Geschäftsmodelle im Fußball

Der Stein des Anstoßes

Ja, es ist wahr: 1899 Hoffenheim ist als Bundesligist etwas anders als andere Bundesligisten! Viele freut’s, andere finden sich damit ab, manche nur mit Mühe… Dabei hat eigentlich jeder Bundesligist ein eigenständiges Profil, was auch gut so ist und von der übergroßen Mehrheit der deutschen Fußballfans bereitwillig akzeptiert wird. Nur über 1899 Hoffenheim gehen die Meinungen bislang deutlich auseinander.

Woran liegt das? Natürlich am Geschäftsmodell der TSG. Das finanzielle Engagement von Dietmar Hopp, ohne das die TSG nicht so weit gekommen wäre, wie sie heute in der Bundesliga dasteht, wird gern als Störfaktor angesehen. Aber ist das wirklich so? Ist das Geschäftsmodell der TSG wirklich ein Stein des Anstoßes nach der Devise „Hier-der-ehrliche-Fußball“, „Da-die-gekaufte-Existenz“?

Um vom verhärteten, ideologischen Meinungskampf wegzukommen und sich ein objektives Bild machen zu können, muss man die Fakten genauer in Betracht nehmen. Und dazu den Fußball aus etwas weiterem Blickwinkel beobachten, als das sonst der Fall ist. Dazu gehört besonders der Blick auf die in Deutschland geltende 50+1Regelung:

Diese für alle Profi-Fußballvereine gleichermaßen geltende Regelung besagt nämlich, dass Vereine, die in Kapitalgesellschaften umgewandelt wurden, mindestens 50 Prozent plus eine Stimme der Anteile unter ihrer Kontrolle haben müssen. Damit soll verhindert werden, dass Großinvestoren wie in England leichten Zugriff auf den Profifußball erlangen.

Sinn und Zweck der Regel ist es, die gewachsene Vielfalt im fußballerischen Oberhaus zu erhalten und zugleich auszuschließen, dass einige wenige, von Großinvestoren beherrschte Klubs die Meisterschaft samt den lukrativen internationalen Plätzen unter sich ausmachen oder zum Spielball rein kommerzieller Interessen werden…

50+1 und Erfolg

Seitens 1899 Hoffenheim und Dietmar Hopp sind sämtliche diesbezüglichen Ligaauflagen allerdings vollauf erfüllt und nachprüfbar. Warum sieht sich die TSG trotzdem noch Angriffen ausgesetzt, die in der Öffentlichkeit den Eindruck erwecken, 1899 Hoffenheim entspreche in seiner finanziellen Gestalt nicht den Regularien des deutschen Fußballs?

Der Grund dafür ist (irgendwie auch verstehbarer) Unmut über den nachhaltigen Erfolg der TSG – während andere Vereine, früher traditionell in der obersten Spielklasse angesiedelt, sich in der 2. Liga einzurichten beginnen. Und dafür werden dann eben Ventile gesucht, gleichgültig, wie stichhaltig die Vorwürfe sind. Dabei könnte Neid auch eine kleine Rolle spielen: Verantwortliche anderer Vereine haben immerhin zugegeben, dass sie den eigenen Verein gern von Dietmar Hopp unterstützt sähen.

Wenn man die Zusammenhänge richtig und angemessen bewerten will, muss man noch ein Stück weiter ausholen. Denn im Sport stellt sich, nicht anders als im gewöhnlichen Leben, die Frage bezüglich der Dauer von Erfolg. Natürlich kann man auf der Basis finanzieller Vorteile kurzfristig Erfolge einfahren, aber es ist schwer, Erfolge längerfristig zu wahren. Dafür ist es unumgänglich, das Erreichte zu steigern und leistungsbezogen immer neu anzugehen – was wiederum Fähigkeiten erfordert, die mit Geld nicht zu kaufen sind.

Daran wird sichtbar, welche Grenzen dem Erfolg der TSG gesetzt sind, wenn sie nicht etwas macht aus dem Start, den ihr Dietmar Hopp ermöglicht hat. Erst dadurch, dass die TSG vernünftig handelt, plant und längerfristig erfolgreichen Fußball spielt, kann sie sich in der Bundesliga fest etablieren.

