Seriensieger

Man konnte es sich nach drei Siegen in Folge kaum mehr anders vorstellen: Drei Punkte auf Schalke, weniger kam doch am Ostersamstagabend imgrunde nicht infrage. Gehörten die Knappen nicht sowieso zu den Wackelkandidaten am Ende des Tabellengeschehens? Und spielen wir solche Gegner nicht locker vom Platz, wir und unsere Offensivkünstler samt eingebauter Torgarantie?

Es ist erstaunlich, wie kurz das Gedächtnis in Sachen Fußball arbeitet. Noch vor wenigen Wochen war solch eine Begegnung nahezu Garant für ein Remis und versemmelten wir reihenweise die schönsten Torgelegenheiten. Doch nach drei rauschenden Fußballfesten mit etlichen Treffern sind die vielen quälenden Unentschieden genauso gründlich vergessen wie die letzten Magenprobleme beim Anblick von knusprigen Grillwürstchen. Vergessen ist auch, dass die drei Siege sämtlich unter günstigen Umständen errungen wurden.

Aber wie es manchmal so geht im Leben, kommt es genauso, wie man fälschlicherweise denkt. Und so stand am Ende des Tages ein 2:5 auf der Anzeigentafel, das Schalke als klaren Verlierer und uns als glasklaren Sieger auswies. Nur dass es lang nicht so klar war, was da auf dem Rasen der Veltins-Arena vor sich gegangen war. Längere Zeit hatte sich Schalke als hartnäckiger, zäher Gegner erwiesen, während unsere Mannschaft mit allzu großer Lockerheit den Gegner flockig wegspielen zu können
meinte.

Aber dem war nicht so. Schalke unter Huub Stevens stand, wen wundert’s, defensiv sicher, griff hoch an und machte uns das fußballerische Leben durch echten Kampfgeist richtig schwer. Speziell das Herauskombinieren aus der Abwehr geriet derart unter Druck, dass mit lässigen TSG-Füßchen viele Fehlpässe produziert wurden und Schalke lange Zeit auf Augenhöhe agierte – ohne dabei großartig zu Torchancen zu kommen. Die hatten wir aber auch nicht.

Irgendwann hatte man sich eingerichtet in diesem Match ohne echte Höhepunkte – und fragte sich, wie unsere TSG noch den Kopf aus der sich erneut zuziehenden Remis-Schlinge ziehen sollte. Es gab imgrunde nur zwei Möglichkeiten: entweder per Glück oder mit energischem Fleiß, also indem man die Kampfbereitschaft der Knappen annahm. Da entschied sich der Fußballgott, der uns über weite Strecken der Saison hartnäckig gemieden hatte, ein Zeichen zu setzen, dass er uns ebenfalls mag…

Anders gesagt kam das eben erwähnte Glück zum Tragen. Ohne dass es sich spielerisch angekündigt hatte, fiel in der 25. Minute das erste Tor für uns, indem Belfodil sich den Ball erst etwas glücklich selber vorlegte und ihn dann mit einem allerdings gekonnten Strahl von Schuss aus ca. 14 Meter in
die Maschen jagte. Auf Schalker Seite fehlte zu ähnlichem Glück öfters die nötige Entschiedenheit oder einfach der geniale letzte Pass, den dafür kurz vor der Pause Demirbay auf Kramaric spielte, der trocken einnetzte.

Der 0:2-Pausenstand kündete demnach nur scheinbar von großer Überlegenheit: Schalke war besser, als das Ergebnis verriet, weshalb der Fußballgott alsbald korrigierend eingriff, indem er Schiri Dingert
etwas Sand in die Augen streute (viel braucht es bei ihm ja nicht, um ihn mit Blindheit zu schlagen), sodass er beim Hinsinken von Embolo im TSG-Strafraum auf ein Foul als Ursache entschied und auf den Elfmeterpunkt wies, von wo aus Caligiuri sicher verwandelte.

Julian Nagelsmann hatte kurz zuvor Hübner wegen Gelb-Rot-Gefährdung durch Szalai ersetzt, um vorne jemanden zum Bälle-Festmachen zu haben. Der Ungar irrte jedoch mehr über den Platz als dass er sinntragend agierte – was aber an diesem Abend der fußballgöttlich-glücklichen Umstände
keine Rolle spielte, weil nur fünf Minuten nach dem Einschlag im Tor der TSG Belfodil rechts durchbrach und einen extrem feinen, langen Heber ins Zentrum schickte: exakt auf den Schädel von Szalai, der den Ball ohne zu zögern einnickte.

Als Schalker konnte man sich da nur noch an den Kopf fassen – und das taten sie auch auf dem Platz wohl besonders ausgiebig; jedenfalls war es um die Lebhaftigkeit ihrer Beine danach geschehen, so dass Hoffenheim, endlich wirklich überlegen, auch noch locker das 1:4 durch Amiri und das 1:5 durch Belfodil erzielen konnte. Unmittelbar vor dem Schlusspfiff quittierte Schalke die erhebliche Sorglosigkeit unserer Mannschaft mit einem 2:5, das uns aber vermutlich nicht weiter wehtun wird.

Was uns jedoch noch ganz erhebliche Schmerzen bereiten könnte, wäre zu meinen, nach nun vier Siegen in Folge, die allesamt unter günstigen Bedingungen zustande kamen, sei das Restprogramm für uns eine Art Schaulaufen. Denn erst jetzt, wenn es in Serie gegen unsere Euro-Mitkonkurrenten Wolfsburg, Gladbach und Bremen geht, wird sich erweisen, wieviel Substanz in unserem diesjährigen Endspurt wirklich steckt. Geht man die Sache zu locker an wie gegen Schalke, wird uns das Glück nicht fortwährend zurseite stehen. Zieht man jedoch die richtigen Lehren aus den erlebten Momenten, kann es am Ende sogar wieder für die Champions League reichen.

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Alexander H. Gusovius