Saubere Sache

Hoffenheim stoppt den Bayer-Express

In den ersten Spielminuten konnte man Angst um Hoffenheim bekommen. Etwa fünf Minuten lang belagerte die Werkself förmlich das Tor von Oli Baumann, kombinierte sich weitgehend frei bis an den Sechzehner und ließ der TSG kaum einen Quadratzentimeter Rasen zur eigenen Entfaltung. Als diese ersten fünf Minuten Sturm und Drang herum waren und Leverkusen nicht mehr so ungestört Dampf machen konnte, wurde immer deutlicher, dass dem Gast aus dem Kraichgau genau daran gelegen war: nämlich den Vorwärtsdrang der Werkself aufzuhalten, und nicht so sehr, sich selber in der BayArena voll offensiv zu entfalten.

Die Aufstellung sprach denn auch Bände. Einer Viererkette mit Vogt und Bicakcic in der Mitte und Stafylidis sowie Posch auf den Außen waren mit Rudy, Grillitsch und Geiger drei ausgewiesene Sechser vorgeschaltet, während Kaderabek rechts eine Art Achter gab und vorne mithalf, Bébou und Belfodil in Szene zu setzen. Kaderabeks defensive Grundanlage passte also sehr gut zum minimierten Offensivdrang der TSG – die für den großen Rest der ersten Halbzeit die Leverkusener Tormaschinerie erfolgreich an der Umsetzung hinderte und nebenbei selber die eine oder andere Torchance kreierte.

Das lief so gut, dass man die anfängliche Sorge bald vergaß: Leverkusen schien sich zunehmend ratlos zu spielen und blieb in der variablen und intelligenten Hoffenheimer Defensivtaktik immer früher stecken, während Hoffenheim bei Belfodils Vorstoß über rechts in der 29. Minute die heißeste Chance des Spiels vergab. Schuld war die Uneingespieltheit des Stürmerpärchens, denn Belfodil passte in die Mitte, wo keiner war, anstatt selber zu schießen: Bébou war zwar mitgelaufen, hatte aber kurz vorher abgebremst, zurecht, weil er sich abgedeckt wusste – sodass der Ball ins Leer lief.

Bei Temperaturen über 30 Grad hatte Schiri Felix Zwayer kurz zuvor eine Trinkpause verordnet, die Leverkusen nutzte, um den Rasensprenger in Gang zu setzen: aber nur auf jener Seite, wo die eigene Mannschaft durch schnelles, offensives Passspiel zum Torerfolg kommen sollte. Der Schiri erkannte die etwas schäbige Absicht und sorgte dafür, dass auch die andere Seite beregnet wurde. Als Rudi Völler nach dem Spiel dann von Feigheit sprach, weil die TSG vornehmlich defensiv eingestellt war, hätte er sich also lieber an die eigene Phantomtor-Nase fassen sollen: Wenn etwas unfair bzw. feige war, dann dem Gegner einen stumpfen, sich selber dagegen einen glatten Rasen zu gönnen.

Bis zur Pause gelang nicht mehr viel, insbesondere kein aussichtsreicher Angriff der Werkself, und so ging es im Anschluss auch weiter: Hoffenheim kam sogar sortierter aus der Kabine und hatte in der 47. Minute die nächste Chance durch Belfodil, der jetzt natürlich selber schoss, aber diesmal besser abgegeben hätte. Bald darauf kam Neuzugang Locadia für ihn auf den Platz und führte sich gut ein: athletisch, beweglich, viel Zug zum Tor. Volland und Demirbay, beide fast komplett abgemeldet, wurden durch Alario und Amiri ersetzt, die im Abwehrverbund der TSG aber auch nicht viel zu melden bekamen.

Natürlich wurde der Tanz immer heißer, je näher die Partie an ihr Ende gelangte: Oli Baumann musste immer häufiger eingreifen, nicht zuletzt bei einer Unzahl von Eckbällen von Leverkusen, die aber samt und sonders verpufften. Trotzdem blieb die Null stehen und spielte Hoffenheim die Partie souverän zuende. Um die 80% Ballbesitz der Werkself schlugen schließlich zubuche, 19 Ecken gegen keine, und doch war es keine Defensivschlacht im klassischen Stil gewesen: wenn eine Viererkette vor der Fünferkette den Strafraum abriegelt.

Was in Leverkusen zu besichtigen war, wirkte um etliches filigraner: denn die drei Sechser plus Kaderabek samt Posch und Stafylidis sorgten dafür, dass die Passwege der Leverkusener Angreifer stets von drei oder vier Spielern zugestellt wurden, was für Demirbay und den hochgelobten Havertz förmlich Gift war. Und etwas anderes war zu begreifen an diesem für Leverkusen so frustrierenden Tag: Alfred Schreuder entwickelt seine Mannschaft von hinten heraus, er lässt sie zunächst defensive Sicherheit in intelligenter Ausprägung entwickeln und wird sich dann erst um ausgeprägten Offensivgeist kümmern. Wenn ihm das weiter gelingt, und danach sieht es im Moment aus, schließt er die empfindlichste Hoffenheimer Baustelle mit viel zu vielen Gegentoren. Dann reichen auch ein paar Tore weniger, um erfolgreich zu sein…

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Alexander H. Gusovius

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