Das alles muss man bedenken, bevor man sich über den bisherigen und den zukünftigen Erfolg von 1899 Hoffenheim Gedanken machen und darüber urteilen will. Kurzfristiger Erfolg einer fußballerischen Eintagsfliege ist bei der TSG nachweisbar nicht das Ziel, und nur das wäre mit Geld einigermaßen zu regeln.

Zukunft und Jugend

Eine langfristige Positionierung im professionellen Spitzenfußball, wie sie Hoffenheim anstrebt, bedarf weitaus subtilerer Fähigkeiten, als sie auf dem Transfermarkt ins Einkaufskörbchen zu legen sind. Und so ist es weder Zufall noch ein Wunder, dass der bisherige Erfolg von Hoffenheim nicht mit teuren Stars bewältigt wurde, sondern mit jungen, sehr jungen Spielern.

Das eingesetzte Geld ist auch nur zu geringen Teilen in den Einkauf solcher Talente geflossen, die darüber hinaus ja keinerlei Erfolgsgarantie boten, sondern erst ausgebildet werden mussten. Der überwiegende Teil der Sponsorensummen, ca. 80%, floss vielmehr in die Infrastruktur wie neues Stadion, neue Geschäftsstelle, regionale Ausbildungszentren, Jugendzentren und Bolzplätze, die allesamt dazu da sind, nachwachsenden Talenten dabei zu helfen, in die angepeilte, aber eben nicht garantierte oder erkaufte Erfolgsspur einzutreten.

In der Summe ergibt sich ein Bild, das nicht als Verstoß gegen die 50+1-Regelung und auch nicht als simpler Beweis der „Geld-schießt-Tore“-Regel anzusehen ist. Stattdessen stellt sich 1899 Hoffenheim als ein Verein dar, der mit äußerster Gründlichkeit von vornherein den Ausbau der sportlichen Basis betrieb – lange bevor der kernsportliche Erfolg konkret planbar war oder überhaupt ins Auge gefasst werden konnte.

In jedem Fall greift es viel zu kurz, zu sagen, dass allein Geld Erfolge garantiert. Wäre das so, würde Bayern München seine Titel im Schlaf erringen. Das sichtbare Gegenteil ist aber der Fall: wann immer man in München phasenweise der vermeintlichen Garantie von Erfolg erlag, blieb er aus.

Wäre Geld ein Erfolgsgarant, hätte auch Borussia Dortmund sich nach seinem legendären Börsengang einst nachhaltig im Spitzenfußball etablieren müssen. Aber das geschah nicht. Ganz im Gegenteil hat der Verein seither mit weitaus weniger Geld sehr darum kämpfen müssen, wieder Anschluss an die ganz großen Erfolge zu finden. Der überraschende Meistertitel 2011 gelang bezeichnenderweise mit einer jungen, gar nicht teuren Mannschaft nach harter finanzieller Sanierung und führte bis ins Finale der Champions-League.

In Hoffenheim sind die Zeichen zudem nicht auf fortwährende Unterstützung durch Dietmar Hopp gestellt, sondern darauf, den Verein möglichst bald unabhängig von finanziellen Zuschüssen zu machen. Die wiedergefundene Attraktivität des in Hoffenheim gespielten Fußballs trägt dazu bei, dass der Zielkorridor schwarzer Zahlen wahrscheinlich bald erreicht wird.

Vorbild Retortenklub?

Neben dem Geldvorwurf ist es der Vorwurf fehlender Tradition, der 1899 Hoffenheim trifft. Mit beiden verbunden ist der Vorwurf, ein Retortenklub zu sein – also ein Verein, der auf dem Reißbrett entworfen worden sei und den gewachsenen Biotop traditioneller Profivereine empfindlich störe. Über Jahre hinweg prasselten solche Vorwürfe auf die Hoffenheimer Spieler und Verantwortlichen nieder. Verantwortliche anderer Vereine haben die Vorwürfe aufgebracht, die Medien haben sie weiterverbreitet, gegnerische Fans haben sie an den Spieltagen lautstark vorgetragen.

