Rumpelsieg: sauber!

Wer hätte es gedacht: Unsere TSG ist ja doch fähig, drei Punkte einzuheimsen, die nicht unbedingt verdient sind. Statt wie sonst Tore und Zähler liegenzulassen, die völlig verdient gewesen wären. Damit ist die Bilanz der in dieser Saison hergeschenkten Punkte beileibe noch nicht ausgeglichen, wie auch kein Ende der Alutreffer-Rekordserie in Sicht kam, aber so ein angeschmuddelter Sieg, ein nur halb und halb verdienter Sieg, mithin ein blitzsauberer Rumpelsieg ist doch auch mal was!

War es gar der so lang ersehnte, dreckige Sieg? Leider oder glücklicherweise nein: dazu war gegen Nürnberg in der ersten Halbzeit zu vieles zu gut, inklusive des Alu-Treffers von Belfodil, was für die zweite Halbzeit allerdings nicht gilt. In der Summe benutzte darum auch niemand das unschöne, schmutzige Wort, meist schrieb und sagte man vornehmer: Arbeitssieg und meinte damit, dass wenig Glanz dabei war, stattdessen mehr Glück – und das Spiel im Ganzen gesehen zwar nicht verdient, aber eben auch nicht unverdienterweise so ausging, wie es ausging.

Als symbolisch für die gemischte Bilanz der Partie kann eine Szene gleich zu Beginn gelten, als Kramaric im Strafraum der Clubberer zu Fall kam und Schiri Dingert die Pfeife zum Mund hob und mit ausgestrecktem Arm auf den Elfmeterpunkt wies. In der TV-Wiederholung war alsbald zu sehen, dass Kramaric das vor ihm ausgestreckte Bein allerdings in einer Art vorgezogenem Fallen übersprungen hatte, dass also kein echtes Foul und schon gar kein Berührung vorlag. Dingert kam den wild protestierenden Nürnbergern etwas entgegen, indem er beruhigend auf sein linkes Ohr deutete – wo die Kölner Zentrale zu ihm sprach und riet, die Szene doch noch mal im TV anzuschauen. Und kaum hatte Dingert das umgesetzt, nahm er den Elferpfiff zurück, zeigte aber Kramaric, der mit dem Ball am Punkt bereitstand, nicht die redlich verdiente gelbe Karte.

In diesem Moment waren Glück und Pech auf engstem Raum ineinander verzahnt – was auch für den Autor dieser Zeilen galt, den eine Unpässlichkeit infolge verdorbener Lebensmittel dazu verurteilt hatte, dem Stadion fernzubleiben und das Spiel am Fernseher anzuschauen. Recht behaglich war es da auf dem Sofa, während draußen immer stürmischere Böen die Bäume und Sträucher rupften. Ähnlich stürmisch versuchte unterdessen die TSG, den verpassten Elfmeter-Treffer eigenhändig bzw. eigenfüßig nachzuholen. In dieser Phase lief der Ball gut bis sehr gut, vor allem das Mittelfeld gehörte der TSG, der letzte Nachdruck ganz vorn fehlte aber noch.

Dann kam in der 25. Minute wieder ein Stückchen Glück für die TSG auf: Kramaric bekam doch noch seinen Elfer, nachdem er höchstselbst den Ball dem Nürnberger Erras im Strafraum aus mittlerer Distanz an die Hand geschossen hatte. Das Kölner Männchen in Dingerts Ohr schwieg sich diesmal aus, nicht zu unrecht, und Kramaric trat an und verwandelte eiskalt zum 1:0, das durch die nun folgende TSG-Daueroffensive mehr als verdient war. Doch in der 37. Minute wandelte sich das Spiel, mindestens für den Autor dieser Zeilen, der, vom Spielgeschehen gefesselt, im linken Augenwinkel eine „unnatürliche Bewegung“ sah: keine, die zu einem erneuten Handelfmeter hätte führen können, sondern mit einer gewissen Sinnveränderung einherging, indem draußen, im Garten, die schon länger bedrohlich schwankende Blaufichte von wilden Sturmböen aus ihrer Verankerung gerissen wurde und sich in Richtung des Autors (ähnlich wie Kramaric zu Beginn der Partie) längs auf den Rasen legte.

Zum Glück war der Fallwinkel günstig, der starke Stamm verfehlte Haus und Wohnzimmer und Autor, der dennoch nicht ruhig auf seinem Sofa sitzenblieb, sondern aufsprang wie sonst nur beim Torjubel und vom Rest der ersten Halbzeit nicht viel mehr mitbekam, als dass Hoffenheim weiter stürmte, ohne noch einmal das Tor zu treffen. Nach der Pause hatten sich die Nerven einigermaßen beruhigt, leider auch seitens der TSG, die etwas behäbig in die Partie zurückkehrte, vielleicht auch, weil Nürnberg nun deutlich mehr riskierte, früher draufging und sich die zurückliegende Dauerüberlegenheit für unsere Mannschaft immer noch so anfühlte wie ein sicherer Sieg, sodass sie viel zu sorglos agierte.

Solche Larifari-Spielführung war bei fast allen hergeschenkten Punkten zu beobachten und scheint für Noch-Trainer Julian Nagelsmann ein unlösbares, vielleicht auch nicht erkanntes Problem zu sein – oder sie ist die unausbleibliche Folge des immens hohen körperlichen Aufwands, den unsere Mannschaft in jedem Spiel betreibt, sodass sie jede Gelegenheit zum Durchschnaufen benutzt, wenn auch etwas zu ausgiebig… Der Nachfolger – wüssten wir nur, wer es sein wird! – sollte einen seiner neuen Hebel unbedingt hier ansetzen. In der 61. Minute geschah jedenfalls, was so oft schon geschah: Hoffenheim gab die knappe Führung her, der Gegner glich aus. Und im folgenden Spielgeschehen machte Nürnberg erfolgreich die Schotten dicht, kam sogar durchaus auch zu Torchancen und wirkte unsere Mannschaft verstehbarerweise fast etwas verzweifelt.

Die Einwechslung von Szalai und Bittencourt schien daran zunächst nicht viel zu ändern, doch bereitete in der 78. Minute Szalai nebst Belfodil jenen glücklichen Hackentrick von Kramaric vor, der das 2:1 bedeutete. Wie nah Pech und Glück jedoch auch da noch blieben, bewies Bicakcic, der in der Nachspielzeit den erneuten Ausgleichstreffer der Clubberer um Haares- bzw. Stollenbreite verhinderte. Unterm Strich waren es drei Punkte, die wenigstens saisonübergreifend klar verdient waren…

Fotos: Kraichgaufoto, Uwe Grün

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Alexander H. Gusovius

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