Geschichte der TSG 1899 Hoffenheim

Gründungsphase

Im Gründungsjahr der TSG, also 1899, wurde in Hoffenheim noch kein Fußball gespielt. Bei der Vereinsgründung stand das Turnen im Vordergrund. Die Hoffenheimer Fußball-Leidenschaft erwachte erst in den 20er des letzten Jahrhunderts, in einem 1920 eigens gegründeten Fußballverein: Kriegsheimkehrer des Ersten Weltkriegs hatten ihre Begeisterung für die in Deutschland noch wenig bekannte Ballsportart aus der englischen Gefangenschaft mitgebracht.

Die „Stolperer“, wie die Fußballer damals im Dorf abfällig genannt wurden, unternahmen dann mehrere Versuche, sich mit dem Turnverein zusammenzuschließen – aber das lehnten die ehrenwerten Turner ab, deren Satzung von 1926 jegliche Fußballbetätigung sogar ausdrücklich ausschloss. Damit glaubte man, die wachsende Fußballbegeisterung austrocknen zu können. Doch gab es im Jahr 1921 in Hoffenheim mit knapp 100 Aktiven bereits zu viele Fußballer, um den neuen Sport noch unterbinden zu können, auch nicht von der Gemeinde aus, die sich anfangs ebenfalls nach Kräften gegen den neuen Fußballsport wehrte; zum Beispiel bei der Suche nach einem geeigneten Spielfeld.

Zunächst wollte man das „derbe“ Fußballspielen sogar komplett verbieten, so dass die Hoffenheimer Fußballer längere Zeit gezwungen waren, auf Höfen und anderen freien Flächen zu kicken, die privat zur Verfügung gestellt wurden. Zu dieser Zeit war man auch in Hoffenheim tief in traditionelle Denkmuster verstrickt.

Es sollte bis nach dem Zeiten Weltkrieg brauchen, dass die Fusion von Turn- und Fußballverein gelang und jene TSG Hoffenheim gegründet werden konnte, die dann im Jahr 2006 durch den Zusatz des eigentlichen Gründungsjahrs in TSG 1899 Hoffenheim umbenannt wurde. Der effektive Gründungsmoment des heutigen Bundesligisten ist und bleibt trotzdem das Jahr 1899, auch wenn der Fußball erst um das Jahr 1920 herum dazukam. Wer die historischen Daten jedoch richtig eng auslegen will, darf den 7. März 1946 nicht ignorieren. An diesem Tag kam es zur förmlichen Vereinigung des inoffiziellen Hoffenheimer Fußballs mit der im Jahr 1899 offiziell gegründeten TSG.

Jahre des Aufbruchs

Nachdem 1957 eine neue Vereinssatzung in Kraft getreten und die TSG vom Badischen Sportbund der Kreisklasse zugeordnet worden war, entfaltete sich über Jahre hinweg ein typisch dörfliches Fußballgeschehen auf der untersten Liga-Ebene. Immerhin stellte sich früh ein gewisser Erfolg ein; zweimal Ende der 50er und Anfang der 60er Jahre stand man vor dem Aufstieg in die 2. Amateurliga. Schwächere Spiele gegen Ende der Saison ließen die Ambitionen aber jeweils ins Leere laufen.

1971 entstand das erste eigene Clubhaus. Sportlich verharrte man einstweilen weiter auf Kreisliganiveau, mischte gelegentlich jedoch auch in der Bezirksliga mit –auf gepflegterem Spielfeld als früher, soweit die privaten und vereinseigenen Mittel reichten, aber ohne jeden nennenswerten Beistand von außen.

Als Hoffenheim im Jahr 1989 wieder einmal aus der Bezirksliga abstieg, entschied sich Dietmar Hopp, der seinem Heimatverein immer treu geblieben war, helfend einzugreifen. Er war unter den Zuschauern, als das Relegationsspiel zum Klassenerhalt in die Verlängerung gegangen und verloren worden war. Am nächsten Tag teilte er den Verantwortlichen mit, dass er den Verein finanziell unterstützen wolle.