Das Bild, das dabei in der Öffentlichkeit zunehmend entstand und auch entstehen sollte, könnte aus einem amerikanischen Vorstadtfilm stammen: Gelangweiltes Kind reicher Eltern tritt beim traditionellen Seifenkistenrennen mit nagelneuem, gekauftem Go-Kart gegen die selbstgebastelten, klapprigen Kisten der Vorstadtjugend an, die natürlich viel phantasievoller sind, aber gegen das teure Gerät chancenlos zu sein scheinen.

Dass gegnerische Fans solchen schiefen Bildern zu Teilen auch jetzt noch anhängen, sollte man letztlich nicht übelnehmen. Manche Vereine halten sich seit Jahren im Profibereich nur mühsam über Wasser, die Fans erleben immer wieder schmerzhafte Niederlagen; da entsteht eben auch Verdruss über den eben noch unbekannten, erfolgreicheren Konkurrenten aus Hoffenheim.

Im Fußball geht es ja auch sonst hoch emotional zu. Als Schalker Fan lehnt man Borussia Dortmund radikal ab, umgekehrt ist man als Dortmunder Fan glühend gegen Schalke eingestellt – selbst wenn man keinen vernünftigen Grund dafür angeben kann. Und man liebt es, die Gegner in Schubladen zu stecken, am besten in solche, die ihn provozieren und den eigenen Fanblock tüchtig anheizen.

Denn was im Stadion allein zählt, ist Stimmung, selbst wenn sie sich aus gegenseitiger Abneigung speist – damit kann man die eigene Mannschaft nach vorn treiben, wenn sie an die Grenzen ihrer Leistung stößt. Momente, in denen tatsächlich der Übersprung zwischen bedingungslos anfeuernden Fans und der Mannschaft gelingt, bis dahin, dass ein scheinbar verlorenes Spiel umgedreht wird, gehören zu den schönsten Erlebnissen im Fußballstadion.

Genau aus demselben Grund kann der Erfolg eines neuen Vereins bei den Fans alteingesessener Vereine dumpfe Gegenreaktionen bewirken. Das vielleicht antiquierte Spiel der eigenen Mannschaft, das den Spielverlauf negativ beeinflusst, tritt in der Wahrnehmung rasch hinter Geldvorwürfe zurück.

Zuviel ist zu viel!

Wenn Hass daraus wird, ist das Maß des Hinnehmbaren überschritten. In der Vergangenheit haben besonders Spieler und Verantwortliche der Bayern einiges aushalten müssen, doch die Härte, in der sich rassistische Anwürfe gegen dunkelhäutige Spieler von Hoffenheim oder ordinäre Hohngesänge gegen Dietmar Hopp etabliert hatten, gibt ebenfalls zu denken.

Man muss auch sehen, dass die Stadien nicht mehr nur noch ein Treffpunkt von eingeschworenen Fußballfans sind. Es gehen zunehmend Familien und Kinder ins Fußballstadion, auch der Anteil von Frauen steigt massiv an – parallel nimmt der Event-Charakter von Fußballspielen zu. Und an dieser Schraube, die mehr Einnahmen bringt, aber eine dauerhaft friedliche Stimmung in den Stadien voraussetzt, drehen alle Vereine – gleichgültig welchem Geschäftsmodell sie folgen. Und so tun sich die Vereine keinen Gefallen, wenn sie hassgesteuerte Elemente im Stadion gelegentlich anheizen bzw. ungebremst auf die Stimmung im Stadion durchschlagen lassen.

Der Fußballsport ist durch Hass in den Stadien jedenfalls stärker bedroht als durch das Auftreten der TSG auf der professionellen Fußballbühne. Im Übrigen hat der durch Hoffenheim vermehrte Konkurrenzkampf im Profifußball dazu geführt, dass die gesamte Liga inzwischen attraktiveren Fußball spielt. Allen voran hat Borussia Dortmund den Hoffenheimer Spiel-Stil der Anfangszeit regelrecht kopiert und den laufintensiven Fußball mit hohem Pressing für sich entdeckt. Aber auch Mainz, Hannover, Freiburg, Schalke, Leverkusen, Gladbach, Berlin, Stuttgart und Augsburg haben sich etliche Elemente davon zueigen gemacht.

