Remis statt Revanche

Es sollte die ganz große Revanche werden, das Einlösen herausragender Trainingseindrücke, ein starkes Signal für die Aufholjagd nach der eher durchwachsenen Hinrunde, ein hinreißender TSG-Fußballnachmittag: das sowieso. Doch stattdessen setzte es ein uninspiriertes Remis, das achte mittlerweile, war ein zweikampfschwaches Auftreten gegen weitaus leistungswilligere Gäste zu erleben, gab es eine Demonstration der Zerfaserung guter Kräfte.

Ganz zu Anfang war eine Szene zu besichtigen, die sich als Schlüssel zum Spiel erweisen sollte: Gegen hoch anlaufende und jeden TSG-Spieler konsequent doppelnde Düsseldorfer verlor Kerim Demirbay etwas sorglos den Ball, setzte jedoch nach und folgte dem Ball bzw. dem jeweils ihn führenden Spieler im halben Sprint – was zwar ganz gut aussah, aber nichts einbrachte, weil Demirbay immer im entscheidenden Moment stoppte und nicht eingriff, sondern Spieler und Ball weiterlaufen ließ. Das ganze Spiel sollte seitens unserer Mannschaft danach im „als ob“-Modus geführt werden.

Davon waren nicht viele Spieler ausgenommen. Amiri, der zu den wenigen gehörte, aber bei seiner Rückkehr in die Startaufstellung nicht durch besonderen Überblick auffiel, war dennoch zurecht etwas angefressen, dass ausgerechnet er in der 61. Minute für Nelson weichen musste, der auch 10 Minuten danach, als Brenet ausgewechselt wurde, rechts hinten aushelfen musste und damit als frischer Offensiver weitestgehend ausfiel. Und auch die weiteren Einwechslungen hinterließen Fragezeichen, indem die offensive Verstärkung durch Szalai und Belfodil gänzlich verpuffte und auch verpuffen mussten, weil das Problem der TSG diesmal nicht die mangelnde Chancenverwertung war, sondern fehlende Angriffsvorbereitung. Anders gesagt kam vorn einfach nichts bzw. viel zu wenig Verwertbares an. Auf diese Weise fiel es schwer, Tore zu erzielen, woran noch so viele Stürmer naturgemäß nichts ändern konnten.

Eine weitere Kuriosität in der Personalpolitik dieses Spiels bestand darin, dass Grillitsch in der Rückwärtsbewegung vom Sechser zum zentralen Innenverteidiger mutierte, Vogt innen rechts verteidigte – und Posch einen rabenschwarzen Tag erwischt hatte, während Bicakcic sich bereits in Halbzeit 1 am Rande warm lief, aber nie eingewechselt wurde. An unserer spielerischen Lähmung war jedoch, das muss man hervorheben, auch der starke Auftritt der Gäste beteiligt, die an diesem Nachmittag das gesamte Potential an Einsatzwillen für sich gepachtet zu haben schienen und entsprechend kämpften und rackerten, ohne den Spielwillen dabei zu vernachlässigen, sodass sich entlang ihrer Möglichkeiten ein ansehnliches Bild ergab – und mit ein bisschen Glück auch mehr drin gewesen wäre als dieser eine magere Punkt.

Für uns jedoch war definitiv nicht mehr drin, man muss es so klar sagen. Was mag der Grund dafür gewesen sein? Hatte man, wie Trainer Nagelsmann mutmaßte, den Sieg in Freiburg innerlich zu hoch gewertet? Oder ist er selber das Problem, wie in Fankreisen teilweise immer lauter überlegt wird? Von allem etwas und doch nichts so ganz, möchte man sagen. Da gibt es zum einen die klassische TSG-Schwäche, sich für so stark zu halten, wie man es im Prinzip ja auch ist: aber im Moment eben doch nicht. So etwas trübt die Performance, logisch. Und der immer näher rückende Weggang von Nagelsmann könnte insofern einen Effekt auslösen, als mancher Spieler mehr in die Zukunft denkt und eine Idee weit mehr als sonst für den eigenen Auftritt unterwegs ist, was den mannschaftlichen Zusammenhalt natürlich nochmals schwächt.

Einstweilen ist aber mehr nicht passiert, als dass man den Champions-League-Ehrgeiz etwas stutzen und eher Richtung Euro-League denken muss, wie der Trainer sagt. Aber man sollte zugleich sehr darauf achten, dass sich nicht mehr von dem einschleicht, was am Samstag das Gesamtbild eintrübte. Sonst nehmen die Dissonanzen überhand, wird der Zusammenhalt noch diffuser und unterläuft unsere Mannschaft vollends ihr großes Potential, das sie in der Hinrunde so oft angedeutet hat, ohne bislang echten Gewinn daraus zu ziehen. Noch ist es aber viel zu früh, Weh und Ach zu rufen. Und manchmal muss man auch mit etwas weniger zufrieden sein.

Fotos: Kraichgaufoto, Uwe Grün

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Alexander H. Gusovius