Niemand ahnte, dass damit der Startpunkt für einen beispiellosen, zwanzigjährigen Durchmarsch eines Fußballvereins von der untersten in die oberste deutsche Spielklasse gesetzt war, denn zunächst ging es um nicht mehr als 10.000 Mark für Bälle und Trainingsausrüstung. Wenn man zu dieser Zeit in Hoffenheim von etwas träumte, dann von der Oberliga.

1991 gelang zunächst der Wiederaufstieg in die Bezirksliga, 1992 erreichte die TSG die Landesliga. Nach vier Jahren ging es noch eine Stufe höher, in die Verbandsliga, wo Hoffenheim weitere vier Jahre zubrachte, aber bereits ab dem zweiten Jahr um den nächsten Aufstieg mitspielte. Im Jahr 2000 war auch diese Nuss geknackt, und schon nach einem Jahr Oberliga ging es erneut nach oben.

Es folgten sechs Jahre Regionalliga, bis 2007 der einjährige Aufenthalt in der 2. Bundesliga begann, der in den Aufstieg in die 1. Bundesliga mündete. Über alle diese Jahre hinweg war Dietmar Hopp an den Wochenenden bei fast jedem Heimspiel anwesend oder ließ sich im Kleinbus – zusammen mit Freunden – zu den Auswärtsspielen fahren.

Wer die geschilderten Stationen für eine beschauliche Entwicklung hält, irrt sich. In Wirklichkeit waren all die Jahre ein zähes Ringen um Leistung und Konzepte. Dabei spielte die finanzielle Ausstattung durch Dietmar Hopp bestimmt keine kleine Rolle, sie nahm in Abständen auch immer wieder zu. Ab 2002 standen zum ersten Mal sogar zwei ehemalige Bundesligaspieler im Kader, der sich bis dahin vorwiegend aus jungen Spielern der Region rekrutiert hatte. Und ab 1999 spielte der Verein zwar weiter an althergebrachter Wirkungsstätte, idyllisch gelegen am Waldrand oberhalb Hoffenheims, aber von nun an in einem neuen Stadion für 4500 Zu-schauer, das dem Verein von Dietmar Hopp übereignet worden war.

Die sportliche Entwicklung in Hoffenheim war kein Spaziergang. Ohne finanzielle Zuwendungen nicht zu denken, mussten ständig neue strategische Entscheidungen getroffen werden, um der jeweils veränderten Lage in einer neuen Liga gerecht werden zu können. Trainer und Spieler kamen und gingen, und in der aufblühenden Wirtschaftsperiode der 80er stieg die Erwartungshaltung des Publikums stetig an. Es war alles andere als einfach, die einsetzenden Fliehkräfte unter einen Hut zu bringen, Kontinuität zu entwickeln – und weiter erfolgreich zu sein.

Der Leitstern bei alldem war zunächst nur, durch einfache Verbesserungen aus dem unerfreulichen Existenzkampf der untersten Ligen herauszukommen. Außerdem wollte man jüngeren Spielern, nicht zuletzt den Vereinsjugendlichen, qualifiziertere Trainingsbedingungen anbieten können. Als das erfolgreich umgesetzt war, schien es im nächsten Schritt richtig, all die gut ausgebildeten jungen Spieler sportlich an den Heimatverein zu binden und nicht länger an andere Vereine zu verlieren. Die TSG kam nicht umhin, dazu auch eine neue Identifikationsfläche zu entwickeln.

Also musste sie sich, um das inzwischen Erreichte in seinen weitläufigen Folgen nicht preiszugeben, noch weiter oben in den Ligen festsetzen. Der Gedanke an den Profibereich war dabei jedoch immer noch in weiter Ferne, trotz der im Amateurbereich bereits üblichen Handgelder – die aber imgrunde nicht anderes waren als eine zeitgemäße Entsprechung zu dem, was früher auch Dietmar Hopp als jugendlicher TSG-Stürmer pro erzieltem Tor vom Dorfmetzger bekommen hatte: eine Dose Wurst.