Dass in immer mehr deutschen Vereinen sportlich umgedacht und immer schnellerer Fußball gespielt wird, leitet sich jedoch auch vom Auftreten der deutschen Nationalmannschaft unter Jürgen Klinsmann bei der WM 2006 her. Dass 1899 Hoffenheim dazu ohne den Ballast langjähriger Traditionen etwas beitragen konnte, zeigt eindrucksvoll, wie wichtig es ist, dass etablierte Verhältnisse in gewissen Abständen durch frischen Wind ausgelüftet werden.

Tradition ist kein Allheilmittel

Imgrunde ist jeder Vorwurf, es fehle an Tradition, absurd. Und zwar deshalb, weil alles, das Tradition hat, irgendwann selber neu war, zu diesem Zeitpunkt nur noch keine Tradition hatte und sich gegen bestehende, traditionelle Kräfte erst durchsetzen musste. Tradition ist also kein absoluter, sondern ein relativer, sehr vergänglicher Wert. Wer auf Tradition pocht, kann keinen Anspruch auf ewige Wahrheit erheben.

Wären Traditionen unangreifbar, würden wir heute noch mit Faustkeilen Jagd auf Wildschweine machen, würden mit 30 bis 40 Jahren unser Leben aushauchen und nachts das Geheul von Wölfen ertragen müssen. Keine Straße wäre gebaut, kein Wein je gekeltert worden, und es gäbe kein Bier, kein einziges Buch und auch kein Fußballstadion. Würden wir trotzdem Fußball spielen, geschähe es immer noch mit den Schädeln getöteter Feinde – oder umgekehrt…

Traditionen sind also wandelbar und vergänglich wie das Leben selbst. Immer schon haben sich Neuerungen nur durchsetzen können, wenn die Zeit für Veränderungen reif war und die bestehenden Traditionslinien mindestens in Teilen aufgebraucht waren. Das Einsetzen neuer Entwicklungslinien ist darum ein Umstand, der so natürlich ist wie wechselndes Wetter. Daraus einen Vorwurf zu zimmern, ist schlicht abwegig. Ebenso gut könnte man den ersten Regentropfen nach wochenlanger Dürre vorwerfen, traditionslos zu sein.

Und was genau ist Tradition?

Während andere Vereine über Jahre hinweg durch dick und dünn gegangen sind, schlug Hoffenheim den recht kurzen und ziemlich glanzvollen Weg aus den untersten in die obersten Ränge des deutschen Fußballs ein, darin fraglos gestützt und gefördert durch die finanziellen Mittel von Dietmar Hopp. Oder um an das eben gebrauchte Bild anzuknüpfen: Während ’normale‘ Vereine immer wieder auch durch Regen, Wind und Schnee stapfen mussten, schien den Hoffenheimern bis zum Fast-Abstieg 2013 nahezu unablässig die Sonne auf den Kopf.

Tatsächlich hat aber auch 1899 Hoffenheim schon Tradition; 20 Aufstiegsjahre haben Spuren hinterlassen und sind in der Vereinsphilosophie wie in der Jugendförderung deutlich wiederzuerkennen. Dabei fällt auf, wie schwierig bis unmöglich es ist, fußballerische Traditionen exakt zu identifizieren. Wer heute von traditionellem Fußball spricht, muss sehr genau überlegen, auf welchen Zeitpunkt er sich eigentlich bezieht. Die Entwicklung im Sport verläuft überall so rasant, dass Traditionen, die eben noch galten, im nächsten Moment schon über den Haufen geworfen sind.

Ist also, wenn man von Traditionen spricht, der Fußball der 70er Jahre gemeint, die aktive Zeit von Beckenbauer, Netzer, Overath, Müller? Oder geht es um die 80er Jahre, repräsentiert durch Völler, Matthäus, Brehme, Klinsmann? Um die 90er Jahre, mit den Gesichtern von Effenberg, Kahn, Bierhoff, Sammer?

