Geht nicht gibt’s nicht

Unter der Woche im Pokal hatte Bremen gezeigt, wie es geht: Anlaufen, bis der Schlusspfiff ertönt, egal wie schwach die Aussicht auf Erfolg ist – mit dem Ergebnis, dass Werder im Pokal eine Runde weiter kam und nicht die favorisierte Borussia aus Dortmund. Schließlich wächst ja, mögen sich die
Bremer gesagt haben, die Aussicht auf Erfolg proportional zur Anstrengung, etwas erreichen zu wollen. Dann gehen sogar Sachen, die völlig aussichtslos zu sein scheinen… Das vergisst man zwar gern, wenn einem der Wind streng um die Ohren weht, doch wer, wenn nicht winderprobte Nordlichter, sollte sich passgenau daran erinnern können. Hoffenheimer, so schaut es aus, anscheinend aber auch…

Bremen lag allerdings verschiedene Male immer nur ein Tor gegen den BVB zurück. Unsere TSG dagegen hatte drei Buden aufzuholen nach einer völlig vergeigten ersten Halbzeit, die eher nach einer bitteren Lehrstunde aussah als nach echtem Wettbewerb. Defensiv in die Partie gestartet, stand unsere Mannschaft fortwährend zu tief, hielt sich zu weit weg vom Gegner und agierte viel zu leblos, um die schnellen Dortmunder Spieler an dem zu hindern, was ihr Markenzeichen ist: den Gegner schwindlig zu spielen. Schwindlig wurde es auch den immer besorgteren TSG-Fans, als die ohne Reus und Trainer Favre angetretenen Schwarzgelben dann ungebremst über den Platz fegten und unsere Spieler dem bienenfleißigen Treiben mit erheblicher Mutlosigkeit und auch einiger Trägheit, körperlich wie geistig, nurmehr zuzuschauen schienen.

Das Mittelfeld und alles dahinter bis zu Torhüter Bürki gehörte alsbald der Borussia, nur die TSG- Defensive behauptete trotz des Mega-Drucks und zweier BVB-Tore einigermaßen ihr Terrain. Da erschien es logisch, dass Trainer Nagelsmann vorn und in der Mitte in der Pause Auswechslungen
vornahm. Womit er die bald unübersehbare Fehlbesetzung seiner Startaufstellung korrigierte und die zwei größten Trägheitsmomente der TSG zum Duschen schickte: Demirbay und Kramaric, die beide wohl eine andere Erwartung ans Spiel gehegt hatten und mit dem, was dann geschah, offenbar so recht nichts zu tun haben wollten.

Mit Geiger und Belfodil kamen nach dem Wideranpfiff also zwei Aktivposten in die Mannschaft, die jetzt auch insgesamt aktiver wirkte und die Schwarzgelben endlich am dauer-überlegenen Treiben zu hindern versuchte, garniert mit eigenen Angriffen. Man rieb sich fast die Augen, als Hoffenheim auf einmal regelrecht druckvoll zuwerke ging und Kaderabek und Joelinton mit zwei Riesenchancen am exzellent reagierenden BVB-Torhüter scheiterten. „Da geht noch was“, hatte die TSG auf Facebook
während des Kabinengangs gemutmaßt, worin die meisten nur schalen Zweckoptimismus erkennen wollten. Doch das Posting sollte sich als wahre Prophetie erweisen!

Erstmal jedoch geschah das, was so oft geschieht, wenn eine Mannschaft Druck macht: die andere erzielt ein Tor. Es fiel also das dritte Tor für den BVB – und wer auf den schwarz-gelben Rängen, wo man sich ein ums andere Mal mit skandierten Schmähungen gegen Dietmar Hopp kräftig entblödete, zuvor bange gewesen war, die Partie könne sich vielleicht noch drehen, war man nun absolut sicher, dass der schwarzgelbe Sieg eben gekrönt worden wäre. Und auch als TSG-Anhänger hatte man nicht
viel Hoffnung, dass noch ein anderer Spielausgang möglich sein würde: selbst dann nicht, als Belfodil nach Flanke aus vollem Lauf von Kaderabek, geschickt von Bicakcic, einen halb geschlenkerten Ball zum 3:1 in die Maschen legte – und Bürki den etwas lächerlichen Versuch unternahm, die Kugel zwischen seinen Beinen zurück über die Linie zu heben.

Doch unsere physisch und charakterlich aufgefrischte Mannschaft, ab der 70. Minute nochmals um Nelson verbessert, gab das Spiel und sich selbst nicht auf. Zwei, drei haarscharf verpasste Chancen des Gegners waren noch zu überstehen, dann sicherten sich die tapferen Hoffenheimer mit zwei
weiteren Toren, durch Kaderabek und nochmal Belfodil, doch noch das Remis. Das neunte inzwischen, diesmal aber ein vollendeter Genuss, auch weil die Bayern später auch noch gegen Schalke gewannen, sodass der BVB durch uns zwei wertvolle Punkte im Meisterschaftswettkampf
eingebüßt hat!

Einige klare Erkenntnisse kann man aus der Partie mitnehmen: a) auch ohne den verletzten Vogt ist unsere Innenverteidigung absolut wettbewerbsfähig, b) untermotivierte Stars wie Demirbay und Kramaric schaden mehr, als sie nutzen, c) Geiger ist trotz mancher Fehlpässe ein echter Bringer und sollte in Zukunft in der Startaufstellung stehen, d) Belfodil kann’s…, würde er’s doch nur immer so zeigen!, e) Dortmund hat eine schwarze Woche hinter sich, sodass damit der berüchtigte Favre-Knick eingesetzt haben könnte, ab dem es urplötzlich trotz vorher überragender Leistungen auf einmal nicht mehr so richtig laufen will bei den von ihm trainierten Teams, f) Hoffenheim könnte den umgekehrten Knick erlebt haben, sodass die Rückrunde von nun an unter einem besseren Stern steht, g) das TSG-eigene Prinzip der zwei gegensätzlich verlaufenden Halbzeiten sollte dringend ein Ende finden…

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Alexander H. Gusovius

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