Zu Überlegungen, nun auch noch das professionelle Fußballgeschäft in Angriff zu nehmen, kam es erst, als unausweichlich klar wurde, dass der inzwischen immer weiter entwickelte, vorbildliche Hoffenheimer Trainingsapparat nicht der TSG, sondern Profi-Vereinen nah und fern zugute kommen würde. Junge Spieler der Umgebung, in Hoffenheim glänzend ausgebildet, zog es ohne geeignete Perspektive zu potenten Vereinen, wo sie mit dem Sport, den sie in Hoffenheim erlernt hatten, Geld verdienen konnten. Es half also alles nichts: was aus Liebhaberei begonnen worden war und ausgebaut wurde, um Jugendliche von der Straße in den Verein zu holen und im Sport wertvolle Erfahrungen fürs spätere Leben machen zu lassen, musste noch weiter ausgebaut werden.

Profifußball

Mit dem Schritt in den Profibereich vollzog man strukturell endgültig den Schritt weg vom Dorfklub, als der 1899 Hoffenheim heutzutage auch nicht mehr ernsthaft wahrgenommen wird. Seitens der TSG weiß man den Beinamen Dorfklub wegen der damit verbundenen soliden, heimatverbundenen Werte trotzdem zu schätzen. Schließlich ist es nichts Schlechtes, wenn man als bodenständig, überschaubar, sympathisch, sozial und authentisch gilt.

Nach wie vor trägt der Verein darum den ursprünglichen Dorfnamen und hat sogar bis zum Aufstieg in die 1. Bundesliga noch in Hoffenheim selbst Fußball gespielt. Aber da war das Gesamtgebilde TSG 1899 Hoffenheim schon längst der kleinen Kommune von 3263 Einwohnern (Stand 2009) entwachsen und sportlich wie geschäftlich Teil der Metropolregion Rhein-Neckar geworden.

Nachdem weder Mannheim noch Karlsruhe mehr erstklassigen Profifußball anbieten konnten, ist 1899 Hoffenheim inzwischen der entscheidende Anker für Bundesligafußball in der Metropolregion Rhein-Neckar bzw. der Kurpfalz mit ihren weit über zwei Millionen Einwohnern und potentiellen Fußballfans. Im Laufe der zunehmenden Professionalisierung und Loslösung vom dörflichen Fußballbetrieb kam deshalb irgendwann auch die Idee auf, den Verein in FC Kurpfalz umzubenennen. Das ist zum Glück unterblieben.

Bis zum Jahr 2005 hatte der Verein sich in der Drittklassigkeit etabliert, schaffte es aber nicht, den Aufstieg in die 2. Liga erfolgversprechend anzugehen. Darum schlug Dietmar Hopp vor, die Kräfte in der Region zu bündeln und aus seinem Verein sowie den Vereinen FC Astoria Waldorf und SV Sandhausen einen neuen Verein mit dem Namen FC Heidelberg 06 zu formen. Dazu sollte ein neues, großes Stadion in Heidelberg gebaut werden, um das Projekt einerseits vom großen Namen der Stadt Heidelberg und andererseits von ihrer idealen Lage mitten in der Metropolregion profitieren zu lassen.

Der Plan scheiterte an einem Heidelberger Unternehmer und manchen Heidelberger kommunalen Bedenken. Zudem zog der SV Sandhausen es vor, eigenständig zu bleiben, und schied aus der geplanten Kooperation aus. Walldorf indessen verbindet bis heute eine vielfältig verzahnte, fruchtbare fußballerische Kooperation mit 1899 Hoffenheim.

In der Folge schulterte 1899 Hoffenheim den Ausbau des Profifußballs in der Region allein: Dietmar Hopp ließ das von ihm finanzierte neue Stadion neben der A 6 in Sinsheim bauen, nur vier Kilometer von Hoffenheim entfernt, gegenüber dem Auto- und Technikmuseum, das durch die von weither sichtbare, gleich neben der Autobahn aufgestellte Concorde überregionale Bekanntheit erlangt hat.

