Geduldsspiel mit Gelbsucht

Hoffenheim siegt in Berlin

Autor: Alexander H. Gusovius / Bild: Getty Images

Bei angenehmen Temperaturen über 10 Grad begann die Partie an der lärmenden Alten Försterei in Berlin (darunter 800 mitgereiste Hoffenheim-Fans) wie nicht anders zu erwarten (und freundlich formuliert) eher verhalten. Das bedeutete, man spielte allseits geduldig, niemand wollte sich früh einen Treffer einfangen. In der Folge entwickelte sich ein zähes Spiel, ein auch nickliges Ringen um jeden Zentimeter Boden und jeden Ball, zerpflügt durch zahllose Unterbrechungen.

Beide Mannschaften waren also maximal defensiv orientiert. Im Umkehrbild von außen hieß das: Auch als Zuschauer und Fan war Geduld angesagt, Geduld darüber hinaus mit dem Schiedsrichter, der in der zweikampfstarken Partie gelbe Karten wie im Rausch verteilte. Warum er in dieser Disziplin aber vor allem Hoffenheim mit gelb bedachte – dreimal pro Halbzeit, Union jeweils eine – war nicht zu erkennen. Die Unioner gingen keineswegs sanfter zur Sache, im Gegenteil: das körperbetonte Spiel ist ohnedies Teil ihrer Genetik.

In der wieder mal neuformierten TSG-Abwehr versahen diesmal Posch und Hübner den Innendienst, Kapitän Vogt saß, offenbar wegen anhaltender Formschwäche, nicht einmal auf der Bank. Der Rest der Mannschaft war derselbe wie vier Tage zuvor, trat aber gänzlich anders auf. Vor allem in der Mitte sorgten Rudy, Grillitsch und Samassékou für geschlossene Räume, darin aktiv von Bébou, Adamyan und Kramaric unterstützt, die vorne eh nicht viel zu tun hatten. Die Berliner Aufsteiger griffen darum zu ihrem Mittel der Wahl, wenn sie Angriffe inszenierten, und hoben lange Bälle hoch übers Mittelfeld. Die waren weitestgehend berechenbar und stellten die Hoffenheimer Abwehr darum kaum vor Probleme. Nur einmal, in der 11. Minute, kam Union gefährlich durch, doch Ujah verzog die scharfe Flanke von links.

Wie zerkämpft die Partie war, sah man daran, dass es auch auf der Gegenseite nur eine einzige echte Torchance in der ersten Halbzeit gab, die Kramaric nach punktgenauem Konterzuspiel von Bébou versägte, indem er den Ball ehrgeizig zu hoch am schon halb liegenden Torhüter vorbei übers und neben das Tor hob. Sehr viel Zuversicht durfte man daraus und aus dem ganzen derb-fruchtlosen Getümmel auf dem Rasen für die zweite Halbzeit nicht schöpfen…

Dennoch schien es so, als hätte die Halbzeitansprache in der Hoffenheimer Kabine etwas Klarheit erzeugt, die Aktionen der TSG wurden zielgerichteter. Bébou hätte in der 49. Minute nach Foul von Subotic schon einen Strafstoß zugesprochen bekommen müssen, doch die Pfeife des gelbsüchtigen Schiris blieb genauso stumm wie die Analysten in Köln. Da beschloss Bébou, es dieser nachgeraden Verschwörung tüchtig heimzuzahlen, und setzte das Vorhaben nur zehn Minuten später auch um, als er sich einen von Kramaric verlorenen Ball schnappte und aus knapp 20 Metern wuchtig abzog. Leicht abgefälscht hob sich der Ball unhaltbar ins Netz!

Die Eisernen aus Berlin, daheim seit Ende September ohne Gegentor, wollten sich damit natürlich nicht zufrieden geben und marschierten nun ihrerseits drauflos. Im Vergleich zur ersten Halbzeit jedenfalls, denn insgesamt sah das Spiel immer noch schrecklich zerfahren und nicht sehr oft nach modernem Hochgeschwindigkeitsfußball aus… Gelegentlich sprang auch etwas eiserne Gefahr dabei heraus, doch die Hoffenheimer Abwehr um Hübner und Posch hielt ihrerseits eisern zusammen und ließ keine Wünsche nach Stabilität offen – und als einmal, in der 83. Minute, Andersson aus wenigen Metern frei zum Schuss kam, riss Baumann in Weltklasseart den linken Arm hoch und entschärfte die Ausgleichsgranate.

Nach und nach waren inzwischen nahtlos Nordtveit für Samassékou, Bicakcic für Kaderabek sowie Baumgartner für Adamyan eingewechselt worden, und zwei der drei Neulinge sorgten für den finalen Paukenschlag und das Endresultat, als um die 90. Minute herum Union immer verschlissener wirkte: Nordtveit trieb die Kugel im halbrechten Mittelfeld voran, legte einen sehenswerten Slalom durch die ermatteten Eisernen hin und gab im genau richtigen Moment auf Baumgartner ab, der den Ball ins lange linke Eck spitzelte – worauf nicht nur fast die gesamte Mannschaft jubelnd zusammenlief, sondern auch Trainer Schreuder zu einem sympathischen Sprint Richtung Spielertraube ansetzte, wofür er sich mit ironischer Geste beim kartenverliebten Schiri nachträglich für eine weitere gelbe Karte empfahl. Doch der Pfeifenmann hatte wohl einen lahmen Arm vom achtmaligen Griff in die Hemdtasche und pfiff lieber ab: Auswärtssieg!

Für Hoffenheim ist es die ersehnte Trendumkehr in Sachen löchriger Defensivarbeit. Offensiv bleiben noch viele Wünsche offen, doch die geschlossene Mannschaftleistung lässt hoffen, dass derart ineinander verschweißt auch beim letzten Auftritt des Jahres zuhause gegen Dortmund etwas geht…

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Alexander H. Gusovius

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