Jede dieser Spielergenerationen ging nahtlos in die nächste über. Wenn es wirklich einen entscheidenden Traditionsbruch gab, dann durch das Bosman-Urteil, das den Anteil ausländischer Spieler in der Bundesliga so nachhaltig veränderte, dass manche Vereinsmannschaften seither wie globalisierte Aushängeschilder wirken – was keinesfalls negativ zu deuten ist.

Zugleich hat die Professionalisierung der Vereine derart zugenommen, dass Felix Magath, der als einziger Spitzentrainer heute noch auf Laktattests verzichtet und lieber dem Augenschein vertraut, sich wie ein Dinosaurier ausnimmt. Als Traditionalist wird aber auch er nicht durchgehen.

Entwicklungslinien im modernen Fußball

In den letzten zwanzig Jahren haben die Vereine eine beispiellose Aufrüstung und Verwissenschaftlichung ihres Trainer-Apparats betrieben, haben Dolmetscher, Motivationsspezialisten, Ärzte und jede Menge Scouts eingestellt, die allesamt auf weltweites Denken ausgerichtet sind und einen viel entscheidenderen Traditionsbruch markieren als das Auftauchen von 1899 Hoffenheim am deutschen Fußballhimmel.

Wenn etwas den Sport alter Prägung ‚kaputtmacht‘ und das existentielle Auf und Ab im traditionell eher kämpferischen deutschen Fußballwesen nivelliert, dann der Einzug dieser internationalen Macher und Methoden bei sämtlichen professionellen Vereinen.

Was vom Vorwurf an Hoffenheim zuletzt übrig bleibt, die fußballerischen Traditionen zu zerstören, wird an der Förderung durch Dietmar Hopp festgemacht. Seinen von ihm selbst im Jahr 2009 öffentlich gemachten Aussagen zufolge beträgt die Gesamtsumme der Mittel, die er bis dahin investiert hatte, etwa 180 Mio. €, wovon aber nur ca. 20% tatsächlich dem operativen Geschäft zugutekamen, also über Jahre hinweg in den laufenden Spielbetrieb gesteckt wurden. Weitaus mehr ging in die Jugendförderung und ins neue Stadion.

Wer bezahlt was?

Doch auch darüber ereifern sich die Traditionalisten und beklagen, dass andere Vereine bspw. enorme Summen selber für den Erhalt oder den Neubau ihrer Stadien aufzuwenden hätten. Teils stimmt das, teils aber auch nicht. Allzu gern wird übersehen, dass umgekehrt Millionen an Steuergeldern über Jahre und Jahrzehnte von der öffentlichen Hand in verschuldete Vereine und die Infrastruktur gesteckt worden sind und gesteckt werden, nicht zuletzt in die Stadien.

Im Stadion von 1899 Hoffenheim ist kein einziger Steuergroschen verbaut worden. So dass jeder einzelne Fan, der sich über die finanzielle Förderung durch Dietmar Hopp erregt, verkennt, wieviel öffentliche Förderung der eigene Verein schon bekommen hat, und geflissentlich übersieht, dass er mittels seiner Steuerzahlungen ans Finanzamt mit dem eigenen, mühsam verdienten Geld höchstpersönlich für solche Förderungen geradestehen muss.

Wieviel Investment braucht der Fußball?

Bleibt die Frage, ob 1899 Hoffenheim eine neue Ära der Finanzierung des deutschen Fußballs einläutet, was manche befürchten. Hardliner-Traditionalisten meinen sogar, dass mit Dietmar Hopp eine Art deutscher Abramowitsch die Szene betreten hat.

Sie sehen in ihm den Vertreter einer Spezies, die nach Gutdünken Geld in den Fußball einschießt oder von ihm abzieht, je nach Investmentlage. Das würde bedeuten, dass die Vereine, die Fans und schließlich die gesamte Fußballkultur zunehmend ausbluten würden und der Fußball zu reinem Entertainment verkäme.