Regionalliga

Wegen des nur 15 Jahre dauernden Aufstiegs von Hoffenheim aus der untersten Spielklasse in die Regionalliga waren die Jahre vollgepackt mit immer neuen Erfahrungen in ständig gesteigerter sportlicher Dimension. Die folgenden, etwas chaotischen fünf Jahre in der Regionalliga wirken darum wie eine Zeit des Einhaltens und Luftholens auf der Schwelle zum endgültigen Profibetrieb. Und so ist diese Periode auch als eine Art Trainingscamp zu verstehen, in dem man sich mit den vielfältigen Bedingungen des professionellen Fußballs vertraut machen konnte.

In den Jahren des Aufenthalts in der Regionalliga, der nach der vereinseigenen Planung durchaus noch etwas länger hätte dauern dürfen, hat 1899 Hoffenheim wie im Zeitraffer sämtliche Phasen des sportlichen Erwachsenwerdens durchlaufen und sich das Rüstzeug für alles Weitere besorgt. In der ersten Regionalligasaison belegte man mit Hansi Flick als Trainer, der auch den Aufstieg aus der Oberliga bewältigt hatte, zwar nur Platz 13. In den Jahren danach setzte man sich jedoch im ersten Tabellendrittel fest und wurde vor allem viermal hintereinander badischer Pokalsieger. Damit war man jeweils zur Teilnahme an der Endrunde des DFB-Pokals berechtigt, was im Jahr 2004 sogar bis ins Viertelfinale führte, nachdem man im Dezember 2003 den Bundesligisten Bayer Leverkusen triumphal ausgeschaltet hatte.

Vieles von dem, was 1899 Hoffenheim heute ausmacht, wurde in diesen bewegten Jahren geboren, zum Beispiel die starke Verzahnung mit der SAP. Fußballspieler konnten beim Software-Konzern halbtags arbeiten und hatten beste Aussichten auf spätere Vollbeschäftigung.

Durch das gute Abschneiden in der dritten Spielklasse und im Pokal wuchs der Hunger nach sichtbarerem Erfolg. Und durch Hansi Flick waren dafür gute Grundlagen gelegt. Manche seiner Entscheidungen, etwa Ruhezimmer für Spieler über die Mittagszeit einzurichten, wie auch seine sehr persönliche und feinfühlige, auf Harmonie abzielende Trainerhandschrift, erinnern in den Grundzügen schon an den heutigen Erstligisten. Mit Hansi Flick hielten auch früh wissenschaftliche Methoden Einzug in Hoffenheim, die erst durch Jürgen Klinsmann anlässlich der WM 2006 einem breiteren deutschen Publikum richtig bewusst wurden – während man im Ausland schon länger damit hantierte und sportlich auch besser abschnitt.

Zunächst wurde, um den fest vorgenommenen Aufstieg in die 2. Bundesliga zu schaffen, 2005 der ehemalige Nationalspieler und geniale Defensivmann Karl-Heinz Förster beratend ins Management aufgenommen, während Hansi Flick nach fünfjähriger Trainertätigkeit, infolge inhaltlicher Differenzen und nach verpasstem Aufstieg, seinen Stuhl zunächst für Roland Dickgießer räumen musste, der aber nur bis zum Jahresende als Interimstrainer zur Verfügung stand. Anschließend wurde Lorenz-Günther Köstner Cheftrainer in Hoffenheim. Nachdem ein knappes Jahr später der gewünschte Erfolg ausgeblieben war, bat Köstner 2006 den Verein aus freien Stücken um seine Demission, worauf auch Förster den Verein verließ.

Die Saison 2005/2006 entwickelte sich, trotz oder wegen des erhofften Starts in höhere Regionen, zu einem regelrechten Katastrophenjahr, indem zunächst die langjährige, fruchtbare Zusammenarbeit mit Hansi Flick endete. Dann tauchte sogar der Staatsanwalt kurzfristig in Hoffenheim auf und ermittelte, glücklicherweise vergeblich, wegen eines Wettskandals, in den einer der Spieler verstrickt zu sein schien.

