Von Opern und Opfern

Man konnte sich nach vier Siegen in Folge kaum noch vorstellen, dass Hoffenheim jemals wieder ein Spiel verliert, schon gar nicht so deutlich. Umso blanker lagen am späten Sonntagnachmittag allseits die Nerven. Da gab es etliche Fans, die ihrem Unmut pfeifend Ausdruck verliehen, was nicht schön war, viele verließen sogar vorzeitig die Arena, was auch nicht jedem gefallen muss – und zuletzt gab es eine Pressekonferenz, auf der Noch-Trainer Julian Nagelsmann eben diesen Fans spitzmündig empfahl, es doch einmal mit einem Opernbesuch zu versuchen. Da gäbe es ja auch schiefe Töne. Ob sie da wohl ebenfalls pfeifen würden?

Wie immer, wenn harte Gesten und scharfe Worte ausgetauscht werden und so richtig die Fetzen fliegen, gehört genüssliche Übertreibung zum Repertoire. Nichts davon sollte wörtlich genommen werden. Da haben einige Fans halt mal ein vergeigtes Spiel ausgepfiffen oder durch frühzeitigen Abgang auf das gepfiffen, was weiter geschah, und hat ein Trainer seinen Ärger über solche Fans, die seiner Meinung nach Pfeifen sind, nicht weniger scharf artikuliert. Soweit kein Problem, sondern eben nur ein bisschen Zoff: wie er in den besten Familien mal vorkommt.

Zum Problem wird die Sache erst, wenn man überlegt, wie abgründig der Trainer mit seinem Opernvergleich gröbste Vorurteile gegenüber Hoffenheim bedient hat. Über die Medien zog das Bashing der eigenen Fans denn auch sofort weite Kreise und fütterte jene, die immer schon wussten, dass Hoffenheim ein künstliches Gebilde sei, nicht wert, die heiligen Hallen des traditionellen Fußballs zu betreten… Nagelsmann bezog sich dagegen auf die großen Leistungen, die Hoffenheim sportlich unter seiner Leitung unbestreitbar vollbracht hatte, und noch mehr war er wohl einfach nur saumäßig verärgert, dass die Partie gegen Wolfsburg so kläglich verloren worden war. Seinen Brast darüber hat er dann über den Opernvergleich zu ventilieren versucht…

Was ihm vermutlich nicht klar ist: Dadurch unterscheidet er sich kein bisschen von jenen Fans, die ihren Unmut einfach herauspfeifen. Denn beide nehmen sich in völliger Selbstüberschätzung als Opfer wahr, als Opfer elender Leistungen die einen, als Opfer „abscheulicher“ Fans der andere. So weit, so schlecht, wie das Spiel selbst ja auch, das unsere Mannschaft in einer Art Rückfall in überwunden geglaubte Untugenden nahezu herschenkte. Und könnte es sein, dass dafür im Letzten vielleicht auch der Trainer verantwortlich ist?

Warum Nagelsmann, nachdem er die anfängliche Wolfsburger Überlegenheit durch Umstellung auf eine Vierer-Abwehrkette abgefangen hatte, nach der Führung und dem verschossenen Elfer wieder auf Fünferkette zurückstellte und wegen des alsbald wieder erheblichen Wolfsburger Drucks nach der Pause extrem defensiv agieren ließ, bedürfte jedenfalls der Erklärung. Genauso die Frage, warum unsere Mannschaft saisonübergreifend immer wieder beinahe in sich zusammenfällt, wenn sie nach überragender Leistung und früher Führung den Gegner zu beherrschen glaubt. So geschehen auch gegen Wolfsburg, was viele Fans eben gehörig aufbrachte.

Soll man Julian Nagelsmann deshalb empfehlen, demnächst lieber Opern zu dirigieren? Weil da das Publikum immer schön gesittet ist und allenfalls hüstelt? Besser nicht. Ein verärgerter, enttäuschter Trainer ist auch nur ein Mensch – wie wir Fans. Und wenn manche von uns beschließen, zu pfeifen oder früher zu gehen, dann ist das, ob man es mag oder nicht, ihr gutes Recht. Abstimmung mit Füßen nennt man letzteres übrigens. Und Pfeifen und Gehen sind allemal besser als jenes Bespucken der Spieler, wie es jüngst die Schalker über sich ergehen lassen mussten, oder das Blockieren des Mannschaftbusses, wie es in Stuttgart gern mal geschieht.

Wir Hoffenheimer Fans sind großartig, manche Eigenheiten wie schnell wachsende Unzufriedenheit eingeschlossen. Und mit dieser Ehrenerklärung soll es genug sein! Vertragen wir uns wieder, noch ist nichts verloren… Schlimm genug, dass unsere Mannschaft gestern so unter die eigenen Räder kam! Mit Belfodil, der um jeden Preis glänzen wollte und sich und die Schultern hängen ließ, je weniger ihm das gelang, mit Kramaric, der nach dem verschossenen Elfer wieder so sehr mit sich haderte, dass von ihm keine Gefahr mehr ausging, mit Grillitschs ganz schwarzem Tag, mit den Unsicherheiten von Adams und mit Vogts Instabilität war gegen starke Wölfe nichts zu holen. Schade nur, dass die ausgelöste Flut bei Oli Baumann anlandete, der zuerst herausragend gehalten hatte und dann zweimal unglücklich aussah.

So viel in den letzten drei Spielen noch zu erreichen ist, wenn die Konkurrenz mitspielt, so sehr muss man einsehen, dass die zuende gehende Saison vielleicht nicht die beste des scheidenden Trainers und unserer Mannschaft ist. Hacken wir also nicht aufeinander herum, halten wir lieber zusammen! Wer weiß, was dann doch noch möglich ist…

Fotos: Kraichgaufoto, Uwe Grün

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Alexander H. Gusovius

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