Die Angst vor globalem Investment, überhaupt vor Investment in den Fußball ist groß. Sie beruht auf dem Gefühl, der deutsche Fußball lebe im Prinzip immer noch von dem, was die Fans an der Stadionkasse bezahlen, weshalb der Wille des Fans auch die Strukturen im Fußball bestimmen müsse – eine romantische Vorstellung.

Denn in Wirklichkeit machen die Eintrittsgelder, auch die Merchandising-Einnahmen über Trikots u.Ä., nur noch einen geringen Teil der Einnahmen im Profifußball aus. Geld aus Werbequellen, vor allem auch die Fernsehgelder, sind inzwischen vorherrschend – und notwendig, um sportlich mithalten zu können.

Der Glaube, dem Einfluss von Investoren mittels starker Vereinsstrukturen Einhalt gebieten zu sollen, über die der einzelne Fan als Vereinsmitglied wesentlich mitbestimmen würde, hat am Beispiel des Hamburger SV schweren Schaden genommen. Profivereine sind inzwischen Großunternehmen, die sich an allen Ecken und Enden den Bedingungen des Marktes unterwerfen müssen, um zu überleben.

Wie immer wäre eine Mischform aus Tradition und Neuem das Beste, eine Mischung also aus vereinsgeführter Struktur und vereinsorientierter Investitionen von außen, wie sie vom Präsidenten von Hannover 96, Martin Kind, wiederholt vorgeschlagen wurde. Investoren, die daran Interesse hätten, gibt es in Deutschland genug.

Durch die scharfe Abwehr der 50+1Regel, die jede Modifikation am Regelwerk ausschließt, werden sie jedoch ferngehalten. Menschen wie Dietmar Hopp, die sich trotzdem engagieren und eigentlich eine Ideallösung darstellen, indem sie mit ihrem Geld ganz wesentlich auf Vereinskultur, Regionalität, Jugendarbeit und Konstanz abzielen, bleiben auf diese Weise jedoch der große Ausnahmefall.

Der Vergleich mit Roman Abramowitsch und seinem finanziellen Engagement bei Chelsea London stimmt vorne und hinten nicht. Vorne nicht, indem die Langfristigkeit der Hopp’schen Investitionen und seiner Vereinszugehörigkeit Bände spricht; hinten nicht, weil Dietmar Hopp, anders als Abramowitsch, nicht bloß in seiner Loge, sondern häufig genug auch bei Jugendspielen anzutreffen ist. Außerdem fußt sein Investment auf einer Breitenförderung der Jugend und der gesamten Region.

Die oft geäußerte Meinung, dass die TSG sich in traditionelle Fußballstrukturen regelrecht hineinkaufen wollte, ist nach allem Ausgeführten eigentlich hinfällig. Niemand wollte oder will in Hoffenheim Traditionen kaufen, auch Dietmar Hopp nicht; eher geht es um das Herausarbeiten neuer Tradition.

Es wäre ein Leichtes gewesen, mit dem Scheckbuch in der Hand gestandene Profi-Fußballer nach Hoffenheim zu holen und so eine Mannschaft zu basteln, die sich aus wertvoller Bundesliga-Erfahrung speist. Stattdessen sind noch in Regionalliga und dann in Zweitliga-Zeiten junge und jüngste, talentierte Spieler verpflichtet worden, die anderswo oft genug nicht mehr zum Zug kamen – mit dem Ziel, aus ihnen längerfristig eine spielstarke Truppe zu formen, die nicht nur Erfolge bringt, sondern auch neue Freude am Fußball ins Stadion holt.

Andere Geschäftsmodelle

Vom Hamburger SV ist schon die Rede gewesen, der seine antiquierte Struktur aktuell an die modernen Gegebenheiten anpasst. Ein anderer Fall ist Borussia Dortmund als Aktiengesellschaft, wovon ebenfalls schon die Rede war. Richtig interessant ist die Sonderstellung von Bayern München, weil sie einiges über deutsche Befindlichkeiten und Empfindlichkeiten verrät.

Die Macher in München sind regelmäßig mit viel Geld auf den Spielermärkten unterwegs, ohne dass man sich noch groß darüber aufregt. Man hat sich schlicht daran gewöhnt, dass die Bayern Spitzenspieler anderer Vereine zu sich holen und diese damit schwächen.