Wenigstens entwickelte sich die angestrebte Zusammenarbeit mit Walldorf so positiv wie gewünscht, nicht zuletzt deshalb, weil Roland Dickgießer nach seinem kurzen Engagement Trainer in Walldorf wurde.
Spielerkäufe unter Köstner hatten zuletzt Zwist in die Mannschaft getragen. Der finanzielle Abstand der Neuverpflichtungen und Vollprofis zum bisherigen Status quo schürte Neid, ohne dass die neuen Spieler die Leistung der Mannschaft nennenswert zu steigern vermochten – nach langer erfolgreicher Wegstrecke begann sich Unordnung in Hoffenheim breitzumachen, die das ambitionierte Unternehmen in einem Moment bedrohte, der auf besonders nachhaltigen Erfolg ausgerichtet war.

In Hoffenheim war der Wille zur Neuausrichtung groß genug, um das einsetzende Chaos zu überwinden und gestärkt daraus hervorzugehen. Der Heidelberger Rückzug in Sachen Stadionbau etwa ließ die Pläne für eine neue, adäquate Heimstatt nicht einfrieren, sondern trieb sie voran in Richtung Sinsheim, zu dem Hoffenheim als eingemeindeter Stadtteil ohnehin beste Beziehungen unterhielt.

Zu Beginn der Saison 2006/2007 gelang dann noch die Verpflichtung von Ralf Rangnick. Seine Vorstellungen von dynamischer Trainertätigkeit passten ideal zu den Hoffenheimer Zukunftsideen. Hinzu kamen Bernhard Peters, Hockeytrainer von Weltrang, und Jan Schindelmeiser, ein bis dahin weitgehend unbekannter, talentierter Manager. Dieses Dreigespann, vermehrt um Dieter Hermann, zugleich Psychologe der Nationalmannschaft, zeichnete über Jahre für die rasche weitere Entwicklung verantwortlich, während mit Jochen A. Rotthaus ein Marketing-Experte als neuer Geschäftsführer nach Hoffenheim gekommen war.

Einige sportlich-kreative Neuverpflichtungen, etwa durch Francisco Copado, Tobias Weis, Sejad Salihovic und Christoph Janker, reicherten das spielerische Potential so weit an, dass gleich in Rangnicks erstem Jahr der Aufstieg in die 2. Bundesliga gelang. Dabei stand 1899 Hoffenheim am vierten Spieltag seiner letzten Regionalligasaison noch auf einem viel belächelten Abstiegsplatz. Danach folgten jedoch 13 Spiele ohne Niederlage und eine noch glanzvollere Rückrunde, so dass der Aufstieg bereits fünf Spieltage vor Saisonende sicher war.

2. Bundesliga

Im beschaulichen Hoffenheim begann eine Zeit hoher Betriebsamkeit. Mit dem Aufstieg hielt von nun an alle zwei Wochen ein Tross Einzug ins Dorf, bestehend aus tausenden regionalen eigenen sowie auswärtigen Fans, aus Fernsehstationen, Reportern und Logistiktrupps. Zunehmend hingen blau-weiße Fahnen an privaten Häusern, säumten blau-weiße Wimpel die kurzen Wege durchs Dorf hinauf zum Stadion.

Eigentliches Ziel der Saison war, sich in der zweiten Profiliga zu etablieren, weiter Erfahrungen zu sammeln – und mit weiteren Schritten mindestens auf die Fertigstellung des neuen Stadions im Jahr 2009 zu warten. Denn das behagliche, über den Dächern von Hoffenheim gelegene Dietmar-Hopp-Stadion war trotz der inzwischen auf 6350 aufgestockten Zuschauerplätze nicht wirklich zweitligatauglich und würde vom DFB auch keine Überbrückungsfreigabe für die 1. Bundesliga erhalten.

