Hey, es ist Fußball…

Es war das letzte Heimspiel von Julian Nagelsmann, bevor es zum letzten Auswärtsspiel nach Mainz geht. Als Trainer von Hoffenheim, versteht sich. Als Trainer von Leipzig wird er vermutlich noch viele Heim- und Auswärtsspiele bestreiten: aber das interessiert uns als Hoffenheimer naturgemäß eher am Rande. Was uns jetzt bewegt, ist das schwierige Saisonfinale, das bei weitem nicht hält, was es versprach.

Dabei war, nach ein paar Siegen in Folge, viel von einer Aufholjagd wir vor einem Jahr die Rede, von Champions League und Euro League, und zunächst sah es ja auch danach aus – und im Bereich des gut Möglichen lag es ebenfalls. Doch dann kam eine Heimniederlage gegen Wolfsburg dazwischen, gefolgt vom unfassbaren Remis in Gladbach, gefolgt von der gestrigen Heimniederlage gegen Werder.

Da fragt man sich, wie es sein konnte, dass aus der Aufholjagd keine wurde – und was nun noch aus den Plänen werden mag. Letzteres ist rasch beantwortet: Verliert Frankfurt heute und nächste Woche, ist sogar noch Platz 6 drin. Nur müssten dazu auch die Wölfe ihr nächstes Spiel verlieren, und zwar daheim gegen Augsburg, was relativ unwahrscheinlich ist. Aber weiß man’s? Schließlich gilt, was man im Moment überall sagen hört: Hey, es ist Fußball, da ist doch alles möglich…

Am Ende, hey, auch jener ungeliebte 7. Platz, der in die Euro-League-Qualifikation führt und die Sommerpause derb verkürzt bzw. die Saisonvorbereitung zu einer Art planerischem Bullshit-Lotto macht. Schwieriger zu beantworten ist die Frage, wie es dazu kam. Da hilft dann auch kein aufmunterndes „Hey“ mehr, gefolgt von wohlfeilen Fußballweisheiten à la „wir schauen nur auf uns“, „jedes Spiel dauert 90 Minuten“ oder „wir müssen uns endlich für unseren Aufwand belohnen“.

Mindestens der letzte Satz würde auch dem Spiel gegen Werder nicht gerecht. Seltsam verzagt, ideenlos und antriebsarm wirkte der Auftritt unserer Mannschaft: gegen allerdings ungewohnt und vielleicht auch unerwartet extrem defensiv ausgerichtete Bremer, die mit zwei breitgezogenen Defensivketten alles erstickten, was Hoffenheim offensiv in die Waagschale warf. Dass dabei keine Spiellaune aufkam, dass die Mannschaft nicht in den „Flow“ fand und den Gegner nicht rund zu spielen vermochte, ist vielleicht verständlich.

Außerdem fehlte Nico Schulz wegen irgendwelcher Kniebeschwerden und konnte von Brenet nicht adäquat ersetzt werden – wie auch Kaderabek keine ähnlich scharfe Klinge auf der rechten Seite führt. Immerhin waren bei Brenet viele gute Ansätze zu erkennen, die Mut machen, dass sie in der nächsten Saison bei dauerhaftem Einsatz voll zur Entfaltung kommen, falls Schulz uns verlässt. Andererseits gehörten Brenet und Kaderabek noch zu den Aktivposten in unserer Mannschaft (wie auch Amiri, der sich leider verletzte), die ansonsten eher blutleer agierte. Besonders Kramaric und Demirbay, dem es vielleicht an der nötigen Motivation fehlte, weil er vom Verein keinerlei Verabschiedung vor vollem Haus bekommen hatte, stachen in Sachen Wirkungslosigkeit hervor.

Belfodil wiederum war allzu deutlich bemüht, seinen ehemaligen Kollegen von der Weser zu zeigen, was sie an ihm hätten haben können – was wie immer, wenn man partout etwas beweisen will, glorreich daneben ging. Grillitsch dagegen schien wenig Interesse an irgendwelchen Nachweisen seiner grundsätzlich ja besonderen fußballerischen Befähigung zu haben, während Vogt und Bicakcic irgendwie steif wirkten. Was für die ganze Mannschaft galt, die nie richtig in den Rhythmus fand und sich das einzige Tor des Abends recht unglücklich fast selber in die Maschen legte: beginnend mit einer unklugen Rückgabe von Demirbay auf Baumann, gefolgt von Baumanns lockerer Weitergabe, die beim Gegner landete und nach ein bisschen Strafraumgewirr in seinem Tor.

Mag sein, dass der bevorstehende Abschied vom Trainer eine gewichtige Rolle spielte. Nagelsmann ließ ja kaum eine Gelegenheit verstreichen, öffentlich mitzuteilen, was ihn auf seinen letzten TSG-Metern alles bewegt – und so ein Blues kann sich schon mal auf eine Mannschaft übertragen. Entsprechend geknickt wirkten die Spieler nach der Partie, entsprechend oft fiel der Satz, dass man Julian Nagelsmann bei seinem letzten Heimspiel doch gern drei Punkte erkämpft hätte. Der einzige, der sich unbekümmert um echten Tatendrang bemühte, war indessen das für Amiri eingewechselte TSG-Nachwuchstalent Baumgartner.

Gut zu wissen, dass wir solche Kaliber in der Hinterhand haben! Vor allem angesichts der drohenden Abwanderungswelle von Schlüsselspielern, die auch in uns Fans einen Blues auszulösen vermag. Der Abschied von Nagelsmann verlief dann relativ schmucklos, die im Raum stehende Stadionrunde fiel aus, was auch seitens der Mannschaft bedauerlich war, die nur vor der Südkurve richtig Abschied nahm. Denn auch in der Nordkurve und Gegengerade gab es Fans, vielfach auch Kinder, die ebenfalls gern den gemeinsamen Funken verspürt hätten.

Es hätte also, alles in allem, ein würdigerer Abschied von Nagelsmann werden können, sportlich wie persönlich. Es hätte mehr menscheln dürfen… Aber hey, wie heißt es im Fußball so schön? Genau: Wäre, wäre, Fahrradkette (Lothar Matthäus sei demütigster Dank für diese erhabene Stilblüte)!

Fotos: Kraichgaufoto, Uwe Grün

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Alexander H. Gusovius

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