Remis-Glück

Vor wenigen Tagen konnte man sich als TSG-Fan noch die Haare raufen, dass gegen Gladbach nicht eine einzige der Hoffenheimer Megachancen verwandelt wurde und die Partie somit torlos endete. Bei der Partie in Bremen hätte man sich die ausgerupften Harre à la Klopp dankbar allesamt wieder einpflanzen lassen dürfen, so glücklich musste man sein, dass es in der 90. Minute bzw. in der Nachspielzeit immer noch nur 1:1 stand und die Bremer keine ihrer Großchancen in Tore umgemünzt hatten. Im allerletzten Moment hätte man sich die kostspielig retransplantierte Haarpracht jedoch gleich wieder ausgerissen, als Kaderabek, diagonal hoch angespielt, seinen Kopfball aus gerade mal fünf Metern neben das Tor setzte – was fast schon schwieriger war, als ihn im Kasten unterzubringen…

So schwankend ist mithin des Glückes Boden, hätten die alten Griechen gedichtet, mal verschlingt er den tapfersten Kämpfer, mal gebiert er finsteres Heil. Und die Griechen wussten ja zu späteren, ihres Helden Rehakles Zeiten, immer noch sehr genau, wovon die Rede war, wenn es ums Glück ging: als sie auf knappe Ergebnisse abonniert waren und damit sogar Europameister wurden. Ein Trost ist darin nach fünf (!) Unentschieden in Folge bei Ligaspielen für uns trotzdem nicht zu finden. Denn von 15 möglichen und 12 verdienten Punkten sind lediglich 5 auf dem Habenkonto gelandet.

Aber gut. Irgendwie war es auch nicht zu erwarten, dass nach der Wahnsinns-Energieleistung gegen Gladbach im Gefolge der Wahnsinns-Energieleistung in Manchester gleich vier Tage später noch einmal der Leistungshammer herausgeholt werden könnte. Man träumte irgendwie zwar davon, dass Bremen mit ähnlichem Aufwand in Grund und Boden gespielt werden würde, doch ist irgendwann der Akku auch der fittesten Spieler leer. Und außer mit Szalai für Nelson schickte Trainer Nagelsmann, der wohl ähnliche Träume hegte, tatsächlich dieselbe Formation ins Rennen wie gegen die Fohlen.

Nur war diesmal eben der Ofen lang vor der 90. Minute aus, imgrunde ging schon ab der 46. Minute nicht mehr viel bei unserer Mannschaft. Da half es auch nichts, dass es bald nach dem Wiederanpfiff zu einem Doppelwechsel kam und Grillitsch und Hübner Bicakcic und Bittencourt ersetzten sowie später auch noch Nelson für Szalai auflief. Man muss aber auch sehen, dass Gladbach lange nicht so unbequem spielte wie Werder, das im Vergleich denn auch die weit bessere Mannschaftleistung bot – leider ziemlich ruppig dargeboten und vom Schiri viel zu selten sanktioniert.

Vielleicht hatte man sich im Team der TSG auch etwas zu sicher gefühlt, an der Nordsee einfach da weitermachen zu können, wo man gegen die Fohlen vom Niederrhein aufgehört hatte. Falls ja, war es um die vermeintliche Gewissheit nach wenigen Minuten bereits geschehen: Anders als so oft gelang es unserer Mannschaft diesmal nicht, den Gegner zu dominieren und einzuschnüren. Bremen ging von Beginn an hoch und mutig drauf und unterband die schnellen Hoffenheimer Kombinationen.

Der Ball wechselte permanent den Besitzer, keiner Mannschaft gelang bislang der klare Durchbruch. Chancen dazu gab es hüben wie drüben, nur dass sich ganz allmählich die Gewichte zugunsten von Werder verschoben, bis es ca. ab der 25. Minute danach aussah, als würde Bremen demnächst in Führung gehen. Doch wer in Führung ging, war die TSG! Schulz war per Konter mal wieder rechts bis auf die Außenbahn durchgegangen und hatte in den Rücken der Bremer Abwehr Bittencourt bedient, der sich an seinem Geburtstag das schönste Geschenk machte und umstandslos einlochte.

Oft genug ließ unsere Mannschaft in der Vergangenheit bei Führungen die Zügel alsbald locker, gab die Dominanz preis und baute den Gegner so auf. Ohne Dominanz in Führung zu gehen, war darum ein ganz neues Gefühl – man durfte gespannt sein, wie sich die Dinge nun entwickeln würden: erstaunlicherweise so, dass beide Mannschaften viel weniger energisch um Bälle und Positionen rangen als zuvor und die Partie bis zur Pause regelrecht verflachte.

Nach der Pause jedoch spielte fast nur noch Werder. Die Bremer kamen deutlich munterer und unternehmungslustiger aus der Kabine, während unsere Mannschaft, das war unübersehbar, sehr bald schon konditionelle – und damit auch mentale – Probleme hatte. Bremen eroberte ständig die Bälle, Hoffenheim verlor sie ohne Not. Das Spiel verlagerte sich eindeutig Richtung Strafraum der TSG, wo es immer öfter gefährlich konfus zuging, bis die Hausherren diese förmliche Einladung zum Einnetzen annahmen und den Ausgleichstreffer erzielten. Dass ihnen mehr nicht gelang, dafür durfte sich unsere Mannschaft danach beim Schicksal bedanken.

Bremen vergab eine Riesenchance nach der andern, Hoffenheim taumelte zusehends und zahlte den Preis für die vielen enorm kraftzehrenden Spiele. Als das Spiel vorbei war, sanken jedoch auch viele Bremer Spieler ausgepumpt zuboden, genau wie auf unserer Seite – alle hatten alles gegeben, mehr war nicht drin für uns. Man muss jetzt schauen, was gegen Mainz noch geht am Sonntag. In Sachen Kraft vermutlich nicht viel, also muss es die Spielkultur richten…

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Alexander H. Gusovius