Nach der halben Saison sah es auch nicht danach aus, als würde man um den Aufstieg in die erste Liga mitspielen. Zu Saisonbeginn hatte man einige junge unbekannte Talente eingekauft bzw. ausgeliehen, namens Chinedu Obasi, Demba Ba, Luiz Gustavo, Issac Vorsah und Carlos Eduardo. Die kosteten zwar etwas mehr Geld, als die Konkurrenz auszugeben imstande war, sollten aber erst längerfristig die Mannschaft verstärken, zur Vorbereitung des späteren Aufstiegs. Andere unbekannte, ebenfalls sehr junge Spieler hatte Ralf Rangnick teils zu Saisonbeginn, teils zu Beginn der Rückrunde verpflichtet, die wenig kosteten und in ihren Vereinen nicht immer hoch im Ansehen standen. Dazu gehörten Vedad Ibisevic, Andreas Ibertsberger und Marvin Compper, während Matthias Jaissle aus der U 23 zur Mannschaft stieß. Ramazan Özcan aus Österreich vervollständigte den Kaderzuwachs, während Leistungsträger wie Francisco Copado oder Selim Teber weiter auf hohem Niveau unterwegs waren.

Daraus wuchs in der Rückrunde eine derart schlagkräftige Truppe zusammen, dass die Tabelle Zug um Zug erobert werden konnte. Der Siegeszug durch die zweite Liga begann mit vier Toren zuhause gegen Mönchengladbach, nachdem man zunächst 2:0 zurückgelegen war. Danach griff das offensiv-schnelle, dynamische Räderwerk immer besser ineinander. Sieben Spieltage vor Ende der Saison geriet die Mannschaft zwar etwas ins Straucheln, aber die junge Truppe fing sich sofort wieder und verlor nur noch ein einziges Spiel, und zwar in Köln.

Drei Spiele später lag der Ausgang der Zweitligasaison am letzten Spieltag in Hoffenheimer Hand, der Gegner kam aus Fürth. Vor dem Dietmar-Hopp-Stadion drängten sich blau-weiße Menschenmassen, es herrschte Andrang wie noch bei keinem Spiel zuvor. Und die Nerven der Zuschauer lagen blank, trotz fröhlicher und spürbar optimistischer Stimmung.

In der 39. Minute erlöste Demba Ba die Zuschauer mit dem 1:0 für einen kurzen Moment aus der schmerzhaften Anspannung. Aber Fürth zeigte den erwarteten Kampfgeist, jederzeit konnte das Gegentor fallen. Es dauerte bis zur 69. Minute, als Salihovic einen Foulelfmeter zum 2:0 verwandelte, ehe sich bei Fans und Mannschaft nachhaltige Erleichterung und halb schon die Gewissheit breitmachte, den sensationellen Aufstieg in die 1. Bundesliga tatsächlich zu erreichen. Danach ging es, fast wie im Rausch, Schlag auf Schlag, wieder Salihovic und zweimal Obasi mit genialem Lauf übers halbe Spielfeld erhöhten auf 5:0, nichts und niemand schien die Mannschaft mehr aufhalten zu können. Als der Schiedsrichter die Partie in der 91. Minute abpfiff, hatte Dietmar Hopp sich das vorbereitete Aufstiegs-T-Shirt mit dem sprechenden Aufdruck 1899% ERSTKLASSIG längst übergestreift.

Nach vielen Schmähungen und Anfeindungen fast über die gesamte Zweitligasaison hinweg war im grenzenlosen Jubel, das Unmögliche geschafft zu haben, auch ein Stück Genugtuung dabei. Eine ausgelassene Feier mit 10.000 Fans aus der gesamten Region, die man dem angeblich so traditionslosen Verein nicht zugetraut hatte, zog weiter in die Sinsheimer Messehalle und dauerte bis zum nächsten Tag.

Herbstmeisterschaft

Nur ein Jahr zuvor hatte man den organisatorischen Sprung in die 2. Liga vollbracht und das viel zu kleine Dietmar-Hopp-Stadion in Hoffenheim für kommende Zeiten ausgebaut. Aber schon war auch diese Heimstatt zu eng geworden, während das große, eigene Stadion in Sinsheim noch Baustelle war. In Mannheim fand man ein passendes Ausweichquartier. Das Carl-Benz-Stadion fasste ungefähr 27.000 Zuschauer, musste zuvor aber noch mit neuem Rasen, neuer Technik und auch sonst etlichen Verbesserungen versehen werden.

