Spiegelungen

Hoffenheim unterliegt in Leipzig

Autor: Alexander H. Gusovius / Bild: Getty Images

Selten hat man bei einem Fußballspiel die Handschriften ihrer Trainer so klar erkennen können wie beim Hoffenheimer Gastspiel in Leipzig – und wie sehr Mannschaften die Persönlichkeit ihrer jeweiligen Trainer widerspiegeln. Besonders bei RBs Auftritt rieb man sich immer mal wieder die Augen: furios zu Beginn, Chancen wie am Fließband, eine genutzt, dann sich fallen lassen, verhalten spielen, den Gegner damit ins Spiel bringen…

Oh ja, das kennt man noch gut aus den Hoffenheimer Zeiten von Nagelsmann. Parallel zu seiner notorisch forschen Gangart beim Reden, die erst nach einer Weile offenbart, dass sich unterhalb der suggerierten Tiefenüberzeugungen einige Unsicherheiten verbergen, stürmte RB Leipzig vom Anpfiff weg ebenso wild drauflos wie letzte Saison meist die TSG, um nach dem frühen Treffer von Werner ein paar erstklassige Chancen zu versieben und anschließend fast in Agonie zu verfallen – denn so ein Nagelsmann’sches Feuerwerk dauert gewöhnlich zwischen 10 und 20 Minuten, dann fällt es in sich zusammen, als sei die Wirkung eines verabreichten Elixiers verebbt, und von da an gehorchen die eben noch fast überirdischen Aktionen zunehmend der Schwerkraft und werden langsamer und damit auch berechenbarer.

Jenes vermeintlich verabreichte Elixier ist nichts anderes als der Nachhall jenes schneidigen Brusttons, den der Trainer in seine jeweiligen Spieler zu implantieren versteht, aber eben nur auf begrenzte Zeit, bis die Wirkung dieser verbalen Droge, auch psychologische Motivation genannt, nachlässt und dem Gegner wieder Luft zum Atmen lässt und ihn zurück ins Spiel bringt. Der gleiche Mechanismus ist auch über eine Saison hinweg zu beobachten: Leipzig ist großartig in die Saison gestartet, hat dann urplötzlich nachgelassen und schwingt sich nun wieder zu glanzvolleren Taten auf. Irgendwann, damit ist sicher zu rechnen, werden die Bullen wieder einbrechen, spätestens vermutlich zum Ende der Saison hin.

Wobei der Glanz gegen Hoffenheim im Letzten doch etwas matt war! Denn ab der 20, 25. Minute begann dann das System Schreuder zu greifen – und führte zu einer regelrechten fußballerischen Überlegenheit, die nur leider in keinen Treffer mündete. Hier wirkten wohl die schwachen Auftritte der letzten Wochen negativ nach, die in der Mannschaft Zweifel bezüglich der eigenen Performanz ausgelöst haben. Auch das ein Spiegel der Trainerpsyche: Alfred Schreuder ist kein Mann markiger Worte, sondern ein sehr reflektierter Typus, der eine ebenso reflektierte Spielweise in seine Mannschaft hineinträgt. Das führt zu einem Fußball ohne Show-Anteile und kann, wie sein Trainer, etwas verhalten und fast schüchtern wirken – was dem Gegner dann in die Karten spielt, wenn er sich darauf konzentriert, Unsicherheiten im Spielaufbau zu erzeugen, wie es Beierlorzer mit Köln und Mainz exerziert hat.

Nach dem Wiederanpfiff hätte Hoffenheim allerdings nur die nächste Phase des Leipziger verbalen Psycho-Dopings überstehen müssen, um noch eine reelle Chance zu haben, die Partie erfolgreich abzuschließen. Doch kam es durch Poschs unbedachten Arm auf Werners Schulter zum Elfmeter, weil sich dieser angeblich doch so sehr geläuterte Elfmeterschinder mal wieder bühnenreif fallen ließ und Schiri Aytekin darauf hereinfiel bzw. wegen des Arms von Posch nicht anders entscheiden konnte. Mit dem 2:0 für Leipzig wurde es nun natürlich schwer, zumal die Bullen bei Kontern immer wieder für viel Gefahr sorgten und irgendwann auch das 3:0 erzielten, das ein ansonsten brillant haltender Oli Baumann nicht mehr verhindern konnte.  

Der sog. Ehrentreffer durch Bicakcics Schulter war zuletzt mehr als verdient: Hoffenheim hätte an diesem Nachmittag durchaus ein Remis oder sogar mehr erreichen können. Denn dem strahlenden Glanz mancher Leipziger Aktionen setzte die TSG das intelligentere Konzept entgegen, dem es „nur“ an der finalen Umsetzung fehlte. Eine interessante Nebenbeobachtung: die Defensive musste ohne Vogt und Hübner auskommen, wirkte aber insgesamt keinesfalls schwächer.

Unterm Strich fragt man sich allerdings, ob das Lautsprechersystem von Julian Nagelsmann der Schreuder‘schen Nachdenklichkeit vielleicht doch überlegen ist, einfach weil in der etwas handfesten Fußballwelt die lauteren Töne die feineren Charaktere grundsätzlich übertrumpfen. Möglich wäre es: wenn da nicht Trainer wie Hitzfeld und Heynckes wären, die mit leiseren Tönen ganz erhebliche Erfolge gezeitigt haben. Und so sollten wir uns als Hoffenheimer nicht in den Irrtum begeben, Alfred Schreuder abzuqualifizieren. Sein Spielsystem hat enorme Qualität, was bei den sechs Siegen in Folge ja schon deutlich wurde, und kann sich erst über längere Wegstrecken hinweg voll entfalten.

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Alexander H. Gusovius

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