Sevilla schlägt Hoffenheim

Autor: Alexander H. Gusovius

Fotos: Kraichgaufoto, Uwe Grün

Bei nicht zu heißem, dennoch durchsonntem Bilderbuchwetter beging Hoffenheim letzten Samstag den Start in die neue Saison. Zahlreiche Fans, darunter sehr viele Kinder, waren auf dem Vorplatz unterwegs und erfreuten sich an den angebotenen Belustigungen. So um die 11.000 schauten sich anschließend auch noch das Spiel gegen Sevilla an. Mit einiger Neugier, denn angesichts der vielen Veränderungen im Kader und bei der sportlichen Leitung beschäftigte jeden die Frage, womit wir in der demnächst beginnenden neuen Saison nach dem Umbruch im Kader rechnen dürfen: Schulz weg, Demirbay weg, Joelinton weg, Amiri weg, Nagelsmann weg…

Stattdessen Schreuder im Traineramt, dessen Kader trotz kolportierter TSG-Transfereinnahmen von über 100 Mio. Euro bislang eher vorsichtig mit neuen Spielern angereichert wurde. Oder erweist sich die Vorsicht am Ende als Umsicht? Die beiden letzten Neuverpflichtungen deuten darauf hin: Erstens Robert Skov, der dänische Shootingstar. Der Top-Scorer konnte vergleichsweise günstig erworben werden. Zweitens Sebastian Rudy, der Überraschungscoup. Er wurde zunächst nur ausgeliehen, wäre jedoch, falls er wieder einschlägt, enorm günstig zu haben. Die anderen Neuen (Pentke, Stafylidis, Ribeiro, Bebou und Adamyan sowie die Heimkehrer Grifo, Ochs und Zuber) kosteten nichts oder nicht die Welt und bilden nun mit dem verbliebenen Stamm der Mannschaft einen Kader, der zwar schwer ein-, aber keinesfalls zu unterschätzen ist.

Damit bleibt der TSG, fall nicht noch Großes geschieht, ein dickes Transferplus, von dem man in der Zukunft gut zehren kann. Spätestens wenn man daran denkt, wie oft sich Vereine nach internationalen Ausflügen schon übernommen hatten, um anschließend jahrelang die Spätfolgen zu durchleiden, steht die umsichtige Transferpolitik der TSG endgültig in positivem Licht. Die Liga ist in dieser Saison ohnedies von höchsten Ambitionen und entsprechenden Investitionen überfüllt. Allen voran haben Dortmund und Leverkusen gewaltig aufgerüstet und stehen enorm unter Druck, sich zu beweisen. Knapp dahinter folgen auf der Ehrgeizskala die Fohlen, die mit Trainer Rose jetzt unbedingt etwas reißen wollen. Da tut es eigentlich ganz gut, wenn unsere TSG deutlich maßvoller in die neue Saison geht und uns lieber positiv überrascht…

Zwei Niederlagen an zwei aufeinander folgenden Tagen gegen Sevilla hätten vielleicht trotzdem nicht sein müssen. Sportlich gesehen am Samstag tatsächlich nicht, ein Remis wäre aufgrund der ersten Halbzeit durchaus verdient gewesen. Es haperte, mal wieder, an der Chancenverwertung in Halbzeit 1 – und, mal wieder, an defensiver Konzentration in Halbzeit 2. Da allerdings waren die Spieler auch mit ihrer Kondition am Ende, die Trainingswochen hatten Spuren hinterlassen. Und etliche Spieler, mit denen zukünftig für Startaufstellungen unbedingt zu rechnen ist, kamen gar nicht zum Einsatz, meist aus eher harmlosen Verletzungsgründen, bspw. Vogt und Kramaric.

Interessant war, wie Hoffenheim nach 15 Minuten, in denen Sevilla das Geschehen dominiert hatte, den technisch überlegenen Spaniern dann das eigene Spiel aufzwang. Ein wesentlicher Grund dafür lag darin, dass das TSG-Mittelfeld mit Rudy, Grillitsch und Geiger zwar ohne echten Mittefeldmotor auskommen musste, dafür aber nahezu nicht auszurechnen war. Mit den beiden Spitzen Bebou und Grifo war nochmals viel torvorbereitende Kraft aufgeboten, weil neben Kramaric auch Belfodil nicht einsetzbar war, sodass das einzige TSG-Tor fast logisch erst durch einen von Grifo in die Mitte gechippten Elfmeter erzielt wurde.

In der zweiten Halbzeit, als Sevilla über weite Strecken wieder beherrschend war, gab es ein paar hochinteressante Aspekte zu beobachten. Erstens wurde die ohne Vogt etwas hölzerne Defensive viel beweglicher, als Ribeiro in der Mitte antreten durfte und vor allem in der Spieleröffnung glänzte, zweitens bewies Skov in den zehn Minuten, die er zum Schluss absolvieren durfte, dass er tatsächlich enormen Zug zum Tor hat, und drittens demonstrierte Eigengewächs Elmkies, dass er trotz geringer Körpergröße ein großer Regisseur im Mittefeld sein kann. Denn kaum war er auf dem Rasen, schon strukturierte der Youngster aus Israel das Spiel der TSG und reicherte es mit wertvollen Impulsen an. Durch Ribeiro, Skov und Elmkies verfügte das Spiel der TSG auf einmal über jenes kreative Element, das zuvor fehlte. Man wünscht sich, dass die drei allesamt oft zum Einsatz kommen.

Ein Wort noch zu Rudy, der von den Fans lautstark zurückempfangen wurde: Er zog fast schon wie früher die Fäden auf der Sechs, klug, mit feiner Technik und je nach Bedarf das Spiel bremsend oder beschleunigend, phasenweise ein Genuss… Am Folgetag beim nicht-öffentlichen, nächsten Test gegen Sevilla kamen dann vor allem Spieler zum Zuge, die vortags noch nicht auflaufen durften. Dass die mannschaftliche Geschlossenheit davon nicht eben anwuchs, versteht sich von selbst. In der Folge ging die Partie glatt verloren und hat vermutlich dennoch wertvolle Einblicke vermittelt. Gegen Würzburg im Pokal am kommenden frühen Samstagabend wird sich zeigen, was davon und was auch sonst unter Wettkampfbedingungen zum Tragen kommt…

Please follow and like us:
error0

Deine Meinung zum Artikel:
Alexander H. Gusovius

error

Dir gefällt das was Du hier liest? Erzähle es weiter.