Der Spielplan dieser ersten Bundesliga-Saison gestaltete sich für Hoffenheim günstig. Als erstes stand ein Auswärtsspiel gegen Cottbus auf dem Programm. Mit dem einzigen Neuzugang Andreas Beck kam die TSG in der Lausitz zu einem ungefährdeten Sieg. Die beiden Tore von Ibisevic erregten zu diesem Zeitpunkt noch nicht viel Aufmerksamkeit. Als er im ersten Heimspiel in Mannheim vor gegen Mitaufsteiger Gladbach erneut traf, begann sich das zu ändern. Und auch im nächsten Spiel in Leverkusen, das 5:2 verloren ging, traf der Bosnier.

Das zweite Heimspiel gegen Stuttgart endete 0:0, aber 1899 Hoffenheim agierte auf Augenhöhe mit den Stuttgarter Traditionskollegen – und spielte in der nächsten Heim-Begegnung den nächsten Traditionsklub an die Wand. Am Ende stand es gegen eine chancenlose Borussia aus Dortmund 4:1. Danach kam es zu jener legendären sportlichen Auseinandersetzung in Bremen, die knapp verloren wurde, aber 1899 Hoffenheim war im Bewusstsein der Liga endgültig verankert.

Es folgten in einer englischen Woche zwei Spiele, auswärts gegen Bochum und zuhause gegen Karlsruhe, beide Male schlug ein Sieg zubuche. Damit führte Hoffenheim die Bundesligatabelle an. Bei Hertha BSC ging danach die Partie 1:0 verloren, gegen Wolfsburg spielte man 3:2, es folgte ein souveräner 3:1-Auswärtssieg in Köln.

Mit 3:0 überwand man Arminia Bielefeld, dann fieberte die ganze Fußballrepublik dem Spiel gegen Bayern München unter Jürgen Klinsmann entgegen. Die Bayern gingen Hoffenheims hohes Tempo von der ersten bis zur letzten Minute mit und erwiesen sich als der mit Abstand stärkste Gegner der Hinrunde; sie gewannen kurz vor Schluss mehr als glücklich mit 2:1. Aber die Tabellenführung blieb in Hoffenheim, auch nachdem im letzten Hinrundenspiel gegen Schalke ein Unentschieden heraussprang.

Damit stand die inoffizielle Herbstmeisterschaft 2008 fest. Ibisevic führte einsam die Torjägerliste mit 18 Toren an, die Hoffenheimer Stars Demba Ba, Chinedu Obasi, Sejad Salihovic, Carlos Eduardo, Luiz Gustavo und Vedad Ibisevic verzauberten die Fans nah und fern. Die Hoffenheimer Geschäftsstelle arbeitete auch in der Winterpause auf Hochtouren, zum Rückrundenstart stand der Umzug in die nagelneue Rhein-Neckar-Arena an – das dritte Stadion in zwei Jahren.

Dass die Erfolgswelle in der Rückrunde dramatisch abebbte, lag an einigen schweren Verletzungen, besonders von Ibisevic, und an der Unerfahrenheit aller Beteiligten. Trotzdem: Hoffenheim hatte sich als neue Marke im Oberhaus platziert. Und die TSG versöhnte im letzten Heimspiel der Saison die eigenen Zuschauer noch einmal glanzvoll. Es war ein furioses Spiel, das Hoffenheim gegen die Bayern ablieferte, allen voran durch Carlos Eduardo, der Bayernstar Ribéry weit in den Schatten stellte. Den Bayern, die den Erneuerer Klinsmann längst gegen Jupp Heynckes ausgetauscht hatten, tat das Endergebnis, ein gerechtes 2:2, reichlich weh. Es beendete ihre Titelträume.

Gegen Schalke 04 lag am letzten Spieltag das spielerische Übergewicht in der ersten Halbzeit bei den Hausherren. Trotzdem ging Hoffenheim in Führung, musste bis zur Pause aber zwei Gegentreffer hinnehmen. Nach der Pause zeigte die Mannschaft wieder ihr offensives, spielfreudiges Gesicht, erzielte durch ein sensationelles Freistoßtor von Eduardo den Ausgleich und zuletzt auch noch den Siegtreffer. Insgesamt sicherte sich Hoffenheim als bester Aufsteiger und wankelmütigster Herbstmeister aller Zeiten den 7. Platz in der Abschlusstabelle.

