Harte Landung

„26 Punkte gingen uns in dieser Saison bereits nach Führung verloren“, stand an dieser Stelle vor zwei Wochen zu lesen; es war nach dem Gladbachspiel und dem 1:1 nach einer 0:1-Führung. Jetzt, nach der Niederlage in Mainz, sind es schon 29 Punkte in dieser TSG-Spezialdisziplin, diesmal sogar nach einer Zwei-Tore-Führung. Unterm Strich, der am letzten Spieltag gnadenlos gezogen wird, werden nun auch die Konsequenzen davon deutlich: keine Platzierung in den Euro-Rängen, sondern sogar nur Platz 9 und damit nochmal weniger Einnahmen.

Und das ist viel zu wenig, denkt man – und meint die vielen herausragenden Spielmomente, die wir in dieser Saison gesehen haben, und die vielen Riesenchancen, mit denen wir nahezu jede Abwehr schwindlig spielten. Aber es ist, so weh das tut, nicht zu wenig, wenn man bedenkt, wie viele Tore wir selber kassiert haben, oftmals eben auch nach eigener Führung. Da hilft kein Lamentieren, kein Fluchen und kein Schimpfen. Besser als Platz 9 waren wir insgesamt nicht.

So sieht’s mal aus, das müssen wir akzeptieren: und das sollte auch Julian Nagelsmann einleuchten, der nach dem Spiel in Mainz wieder die liegengelassenen Chancen und mangelnde Cleverness für die Niederlage verantwortlich machte – statt bspw. den Ballverlust Demirbays, der damit nicht zum ersten Mal einen Gegentreffer einleitete. Oder den jugendlichen Übermut von Baumgartner, dessen Platzverweis sich ankündigte. Man hätte ihn präventiv vom Platz nehmen können…

Aber egal, Fehler macht jeder, und erst gebündelt führen sie zu Tatsachen. Es ergibt keinen Sinn, an einzelnen Aktionen dies und jenes festmachen zu wollen, während sich doch etwas klar Erkennbares wie ein roter Faden durch die Saison zieht, und zwar schlicht und einfach dieses: dass Hoffenheim phantastischen Fußball spielen kann – aber keine 90 Minuten lang. Und dass die Konkurrenz meist zu ausgeschlafen ist, um daraus nicht immer wieder Vorteile zu ziehen. Wenn man trotzdem den Finger heben will, dann kann man vielleicht genau hier ansetzen und sich fragen, wie es kommt, dass es nicht gelungen ist, geeignete Gegenmaßnahmen zu ergreifen. Der Grund ist relativ banal: Wenn eine Mannschaft imstand ist, so großartig zu spielen, dann hält man an ihren Spielprinzipien fest und
glaubt und denkt und hofft, dass die Sache beim nächsten Mal gut geht.

Man kann es auch anders formulieren: Das mutige, offensive Konzept unserer Mannschaft mit brillanten Spielzügen lädt förmlich dazu ein, immer noch eine Schippe Mut und Offensivgeist mehr draufzulegen, schon grad, wenn der Trainer Nagelsmann heißt, dessen Hang zur Steigerung und
dessen offensive Leidenschaft sich oft genug daran erwiesen haben, dass er Verteidiger gegen Stürmer auswechselte, wenn ein Spiel auf der Kippe stand. Häufig hat er damit auch richtig gelegen und wurde durch späte Tore belohnt – aber nicht in dieser Saison.

Im Prinzip muss man sich darüber nicht wundern. Irgendwann kommt jede Risikobereitschaft an ihr natürliches Ende. Das verhält sich so ähnlich wie mit der Laufbereitschaft, die ja bei unserer Mannschaft besonders ausgeprägt war. Mehr als wir ist offenbar niemand, nicht mal in Freiburg
gelaufen. Doch irgendwann kann man nicht immer noch mehr laufen, irgendwann geht auch dem besten und willigsten Läufer die Puste aus – und dann bricht er ein. Es scheint, als hätten wir genau das in dieser Saison gesehen: Das Ende der Belastbarkeit von Forschheit, Risiko und Kondition. Und genau deshalb haben wir am Ende oft noch eins auf die Mütze gekriegt und darum sind 29 mögliche Punkte real liegengelassen worden.

Für dem Moment sind alle erstmal enttäuscht, Trainer Mannschaft, Verein, Fans. Aber das sollte nicht zu lang dauern. Schließlich sind wir nicht abgestiegen, sondern haben nur etwas von der Champagnerlaune eingebüßt, in die Julian Nagelsmann sich und uns zuvor versetzt hatte. Er kann nun in Leipzig zusehen, ob und wie er seine Spielauffassung mit einem höherwertigen Kader umzusetzen vermag – während wir hier allesamt schauen müssen, dass wir unsere mittelständische TSG nicht mit zu hohen Erwartungen überfrachten, sondern den produktiven Schub, den sie in der Ära Nagelsmann zweifelsfrei bekommen hat, in die nächste, solide Entwicklungsstufe überführen.
Alfred Schreuder ist dafür, wie es aussieht, zum genau richtigen Zeitpunkt genau der richtige Mann.

Jetzt aber ist erstmal Fußballpause in Sachen TSG – wir lehnen uns gemütlich zurück und beobachten, wie der VfB sich in der Relegation schlägt, genießen das Pokalfinale und freuen uns auf die Darbietungen der vier englischen Clubs in den europäischen Finals. Ach ja, und wir gratulieren den Bayern eindringlicher als sonst zur x-ten Meisterschaft, und wir drücken den Comeback-Kids aus Nürnberg und Hannover unser Mitgefühl aus… So, und damit wünscht der Hoffenheimblog allen TSG-
Fans einen wunderschönen Sommer und ansteigende Vorfreude auf die neue Saison! Mal schauen, wer noch so alles zu uns stößt außer den schon bekannten Namen – und wer uns noch verlässt…

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Alexander H. Gusovius

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