Das liegt zum einen daran, dass die Bayern eine Art nationales Aushängeschild sind und jeder schon oft mit ihnen gefiebert hat, wenn es um internationale Fußballschlachten ging. Zum anderen genießt Bayern München ein merkwürdig verbrieftes, fast schon monarchisches Recht.

Dieses Recht besagt, wie es wahrhaften Monarchen gebührt, dass man sich um stabiler Verhältnisse willen dem Regenten grundsätzlich unterwirft. Eigentlich ist es ein Unding, dass man in München, wie öffentlich eingestanden, gern auch Gespräche mit Spielern führt, die man gar nicht einkaufen will.

Der Zweck solcher Gespräche ist lediglich, die angestammten Vereine dazu zu verleiten, noch höher dotierte Verträge mit ihren Spitzenspielern abzuschließen – aus Angst, die Spieler wechselten am Ende wirklich zu den Bayern. Das Geld, das die anderen Vereine dafür ausgeben, fehlt ihnen dann zum Einkauf weiterer Leistungsträger, die zu einer schärferen Konkurrenz mit den Bayern befähigen würden.

Kein Fan, kein Manager anderer Vereine regt sich öffentlich mehr über solche Geschäftspraktiken auf. Denn die Bayern erfüllen einen wichtigen deutschen Wohlfühlaspekt – mit ihnen hat jeder Deutsche Erfolg auf internationaler Bühne.

Und so bringt man für das, was die Fußballgötter in München tun, viel Verständnis auf. Ein Aufsteiger aus Hoffenheim, dessen rasanter Anfangserfolg eine gewisse Lust auf das Ende der Münchener Regentschaft hätte schüren können, wird wie ein lästiger Thronanwärter aus einer Nebenlinie lieber abgewehrt als willkommen geheißen.

Der Grund für all das ist darin zu finden, dass den Deutschen die Geordnetheit der Verhältnisse mehr als alles andere am Herzen liegt. Und da Bayern München gern als guter Monarch auftritt und nicht den Löwenanteil der zu verteilenden Fernsehgelder einfordert, ist man’s zufrieden und möchte alles lassen, wie es ist. Egal, ob es auch gut so ist. Egal, ob mehr Wettbewerb längerfristig auch die eigene Position stärken würde.

Solange alle paar Jahre auch mal ein anderer Verein in der Meisterschaft zum Zug kommt, ist Fußball-Deutschland mit der traditionellen Verteilung der Plätze hinter den Bayern völlig einverstanden. Daran wird erkennbar, dass die Vorwürfe gegen die Hoffenheimer Finanzen und gegen gekaufte oder fehlende Tradition keiner wasserdichten Überzeugung entspringen. Dahinter steckt mehr deutsche Gemütlichkeit, als mancher Hoffenheim-Kritiker ahnt, wenn er Traditionen mit der vernunftwidrigen Festschreibung des gegenwärtigen Status quo verwechselt.

Fazit

Hoffenheim ist anders, aber Hoffenheim ist kein Eindringling aus einer anderen Welt. Wer das Hoffenheimer Geschäftsmodell trotzdem ablehnt, gehört zu denen, die sich gern in gewohnten Umgebungen aufhalten und auf Umbrüche und Veränderungen allergisch reagieren.

Die TSG geht verantwortlich mit dem Potential um, mit dem Dietmar Hopp sie ausgestattet hat. Der übergroße Anteil der Investitionen ging und geht in Jugendförderung, regionale Förderung und bauliche Tätigkeiten. Dafür musste der Steuerzahler keinen Cent hinlegen.

Tradition ist relativ. Nicht alles, was früher war, ist heute noch gut. Es braucht regelmäßige Veränderungen im Fußball, das war immer so und wird immer so bleiben.

Konkurrenz belebt das Geschäft. Die Bundesliga und mit ihr jeder Fan wird davon profitieren, dass es verschiedene Geschäftsmodelle gibt, die im freien Wettbewerb sportlich miteinander konkurrieren.