Letzten nicht recht begreifbar, wie. Das sieht nicht zwingend aus, sondern eher spielerisch, und trotzdem entstehen aus den unscheinbaren Pässen immer wieder brisante Chancen, die ebenfalls nicht hochspektakulär wirken, aber ein ums andere Mal zum Tor führen. Tore sind, wenn die Spielweise gut genug eingeübt und komplett verinnerlicht ist, die logische Folge, sie fallen dann förmlich wie reife Früchte vom Baum. So geschehen in München. Der Kern der Spielweise besteht offenbar darin, durch systematisches Erzeugen von Überzahl jederzeit und überall auf dem Rasen Anspielmöglichkeiten zu gewinnen, die, wenn man sie nutzt und vor allem auch technisch bewältigt, eine geradezu unwiderstehlich flexible Art erzeugt, Fußballspiele nach vorn dominant und nach hinten maximal absichernd zu gestalten.

Natürlich hätte Hoffenheim die Partie in München auch verlieren können, bspw. wenn Adamyan seine Mega-Chance gleich zu Anfang des Spiels verwandelt hätte. Vermutlich hätte das die Bayern früh auf den Plan gerufen, sie hätten die Brisanz des Hoffenheimer Spiels rechtzeitig genug verstanden, um sich noch aufs Abrufen von Höchstleistungen einzustellen. Doch wer weiß… Gut möglich, dass die Bayern auch dann noch zu selbstgewiss agiert hätten und davon ausgegangen wären, dass ihre Spielweise die Partie entscheidet – und nicht die der TSG!

Was für ein schöner Nachmittag. Die Kritik an Alfred Schreuder war immer lauter geworden und extern in „Trainer-auf-Abruf“-Diskussionen umgewandelt worden. All jenen, die den Trainer, den Sportdirektor und den ganzen Verein in der Misere sahen, ist nun gründlich das Wehklagen vergangen. Angekündigt hatte sich der historische Sieg indessen bereits in Leverkusen und in Wolfsburg, und selbst die Pleite gegen Gladbach wies etliche Elemente eines möglichen Erfolgs auf. Fazit: Wenn sich diese Spielweise jetzt noch weiter verfestigt, sehen wir einer hochinteressanten Saison entgegen!

Please follow and like us:
error0

Deine Meinung zum Artikel:
Alexander H. Gusovius

error

Dir gefällt das was Du hier liest? Erzähle es weiter.