„Dietmar, wir danken Dir!“

Freitagabend wurde Dietmar Hopp von Radio Regenbogen noch als Menschenfreund, Großspender und besonderer Wohltäter ausgezeichnet, die Laudatio hielt Günther Oettinger – und auch sonst war einiges an Prominenz im Europa-Park in Rust versammelt: u.a. Franz Beckenbauer, Boris Becker, Fritz Keller, Wolfgang Clement, Norbert Haug. Dazu eine Videobotschaft von Wolfgang Schäuble und der minutenlange Applaus der Gästeschaft, in der Summe ein sicher ebenso wohltuendes wie verdientes Gebinde aus Respekt und Dank.

Doch am Sonntagmittag, daheim im Stadion, sah sich der Geehrte gleich wieder jenen Sprechchören ausgesetzt, die der Sinsheimer Gästeblock in variierender Besetzung allzu gern und oft zu skandieren beliebt, wie um zu beweisen, auf wieviel Ödnis die pöbelnde Wortwahl in den Hirnen gründet. Es ist mindestens eine seltsame Verrückung von Sentiment und Stolz, wenn Fans glauben, die Bindung an den Verein ihrer Herzen mittels solcher und ähnlicher Grobheiten dokumentieren zu müssen. Die Hoffenheimer Fans pfeifen in solchen Fällen gern mal, bekommen die entblödenden Sprechchöre damit aber nicht in den Griff. Deshalb an dieser Stelle ein Vorschlag, der eher geeignet wäre, den unerträglichen Chören des Gästeblocks den Stecker zu ziehen: Wie wäre es, wenn wir uns als Heimfans bei Verunglimpfungen gegen Dietmar Hopp in Zukunft jedesmal von den Plätzen erheben und ein vielstimmiges „Dietmar, wir danken dir“ skandieren würden, so lange, bis die Sprechchöre ersterben? Der Vorschlag ist übrigens völlig ernst gemeint. Darum die Bitte an alle Fanclubs der TSG, ihn dort zu diskutieren.

Wenigstens haben die pöbelnden Hertha-Fans, unter die sich dem Vernehmen nach wohl auch ein paar KSC-Anhänger gemischt hatten, eine ebenfalls passende Antwort auf dem Platz bekommen. Die ersten 30 Minuten, als eine TSG-Angriffswelle nach der anderen die alte Dame aus Berlin so gar nicht ladylike ins Schwitzen brachte, dürften die dürftigen Ganglien schon bis zum Durchschmoren überhitzt haben. Doch auch aus TSG-Sicht war das eine heiße Phase, als Szalai, Kramaric, Belfodil und Demirbay den Ball permanent gefährlich aufs Tor brachten, ohne ihn über die Linie zu kriegen. Mehr vergebene Mega-Chancen, wie an der Perlenkette aufgereiht, hat man noch selten zu sehen bekommen.

Imgrunde lag die Hertha komplett am Boden. Und dann kam es, wie es in Sachen Unfassbarkeit im Fußball gerne kommt: eine falsche Abseitsentscheidung nahm Belfodils Treffer in der 23. Minute aus der Wertung, der die Wende bedeutet hätte. Amiri setzte dem Spuk bei seinem 100. Bundesligaspiel glücklicherweise bald ein Ende: halbrechts vor dem Strafraum nicht attackiert, peilte er mit einem präzisen Schuss das lange Eck an, den Jarstein im Hertha-Tor zwar noch mit langen Fingern erreichte, aber nicht am Einschlagen zu hindern vermochte. Als das 1:0 nun endlich eingefahren war, vergab unsere Mannschaft immer noch hier und da schöne Gelegenheiten, zog sich jedoch aus dem strapaziösen Daueransturm aufs Hertha-Tor zurück und überließ der alten Dame mehr und mehr Spielanteile.

In der zweiten Halbzeit wurde die Hertha mutiger und attackierte noch früher, was Hoffenheim nicht daran hinderte, weitere schöne Torchancen auszulassen, nur dass neben Demirbay jetzt auch noch Kaderabek und Hübner dabei mittaten. Als man so allmählich begann, sich Sorgen zu machen, ob sich hier das nächste überflüssige Remis anbahnte zeigte Nelson, dass nach langer Pause wieder mit ihm zu rechnen ist: Schulz flankte in der 76. Minute von links und der Jungstar hielt präzise den Kopf hin. Das hinderte die Schiedsrichterei natürlich nicht daran, wieder eine Abseitsstellung anzunehmen. Erst nach gründlicher Linienkalibrierung durch den Kölner Keller stand fest, dass der Treffer zählte – sodass die letzten 10 Minuten des Spiels so sorgenfrei verliefen, wie es die enorme Hoffenheimer Überlegenheit von der ersten Minute an nahegelegt hätte, wäre der Ball nicht ständig vor der Torlinie geblieben.

Es war der dritte Sieg in Folge – keine Frage, es läuft wieder bei uns, der Endspurt scheint eine TSG-Spezialität zu sein… Und was die Euro-League-Ambitionen anbelangt, sieht es nun auch besser aus: Leverkusen und Bremen haben zwar knapp gewonnen, aber Wolfsburg hat in Leipzig verloren. Platz 6 schlägt momentan darum zubuche, und gegen Gladbach, Wolfsburg und Bremen spielen wir noch. Außerdem darf man selbst die Champions-League-Träume weiter pflegen. Denn Frankfurt hat zuhause gegen Augsburg verloren und ist damit nur noch fünf Punkte von uns weg. Ja, es könnte sein, dass jetzt bei den Hessen, kurz vor Ende der Saison, der kaum noch für möglich gehaltene Leistungsknick eingesetzt hat. Uns wär’s mehr als recht.

Es wird also spannend. Und nochmal spannender, wenn auch auf Schalke der österliche Sieg gelingt…

Fotos: Kraichgaufoto, Uwe Grün

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Alexander H. Gusovius