Schwierige Zeiten

Noch eineinhalb Jahre blieb Ralf Rangnick danach Cheftrainer in Hoffenheim, ohne an den berauschenden Erfolgsfußball „seiner“ TSG wieder anknüpfen zu können, die Saison 2009/2010 endete auf Platz 11. Es kam zur Trennung von Jan Schindelmeiser und zur Verpflichtung von Ernst Tanner als Sportdirektor.

In der Saison 2010/2011 ging es ähnlich schleppend weiter. In der Winterpause folgte der Weggang von Luiz Gustavo zu den Bayern, nachdem zuvor auch schon Carlos Eduardo verkauft worden war. Ralf Rangnick verstand die Causa Luiz Gustavo fälschlich als Vertrauensbruch und gab auf. Anschließend verließ Demba Ba die TSG ohne deren Zustimmung.

Sein Nachfolger, der unerfahrene Marco Pezzaiuoli, vermochte der Saison 2010/2011 ebenso wenig Glanz zu verleihen, so dass zu Beginn der vierten Saison im Oberhaus das St.-Pauli-Urgestein Holger Stanislawski bei der TSG anheuerte. Doch auch „Stani“ war wenig Glück beschieden, die Hoffenheimer Leistungskurve zeigte in der Saison 2011/2012 immer weiter nach unten, mit der Folge, dass im Frühjahr 2011 Markus Babbel neuer Cheftrainer und zugleich auch Sportdirektor wurde.

Nahm sich die Führung des Ex-Bayern zunächst noch erfolgversprechend aus, brach im Laufe der Folgesaison 2012/2013 Hoffenheims bislang schwerste Periode an. Etliche zweifelhafte Einkäufe belasteten die Stimmung und Strukturen, Hoffenheim spielte immer desolater. Schließlich blieb den Verantwortlichen nichts übrig, als Babbel zu entlassen, dem zuvor schon Sportdirektor Andreas Müller an die Seite gestellt worden war.

Auf U-23-Trainer Frank Kramer, der den Chefsessel bis zur Winterpause übernahm, folgte Trainer Marco Kurz, der den Absturz in die Abstiegszone der Tabelle aber ebenfalls nicht aufzuhalten vermochte. Wieder kam es zu etlichen fragwürdigen Neuverpflichtungen, bis der Verein sieben Spieltage vor Schluss die Notbremse zog und das Duo Müller/Kurz entließ. Ihre Nachfolger Markus Gisdol und Alexander Rosen schafften das unmöglich Erscheinende.

Obwohl ihnen beim scheinbar unausweichlichen Abstieg die Weiterbeschäftigung versprochen war, schafften sie es, die fast versiegte alte Hoffenheimer Spielfreude wieder aufleben zu lassen und sich bis zum letzten Spieltag auf Schlagweite zum Relegationsplatz heranzuarbeiten. Um ihn tatsächlich zu erreichen, musste allerdings ein Sieg in Dortmund her, beim Champions-League-Finalisten, was in einem atemberaubend spannenden und dramatischen Spiel auch gelang. Die Relegationsspiele gegen Kaiserslautern wurden beide gewonnen.

Die Saison 2013/2014 unter Gisdol und Rosen brachte neben der Berufung von Peter Rettig als leitendem Geschäftsführer vor allem Erleichterung – und viel Spektakel. Hoffenheim erzielte wieder Tore wie am Fließband, kassierte nahezu genauso viele, konnte sich aber mit Platz 9 auf der Abschlusstabelle den gewünschten, ungefährdeten Mittelfeldplatz sichern.


Quellen
– Wikipedia
– Alexander Hans Gusovius: Das Prinzip Hoffenheim, Tectum Verlag 2011
– achtzehn99-Stadionmagazin 2013/14, Ausgabe 16
– www.achtzehn99.de