Rumpelsieg?

Drei Spiele in Folge verloren – und die Leichtigkeit ist hin. Da beschwört der eine oder andere schon mal einen „dreckigen Sieg“ oder ruft, vornehmer ausgedrückt, den ‚Fußballgott‘ an. Liebend gern würde man endlich drei Punkte einfahren, anstatt einmal mehr feinen Fußball zu erleben und ganz unfein die Punkte wegzuschenken. Den schmerzhaften Trend möchte man egal wie umbiegen, zur Not auch unverdient.

War das gestern in Nürnberg die Trendwende? War das der ersehnte Rumpelfußball? Ja und nein. In den ersten Minuten der Partie sah es in jedem Fall stark nach ungepflegtem Fußball aus, was beide Teams da auf dem umso gepflegteren Rasen herzeigten: Fehlpässe in Hülle und Fülle, die kreuz und die quer, meist auf den mittleren 20 Metern des Wettkampffeldes, so dass sich überhaupt kein Spielfluss ergeben wollte. Dann jedoch lösten sich die Gastgeber aus der Verzettelung und spielten sich immer wieder über wenige Stationen durch die Hoffenheimer Reihen, die davon noch konfuser wurden als zuvor schon.

Mit Bangen sah man, wie unsere in vielen Teilen erneuerte Mannschaft vor lauter Verunsicherung über die immer gefährlicher vorgetragenen, blitzschnellen Kombinationen der Clubberer nahezu alles verstolperte, was sonst ihre feine Linie ausmacht. Das nahm hinten seinen Anfang, wo Vogt diesmal Bicakcic und Adams neben sich hatte, setzte sich fort über Grillitsch, der mit Demirbays Kommando im Mittelfeld nicht gut harmonierte, machte insbesondere auch vor Demirbay nicht halt, der über weite Strecken nur im ganz großen Gestus unterwegs sein wollte und damit vieles verdarb, und erstreckte sich auf die Offensive, wo sich Kramaric fast schon gewohnt verzettelte, Joelinton wirkungslos ackerte und Nelson keinen strukturierten Zugang zum Spiel fand.

Da nahm es auch nicht Wunder und vertiefte die Sorgenfalten, dass Adams im Ablaufen entlang der Strafraumgrenze, nur leider innerhalb des Sechzehners, Misidjan zu Fall brachte und Deutschlands weltbester Schiri Zwayer auf den Elfmeterpunkt zeigte. Die Nervosität unserer Spieler konnte natürlich irgendwann Folgen haben – und Schiri Zwayer musste einfach irgendwann eine seiner bombensicheren Fehlentscheidungen treffen. Hier multiplizierte sich beides – und Köln griff nicht ein. Warum? Das ist ein unschwer zu lösendes Geheimnis: Zwayers Fehler sah man nicht als „gravierend“ an, eine Logik, die man sich aber erstmal zutrauen muss nach so vielen gravierenden Mängeln im Zwayer’schen Pfeifentum, der wie zum Beweis seiner besonderen Befähigung am Ende der ersten Halbzeit sage und schreibe sieben Minuten Nachspielzeit gewährte…

Behrens verwandelte das Geschenk in der 18. Minute zum letztlich ja nicht mal unverdienten 1:0 der Nürnberger, deren Fans bzw. Teile davon sich nicht entblödeten, den ähnlich blöde gelagerten Dortmunder Vorbildern mit üblen Spruchbändern und Sprechchören gegen Dietmar Hopp nachzueifern. Früher einmal hagelte es in ähnlichen Momenten Pfiffe von den intelligenteren und herzerfrischenderen Nürnberger Heimfans, diesmal nicht. Es ist an der Zeit, dass sich grundsätzlich bald etwas ändert im Fanbewusstsein.

Erst gegen Ende der ersten Halbzeit gelang es unserer Mannschaft, die viel agiler wirkenden und effizienter zweite Bälle jagenden Nürnberger spielerisch unter Druck zu setzen, und konnte froh sein, dass sie inzwischen nicht weiter in Rückstand geraten war. Nach der Pause knüpfte sie an die paar Minuten vor dem Kabinengang nahtlos an und widerlegte endgültig den Verdacht, sie würde sich in Rumpelkonzepte flüchten. Denn trotz höherer Agilität und besserem Zweikampfverhalten war der Grund für die nun anhebende enorme fußballerische Überlegenheit: ganz einfach überlegener Fußball. Der Schlüssel lag strategisch in der Auswechslung von Grillitsch für Szalai. Damit gerieten sich Demirbay und Grillitsch nicht mehr ins Gehege und war offensiv ein Mann mehr abzudecken, was die Clubberer nachhaltig aus dem Konzept brachte.

Und auf einmal lief die TSG-Maschinerie fast wieder wie geölt: Kramaric wurde zusehends besser, Demirbay produktiver – und Nelson konnte taktisch unbelasteter agieren, was er in der 50. und 57. Minute in zwei kreative Tore ummünzte. Szalai legte in der 67. Minute das dritte Tor nach und schnürte den Sack zu, sodass Nürnberg nach besserem Beginn das schlechtere Ende hatte. Auch die Einwechslungen von Akpoguma für Adams und Hoogma für Nelson in den letzten 20 Minuten führten zu keiner Schwächung…

In der Summe und unterm Strich belohnte sich unsere Mannschaft für das Festhalten an ihren Tugenden und fuhr den Dreier auf eine Weise ein, die es ihr ermöglicht, sich vor Lyon am Dienstagabend nicht fürchten zu müssen: Olympique mit Rumpelfußball abzukochen, wäre auch sicher kein guter Plan gewesen, die Fortsetzung des in Nürnberg wieder erworbenen Spielvermögens dürfte weit aussichtsreicher sein. Und der Heimsieg wäre fast so wichtig, wie es der Sieg in Nürnberg war, um das Ziel, über Weihnachten noch europäisch vertreten zu sein, zu erreichen.

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Alexander H. Gusovius