Kriminaltango

Hoffenheim siegt erst im Elfmeterduell

Text: Alexander H. Gusovius

Bilder: Getty-Images

Text: Alexander H. Gusovius

Ein Tanz auf dem Vulkan war natürlich nicht zu erwarten, als Hoffenheim am frühen Samstagabend bei den Kickers in Würzburg antrat, trotz der hinlänglich bekannten Pokallogik, die wie in jedem Jahr auch diesmal prominente Opfer in Runde 1 forderte, und zwar Augsburg und Mainz, beinahe auch Frankfurt, Köln und Leipzig. Tatsächlich sah die Partie über weite Strecken, vor allem in der ersten Halbzeit wie erwartet folgendermaßen aus: überwiegender Ballbesitz aufseiten des erstklassigen Erstligisten, der das Spiel souverän verwaltete. Nur ging nicht gerade viel Gefahr davon aus, Szenen vorm Tor der Gastgeber blieben Mangelware…

In der 29. Minute fiel dennoch das 1:0, mangels zwingender Spielszenen nach einem Eckball, als Hübner den Ball per Kopf so wuchtig Richtung Tor beförderte, dass Keeper Verstappen ihn vielleicht sogar erst hinter der Linie parieren konnte. Doch das Fehlen von Torlinienkamera und Videobeweis blieb bedeutungslos, denn Kaderabek war zur Stelle und staubte zur insgesamt vollauf verdienten Führung ab. Bis zur Halbzeit wurde Hoffenheim nun noch spielbestimmender und kam laut den Analysten von OptaFranz auf die höchste jemals im DFB-Pokal ermittelte Passquote: 489 Pässe spielte die TSG in den ersten 45 Minuten, und in Halbzeit 2 nahm sich das Spielgeschehen auch nicht viel anders aus: Würzburg stand tief und lief den Gegner nur zaghaft an, Hoffenheim ließ den Ball fast nach Belieben durch die eigenen Reihen laufen.

Ale es in der 54. Minute doch einmal zu einem TSG-Ballgewinn nach Würzburger Ballbesitz kam, schickte Rudy Bebou mit einem Steilpass auf die halbrechte Seite, wo der Winkel zum Tor immer spitzer wurde –  normalerweise reichlich aussichtslos, für Bebou aber immer ausreichend, um einen scharfen Schuss ins lange Eck abzufeuern, den Verstappen nicht zu halten vermochte. Damit stand es 0:2. Klare Führung, Spiel gelaufen, dachte man sich – und dachten wohl auch die Spieler der TSG, die umgehend ihre Spannung und Konzentration herunterfuhren. Mit der Folge, dass Würzburg die kleine Chance witterte, die sich da auftat, und entsprechend groß aufdrehte, vom ausverkauften Haus frenetisch unterstützt.

Und plötzlich brannte es lichterloh vor dem Kasten von Baumann, die Kickers erspielten sich eine leidenschaftliche Torchance nach der anderen und nutzten in der 68. Minute das Durcheinander der Hoffenheimer Defensive zum Anschlusstreffer. Doch noch immer wachte die TSG nicht auf, kassierte durch einen Foulelfmeter in der 75. Minute auch noch den Ausgleich und durfte froh sein, dass es dabei bis zum Schlusspfiff blieb. In der Verlängerung nahm Hoffenheim wieder das Zepter in die Hand und erzielte in der 99. Minute durch Szalai nach Doppelpass mit Bebou das 2:3 – um es danach gleich wieder langsamer angehen zu lassen, mit der Folge, dass Würzburg in der 114. Minute erneut ausgleichen konnte. Die Sache musste also im Elfmeterschießen geklärt werden, dem ersten in der gesamten Profikarriere der TSG, bei dem Baumann mit zwei gehaltenen Elfern zum Held dieses abendlichen Kriminaltangos wurde.

Soweit in knappen Worten das Geschehen… Doch was hatten die mitgereisten 1600 Hoffenheimer Fans wirklich gesehen? Viele gaben sich im Anschluss bedenklich, was die Leistungsfähigkeit ihrer Mannschaft anbelangte: Der viele Ballbesitz schien weitgehend wirkungslos zu sein. Erst fehlte die Durchschlagskraft nach vorn, dann die Sicherheit nach hinten… Und die gesamte Spielweise sah anders aus als letzte Saison. Was hatte der neue Trainer nur vor? Fehlten ihm die prominenten Abgänge doch so massiv?

Fangen wir mit der ungewöhnlichen Aufstellung an, die im Prinzip schon im Testspiel gegen Sevilla zu sehen war: Dreier-Innenkette mit Vogt, Posch und Hübner, daneben und auf den Flanken Zuber und Kaderabek, auf der Sechs Rudy im Wechsel mit Grillitsch, davor Geiger als hängende Neun, vorne Bebou und Grifo, bei denen jedoch wenige Bälle ankamen. Der Ball lief vor allem durch die Reihen dahinter, was sich auf Dauer etwas ideenlos und monoton ausnahm. Wenn man jedoch daran denkt, dass Alfred Schreuder ein bekennender Anhänger des holländisch-spanischen Fußballs ist, der in Barcelona seine höchste Ausprägung erfahren hat, dann wird das Bild etwas klarer: man kennt das etwas monotone Ballrotieren ja vom FC Barcelona, das den Gegner einschnürt und  einschläfert, bis die technische Überlegenheit irgendwann in Torgefahr und Tore umgemünzt wird.

Und genau deshalb ist es kein Wunder, dass Hoffenheim in Würzburg den bisherigen Pokalpass-Rekord des FC Bayern eingestellt hat, der wiederum, was ebenfalls kein Wunder ist, unter Pep Guardiola erzielt worden war! Unter Alfred Schreuder spielt Hoffenheim noch einmal komplett anders als unter Julian Nagelsmann, der eine Variante des Rangnick-Fußballs praktizierte. Schreuders „Voetball Totaal“ kennt eigentlich keine Offensive oder Defensive, sondern begreift die gesamte Mannschaft als eine Art Mittelfeld, in dem jeder Spieler jede Position einnehmen kann und nach Bedarf auch soll. Das gilt vor allem für die Vorwärtsbewegung. Rückwärts sind die Positionen ausgeprägter bzw. konventioneller verteilt.

Daran, dass bspw. Geiger auf der Messi-Position und Grifo auf der Position von Iniesta spielt, wie auch an die langen Ballbesitzphasen ohne Höhepunkte, werden sich die Fans – und werden sich auch die Spieler erst noch gewöhnen müssen. Wenn der Erfolg nicht ausbleibt, gelingt das natürlich schneller und besser. Fürs Zusammenwachsen war das Elfmeterschießen insofern ein wichtiges Ereignis, weil in solchen hochemotionalen Momenten echte Mannschaften geschmiedet werden. Jetzt kommt es darauf an, bis nächsten Sonntag in Frankfurt den Spielstil noch weiter zu entwickeln. Man darf gespannt sein, wie es gelingt, den Fußball von Johann Cruyff erfolgreich umzusetzen…

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Alexander H. Gusovius

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