Der listige Herr Schreuder

TSG besiegt BVB

Autor: Alexander H. Gusovius / Bilder: Uwe Grün, Kraichgaufoto

Es gibt nicht viele Wege, die zum Sieg über den BVB führen. Der Verein wird von einem echten  Spitzentrainer betreut und hat zu viele erstklassige Spieler unter Vertrag, als dass man sich reinweg übers Kräftemessen an ihm reiben könnte. Grundsätzlich gibt es jedoch zwei Arten von Plänen, die dennoch zum Ziel führen können. Beide sind der TSG bekannt – einer schon länger.

Den ersten kennt sie aus den Zeiten von Julian Nagelsmann, und er lautet: einen lauffreudigen, spielstarken Gegner zu überrennen, im letzten also zu übertölpeln. Spitzenteams wie das des BVB tragen nämlich die Nase, wenn es gegen vermeintliche Underdogs wie die TSG geht, immer ein wenig hoch – egal, was ihr Trainer ihnen vorher eingebläut hat. Sie vermögen sich einfach nicht vorzustellen, dass man sie mit ihren eigenen Mitteln schlagen könnte, was sie, wenn es dennoch geschieht, gleich dreimal verärgert, beleidigt und verunsichert. Das Problem bei diesem Plan ist nur, dass man bei ihm auf die Anfangsenergie im Spiel setzt und den Gegner in den ersten Minuten bereits in den Boden zu rammen versucht, der anschließend aber noch sehr viel Zeit hat, zurück auf die Bretter zu finden.

Die zweite Methode besteht darin, den Gegner anlaufen zu lassen und ihn dadurch müde zu machen, bis man irgendwann und zwar möglichst spät zuschlägt; wobei die spezifische Problematik natürlich im Risiko liegt, zu früh in höheren Rückstand zu geraten. Alfred Schreuder hat gestern dieses Rezept gewählt, das im Prinzip schon aus Gisdols Zeiten bekannt ist, und es um die entscheidende Zutat des Ballbesitzes angereichert. Funktioniert hat das wie im Lehrbuch, in den Anfangsminuten sah es sogar danach aus, als könnte Hoffenheim per Ballbesitz auf Augenhöhe mit dem BVB spielen. Bis dahin ist jedoch noch ein gutes Stück Weg zu gehen, und so zeigte sich bald, wie überlegen schnell Dortmund den Ball zirkulieren lassen kann. Die Hoffenheimer Bemühungen wirkten im Vergleich dann doch etwas zeitlupenhaft, besonders im letzten Drittel, wo die entscheidende Torgefahr aufgebaut wird.

Niemand wunderte sich deshalb, als Götze, der den verletzten Reus vertrat, in der 17. Minute das 0:1 erzielte, von Rudy unglücklich assistiert, der den Ball erst über die Linie schob. Dortmund hätte die Führung ohne weiteres ausbauen können, war aber zu leichtfertig oder bekam es mit einer überragenden Innenverteidigung aus Hübner und Nordtveit zu tun – oder mit Oli Baumann, der erneut ein paar Unhaltbare parierte, während Skov auf der Gegenseite einen Freistoß aus gut und gern 30 Metern ans Queraluminium hämmerte. Da dies die einzige echte TSG-Chance blieb und der BVB im Gefühl unendlicher Überlegenheit immer schöner und ineffizienter spielte, blieb es bei dem knappen Rückstand zur Pause.

Beim Wiederanpfiff fehlten Hummels und Hazard, der eine wegen einer geschwollenen Hand, der andere wegen Knieproblemen. Das Spiel lief trotzdem fast genau so weiter, wie es aufgehört hatte: Schwarzgelb dominierte ohne größere Wirkung, Hoffenheim mühte sich. Wenn man genau hinsah, zeigte sich aber, dass die Aktionen der TSG immer mutiger wurden, immer zielgerichteter, auch weil Alfred Schreuder nach der Pause Adamyan für Samassékou eingewechselt hatte, also ein defensives Element durch ein offensives ersetzte. In der 65. Minute kam, der gleichen Logik entsprechend, Locadia für Geiger und in der 78. Kaderabek, der den rechten Verteidigerplatz für Rudy hatte räumen müssen, als frischer Ersatz für Baumgartner, der diesmal von Beginn an spielen durfte.

Und kaum waren alle Einwechslungen vollzogen, griffen sie – und griff auch die unmerklich und geschickt sich verstärkende, offensive Gangart, als Adamyan in der 79. Minute nach Flanke von Kaderabek und Gestochere von Locadia den Ausgleich erzielte. Spätestens jetzt hätten in den Köpfen der Dortmunder Spieler sämtliche Alarmglocken schrillen müssen, denn auf einmal war der Lohn für die lange spielerische Überlegenheit in Gefahr. Doch die Westfalen träumten weiter den Traum ihrer Dominanz. Zweimal kam der BVB damit noch gefährlich vors Tor der TSG, dann spielte Kramaric in der 87. Minute links außen Adamyan an und bekam den Ball wie geplant im Zentrum zurück auf den Kopf, von wo er punktgenau zum Siegtreffer ins lange Eck flog. Die düpierten Dortmunder wussten kaum, wie ihnen geschah – und wie fein sie von Alfred Schreuder überlistet worden waren.

Denn der Sieg war das Ergebnis kluger, vorausschauender Planung und mutiger Umsetzung,  garniert mit dem ebenso nötigen wie verdienten Glück. Hoffenheim hat damit zum Ende der Hinrunde 27 Punkte erspielt, gerade mal drei weniger als der BVB, und kann zufrieden in die Winterpause gehen. Wenn man bedenkt, wie tiefgreifend der Umbruch durch die vielen Transfers und den Wandel in der Spielphilosophie war, dann ist das Erreichte sogar als sensationell einzuschätzen. Und man darf in der Rückrunde durchaus noch mehr erwarten. Der Hoffenheimblog wünscht allen Lesern und Fans der TSG darum nochmals mehr glückliche und zufriedene Wochen ohne Fußball, wünscht rundum auch eine fröhliche und gesegnete Weihnacht sowie eine Woche drauf einen geschmeidigen, glitzernden, krachenden Rutsch! Also, bis dann, und auf gutes Wiederlesen im neuen Jahr…

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Alexander H. Gusovius

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