Anhaltende Führungsschwäche

26 Punkte gingen uns in dieser Saison bereits nach Führung verloren. Wären die alle auf unserem Konto gelandet (und würde man alle glücklichen Punktgewinne außen vor lassen, die es in dieser Saison ja auch gab), dann hätte Noch-Trainer Julian Nagelsmann recht mit seiner Aussage nach dem erneuten Punktverlust in Gladbach: „Wenn wir die Qualität haben, diese zwölf Spiele über die Zeit zu bringen, dann können Dortmund und Bayern machen, was sie wollen. Dann werden wir Meister.“ Nagelsmann führte dann auch aus, was zu den vielen Punktverlusten geführt hätte, nämlich individuelle Fehler. Und schiebt hinterher, wo der Fehler seiner Meinung nach jedenfalls nicht zu suchen sei, und zwar im taktischen Bereich. Heißt unterm Strich: die Spieler sind schuld, ihnen fehlt es an Qualität, am Trainer liegt’s nicht…

Das ist, man muss es leider sagen, nach dem Fan-Bashing der letzten Woche, das Julian Nagelsmann unter der Woche sogar noch bekräftigte, der nächste Ausritt eines verstehbar enttäuschten Trainers, diesmal sogar gegen die eigene Mannschaft. Natürlich hatte ihn die Partie in Gladbach Nerven gekostet, das ging wohl jedem so, der bei der unfassbaren Hoffenheimer Chancenversiebung zusah. Aber rechtfertigt das, am Ende einer langen Saison, die zwar ganz gut, aber lang nicht so gut lief wie erhofft, ständig mit dem Finger auf andere zu zeigen? Hat denn ein Trainer so gar keinen Anteil daran, wenn seine Mannschaft in anhaltender Führungsschwäche geradezu systematisch Führungen hergibt? Und hat Nagelsmann eigentlich die massiven Pfiffe der Gladbacher Fans registriert? Waren das im Borussenpark auch nur verirrte Opernfans?

Julian Nagelsmann ist in Gefahr, sich vor gereizter Enttäuschung und persönlicher Bitterkeit gerade um Kopf und Kragen zu reden. Er muss achtgeben, dass auf den letzten Metern nicht jene herzliche Zuneigung eingetrübt wird, die er sich bei der TSG redlich erworben hat. Denn die verdankt ihm viel, wie er umgekehrt auch der TSG viel verdankt: Niemand anderes als er hat es vermocht, eine immer schwächere TSG wieder flott zu bekommen und zurück auf den Erfolgsweg zu bringen. Und Dietmar Hopp war es, der den Weitblick hatte und den Mut, ihn als Cheftrainer zu verpflichten. Es wäre schade, wenn Nagelsmanns persönliche Bitterkeit die großen gemeinsamen Erfolge so kurz vor dem Abschied ins Zwielicht tauchte.

Das Spiel in Gladbach war im Übrigen ein Spiegelbild der ganzen Saison – wie im Zeitraffer zogen all die vergebenen Mega-Chancen noch einmal vorüber: und wurden erneut nicht genutzt. Über die Gründe kann man selbstverständlich nur spekulieren. Neben der individuell schwankenden Form und dem wechselhaften Nervenkostüm einzelner Spieler spielt die Gesamtheit der Mannschaft dabei eine große Rolle, die zu unfassbar gutem Spiel fähig ist, sich dann aber gern darin verliert und alsbald an Spannung einbüßt, die wie ihr Trainer viel von sich hält, aber das Niveau nicht lang genug oben hält, sondern den Gegner damit irgendwann aufbaut.

Und so kam es, wie es gegen extrem schwache Fohlen nicht kommen durfte, aber nach allen Regeln des Fußballs kommen musste: Da das längst mögliche zweite, dritte, vierte oder fünfte Tor nicht fiel, fiel eben der Ausgleichstreffer. Und als durch den eingewechselten Amiri sogar die erneute Führung gelang, geriet auch diese unter die Räder, sodass man am Ende noch froh sein musste, die Partie nicht zu verlieren.

Als Fan rauft man sich bei solchen Spielen alle Haare und wird schier verrückt. Dabei ist immer noch einiges möglich, wenn wir die nächsten beiden Spiele gewinnen. Und ein kleiner Trost war an diesem Spieltag immerhin auch dabei: Dass nämlich die Bremer, die wir nächstes Wochenende zu einem ultraheißen Tanz in Sinsheim erwarten, den Dortmundern kräftig die letzte Meisterschaftshoffnung versalzen haben. Das ist doch auch schon was…

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Alexander H. Gusovius