Der Kraichgau-Fluch von Leverkusen

Man glaubt’s ja fast nicht, aber Bayer Leverkusen war mal Angstgegner No. 1 der TSG. Ob wir dahin fuhren, ob sie bei uns zu Gast waren, egal: am Ende siegte immer die Werkself. Doch das war einmal, die Verhältnisse haben sich umgekehrt, und zwar gründlich. Besser gesagt sind wir seit einiger Zeit nicht etwa nur der Angstgegner der Rheinländer, sondern sogar eher sowas wie ihr Alptraum. Die Werkself kann tun und lassen und machen, was sie will, am Ende verliert sie gegen uns, fast immer. Sozusagen mit regelbestätigenden Ausnahmen: Es kommt auch mal zu Punkteteilungen und am 20.1.2018, als Hoffenheim noch im Winterschlaf war, gelang Leverkusen sogar ein Sieg.

Manche meinen, die Bayer-Misere gegen Hoffenheim habe mit dem Weggang von Volland nach Leverkusen zu tun, der dort seine hohen Ziele bislang nicht zu realisieren vermochte – jedenfalls nicht im Sinne europäischen Spitzenfußballs, da ist die TSG seit einiger Zeit entschieden näher dran – und dass Volland sozusagen unter einem Kraichgau-Fluch zu stehen scheint, wenn es gegen seinen Ex-Klub geht. Manche meinen hingegen, wenn es einen Kraichgau-Fluch gebe, dann habe ihn die Werkself einst mit jenem elenden Phantomtor von Kießling auf sich geladen und könne seither nicht mehr unbefangen gegen uns antreten… Tatsächlich geschieht ja so einiges in dieser Welt, das wundersam genug ist oder auch wie verflucht daherkommt, doch spielt Hoffenheim seit mehr als zwei Jahren einen überzeugenden Fußball – während Leverkusen wackelt. Es liegt vielleicht näher, darin den entscheidenden Grund für die schöne TSG-Siegesserie zu sehen.

Immerhin, in letzter Zeit zeigt die Formkurve der Pillendreher wieder nach oben, nämlich seit Peter Bosz sie das Fußballspielen lehrt, während Hoffenheim sich zum Remis-Spezialisten zurückentwickelt hat, weshalb nicht wenige Leverkusen gestern Abend wieder im Vorteil sahen. In den ersten 10 Minuten des Spiels wurden sie darin auch bestätigt. Die Werkself spielte unsere neuformierte Abwehr, die mit Hübner und Vogt, Brenet und Kaderabek als Viererkette ins Rennen ging, ein ums andere Mal schwindlig. In der 3. Minute kam zum ersten Mal die TSG-Fußspitze zum Einsatz: Hübner schaffte es, den Ball mit einer eigentlich unmöglichen Grätsche gerade noch so vor Volland (Fluch oder nicht Fluch?) wegzuspitzeln und damit das sichere 0:1 zu verhindern – das dennoch nur eine Frage der Zeit zu sein schien.

In der 10. Minute traf umso überraschender unsere Mannschaft das Tor, und das kam so: Hübner, listig und stark wie eh und je, schlug einen langen Ball in Spitzenmanier auf Kramaric, womit er die weit aufgerückte Werkself hinten komplett aushebelte, und Kramaric schlenzte den Ball sehenswert per Außenrist mittig in den Rücken der Abwehr, wo sich Belfodil seiner annahm und ihn ebenso spitzenmäßig flach links unten versenkte. Der Jubel war groß, doch pflegt so ein Führungstreffer in dieser Saison leider nicht lange zu halten, und so war es auch diesmal: Leverkusen hielt einfach weiter munter drauf und erzielte nur sieben Minuten später durch Vollands Kopf das 1:1. Nur drei Minuten darauf hätte er den Kraichgau-Fluch, falls er denn unter einem solchen leidet, komplett von sich abschütteln können. Nur schob er einen Schussversuch von Bellarabi, der bei ihm landete, aus unerfindlichen Gründen nicht ins leere Tor hinein, sondern davon weg.

Bis zur Halbzeitpause entwickelte sich nun ein munteres Spiel, bei dem unsere Mannschaft immer mehr Spielanteile hielt und in der 32. Minute durch Belfodil einen Abseitstreffer erzielte, den man möglicherweise auch hätte geben können. Doch Leverkusen litt schon genug unter einem schlechten Omen, kurz hintereinander verlor die Werkself mit Bellarabi und Lars Bender zwei ihrer Besten durch Verletzung ohne Fremdeinwirkung. Gleich nach der Pause, als es noch 1:1 stand, verlor jedoch auch Hoffenheim einen der Besten: Joelinton war auf den Ball getreten und weggeknickt. Für ihn kam Amiri, der gleich nach seiner Einwechslung von halbrechts zum Schuss kam, den Sven Bender gütig abfälschte, worauf der Ball zur erneuten Führung ins Tor kullerte…

Das Spiel war gerade mal eine Stunde alt, als klar wurde, dass die Sterne (um nicht immer nur von einem Fluch zu sprechen) für die TSG entschieden günstiger standen als für die Werkself. Grillitsch hatte Belfodil geschickt, der Weiser an der linken Strafraumkante umkurvte und nach innen zog. Mit einem trockenen, präzisen Schuss, wieder ins linke, unter Eck, traf er unwiderstehlich zum 3:1 ins Tor. Bayer versuchte noch dies und das, doch was immer die Werkself versuchte, ging daneben, wie oben beschrieben.  Anders die eindeutig von keinem Fluch belastete TSG, der in der 79. Minute noch das 4:1 gelang. Wieder war Belfodil maßgeblich daran beteiligt und hätte den Ball von halblinks auch allein im Tor untergebracht, doch brachte Kramaric mit langem Bein sicherheitshalber noch seine Fußspitze daran und ließ damit Sali hinter sich bzw. stieg er so zum alleinigen TSG-Rekordschützen auf!

Es war ein großartiger Fußballabend, voller phantastischer, geradezu magischer Momente, um es einmal so zu sagen, den Hoffenheim durch die erheblich geschlossenere Mannschaftsleistung verdientermaßen für sich entschied.

Fotos: Kraichgaufoto, Uwe Grün

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Alexander H. Gusovius