Besuch bei der alten Dame

Hoffenheim siegt auch in Berlin

Mit Locadia zum Ligadebüt, mit Grillitsch und Rupp hatte Alfred Schreuder drei Änderungen vorgenommen, die ersten beiden bestätigten ihre Nominierung vollauf. Rupps Effizienz und Durchschlagskraft hielten sich dagegen in Grenzen, doch aus der Gesamtleistung der Hoffenheimer Mannschaft war auch er nicht wegzudenken.

Trainer Schreuder sagte nach der Partie, man müsse so ehrlich sein, einzugestehen, dass der Gegner durchaus auch selber hätte in Führung gehen können. Zwei heiße Chancen gleich zu Beginn für die Hertha, einmal mit Alu-Kontakt von Ibisevic, bestätigten das. Denn die alte Dame, deren Formkurve in letzter Zeit steil nach oben gezeigt hatte, war schwungvoll in die Partie gegangen, während die TSG, sozusagen als Backfisch, vergleichsweise schwer in die Gänge kam – vielleicht auch irritiert vom unerwartet hohen, aggressiven Pressing der Berliner.

Andererseits ist es förmlich ein Markenzeichen der TSG in diesen Wochen und Monaten, dass sie sich phasenweise und besonders gern zu Beginn und speziell im Spielaufbau so schwer tut, dass sie da fast ein wenig hilflos, in jedem Fall einigermaßen harmlos wirkt. Absicht oder nicht: die Gegner schläfert man auf diese Weise massiv ein und wiegt sie in der trügerischen Gewissheit, nicht allzu viel von Hoffenheimer Seite befürchten zu müssen. So auch die Hertha, die sich anfangs in eine wahre Spiellust hineinsteigerte und es dann etwas ruhiger angehen ließ – woraufhin Hoffenheim, ab Mitte der ersten Halbzeit, immer überlegener wurde und sich Chancen fast im Minutenabstand durch Kaderabek (27.), Kramaric (28.) und Locadia (30.) erarbeitete.

Noch immer aber leuchteten die Berliner Alarmlampen nicht auf, zu fest saß der Eindruck, dass die TSG gegen den Elan der Gastgeber nichts ausrichten würde. Bis Locadia in der 33. Minute  vor dem Strafraum nach dynamischem Antritt von Grillitsch an den Ball kam und aus 18 Metern trocken abzog. Der Ball schlug unten links ein, Hoffenheim führte. Und ehe die Berliner so richtig verstanden hatten, wie ihnen geschah, köpfte Kramaric in der 38. Minute auch noch einen Eckball von Skov in die Maschen.

Skovs Ecke fiel übrigens so wunderschön steil vom Himmel in Kramarics Zone herunter, wie es sonst nur einst Salihovic vermochte. Die düpierten, konsternierten Herthaner bekamen in der Folge kaum noch etwas auf die Kette, holten sich kurz vor der Pause aber immerhin noch einen Pfostentreffer, ohne am 0:2 etwas ändern zu können.

Der zweite Durchgang begann in ähnlicher Konstellation, in der 47. Minute ließ Rupp fahrlässig eine Mega-Chance aus. Mit dem 0:3 wäre frühzeitig der Deckel auf dem Match gelegen – so jedoch fühlte sich die Hertha eingeladen, noch einmal alles zu versuchen. Und das einmal mehr, als Vogt in der 53. Minute einen unnötig derben Rempler an der Seitenauslinie fabrizierte und sich fast noch in ein Handgemenge einließ – was die Konzentration in falsche Bezirke verschob. Als Kapitän sollte er um solche Zusammenhänge wissen und sich beherrschen können.

Die Folge davon war kurz darauf Lukebakios Tor, ein ebenso sensationeller wie eben unbedrängter Fallrückzieher zum 1:2. Mit diesem euphorisierenden Anschlusstreffer und ca. 40.000 enthusiastischen Hertha-Fans im Rücken, die auch durch hässliche Banner und Gesänge auffielen, gingen die Gastgeber weiter energisch ans Werk, während Alfred Schreuder den angeschlagenen Kapitän und Locadia vom Feld nahm und durch Bicakcic und Bébou ersetzte. An ihnen lag es jedoch nicht, dass Kalou in der 69. Minute den Ausgleichstreffer erzielte: zu unfertig und unentschlossen geriet in dieser Spielphase der Hoffenheimer Antritt, zu unwiderstehlich war der Berliner Vorwärtsdrang.

Als der Ausgleich gefallen war, ging aber endlich ein Ruck durch die Reihen der TSG, die sich den schon sicher gewähnten Sieg nicht mehr nehmen lassen wollte. Die alte Dame aus Berlin war zwar ebenso begierig auf drei Punkte, musste indessen zusehen, wie in der 80. Minute Rudy einen langen Eckball halblinks in den Strafraum segeln ließ, wo Hübner aufstieg und die Kugel mit mächtigem Schub hoch ins rechte lange Eck wuchtete. Es war, als hätte das Tor den Stöpsel aus der Berliner Badewanne gezogen. Eher konfus als bis zum Letzten entschlossen gingen die Berliner in den restlichen 10 Minuten gegen die sich abzeichnende Heimniederlage vor, die so natürlich nicht mehr abzuwenden war.

Alfred Schreuder hat sich damit den dritten Sieg in Folge geholt und liegt nun nur noch einen kleinen Punkt hinter Nagelsmann, der zu Beginn der Saison unendlich viel besser zu performen schien. So kann’s gehen…

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Alexander H. Gusovius

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