Mut zum Hasenbraten?

Ein hinreißender Fußballabend mit traurigem Ausgang, sagen die einen. Die anderen sagen, dass man mit dem Remis hätte zufrieden sein sollen und gegen Ende des Spiels das Hoffenheimer Tor hätte zumauern müssen, statt unter höchstem Risiko und in Unterzahl weiter nach vorn und auf Sieg zu spielen. Dann hätte es noch Chancen aufs internationale Überwintern in der Euro League gegeben, so jedoch sei alles zuende. Stolz auf die abgerufenen Leistungen und zornige Tristesse standen und stehen sich unversöhnlich gegenüber.

Ins Sprichwörtliche übersetzt standen für die TSG mithin zwei Motti zur Auswahl: „Wer nichts wagt, der nichts gewinnt“ oder „Viele Hunde sind des Hasen Tod“. Zusammengezogen läuft das für die Skeptiker des Ausgangs der gestrigen Partie auf „Mut zum Hasenbraten heraus“! Es sieht aber eher danach aus, als würde ein englisches Sprichwort die Sachlage besser treffen: „Du kannst den Kuchen nicht behalten und ihn gleichzeitig essen.“ Will sagen, dass gewisse Dinge bzw. Handlungsweisen sich nun einmal ausschließen…

Unsere Mannschaft ist unter Julian Nagelsmann schließlich damit groß geworden, bewusst ins Risiko zu gehen und darüber ihre besondere spielerische Klasse zu entwickeln. So etwas streift weder die Mannschaft noch ihr Trainer über Nacht ab – und aus einem Pep Guardiola wird so wenig ein José Mourinho, wie aus Real Madrid im Handumdrehen Atletico Madrid wird. Man ist, wie man ist, man bleibt sich treu aus innerer Notwendigkeit und äußerer Folgerichtigkeit, und man stellt nicht alles infrage, wenn etwas nicht geglückt ist.

Wie oft hat Julian Nagelsmann Spiele gewonnen, indem er mutige und offensive Einwechslungen vornahm? Viel öfter, als dass er dadurch Spiele verlor, so viel steht fest. Und auch seine manchmal mutig wirkende Startaufstellung hat sich oft genug bewährt. Wie gegen Donezk: Mit Nordtveit auf der 6 trotz zuletzt nicht sehr ermutigender Erfahrungen, mit Zuber im Mittelfeld, wofür dasselbe gilt, und mit Belfodil, der oft kaum zu überzeugen wusste und diesmal als wendiger und kluger Torvorbereiter glänzte. Nordtveit machte seine Sache gut, Zuber erzielte sogar ein Tor und produzierte einen Lattenkracher, Belfodil zeigte, welche Klasse in ihm steckt…

Woran lag es dann, dass unsere Mannschaft das Spiel verlor bzw. die beiden frühen Tore für Donezk das Gesamtbild imgrunde bis zum Schluss nicht aufzuarbeiten waren? Trainer Funkel aus Düsseldorf kommentierte kürzlich die Kritik an Bayern-Trainer Kovac mit den Worten: „Da kann kein Trainer der Welt etwas für, wenn Boateng auf Abseits spielt, nur weil er zu bequem ist, hinterherzurennen.“ Übertragen auf Hoffenheimer Verhältnisse könnte man sagen: „Da kann Julian Nagelsmann nichts für, wenn Vogt seine Sicherheit eingebüßt hat.“

Ja, unser im Sommer fast zu den Bayern gewechselte Kapitän ist nicht mehr der Stabilitätsanker, der er war, des Öfteren irrt er inzwischen im Strafraum umher und war auch an mindestens einem der beiden frühen Gegentore massiv beteiligt, die unserer Mannschaft dann so schwer zu schaffen machten. Der riskante Endspurt zum erhofften Sieg wäre andernfalls möglicherweise gar nicht nötig gewesen. Mag sein, dass ihm Hübner zur Stabilisierung des eigenen Spiels mehr fehlt, als man zunächst dachte: egal wie, defensiv gibt es eine entscheidende Schwachstelle im Spiel der TSG, die sogar Baumann zu verunsichern scheint – auch wenn er mit Weltklasseleistungen kleinere Patzer immer wieder wettmachen kann.

Geht man das gesamte Spiel gedanklich nochmal durch, dann bleibt vor allem ein unfassbar gutes TSG-Gegenpressing, das den konterstarken Ukrainern die Luft zum Kontern fast komplett abschnürte. Daraus entstanden darüber hinaus variable Angriffsbilder mit zwei schönen Toren und jeder Menge weiterer Großchancen, die im Erfolgsfall den Ausgang des Spiels sicher verändert hätten – auch wenn Donezk ebenfalls Großchancen liegenließ. Auf europäischem Niveau hat Hoffenheim damit eine starke Visitenkarte hinterlegt: Donezk und Lyon können von Glück sagen, dass sie noch im Rennen sind.

Natürlich wäre es schön, wenn die Europareise der TSG nicht vor Weihnachten zuende wäre und doch noch der Sprung auf Platz 3 gelänge. Mit einem Sieg in Manchester wäre das sogar möglich, wenn parallel Lyon in der Ukraine gewinnt. Sehr wahrscheinlich ist das aber nicht! Den Kopf hängen lassen sollten dennoch weder die Spieler noch die Fans. Die Mannschaft hat alles versucht, indem sie sich treu blieb, und ist deshalb nicht wirklich gescheitert. Und außerdem könne wir uns ja noch auf Hoffenheimer Hochgeschwindigkeitsfußball in der Liga mit einer hoffentlich bald wieder erstarkten Abwehrreihe freuen!

Fotos: Uwe Grün, Kraichgaufoto

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Alexander H. Gusovius