Großes Kino!

Von wegen „El Plastico“! Das Montagabendspiel des 23. Spieltags war ein Hingucker, ein echtes Highlight, fast schon fußballvergnügungssteuerpflichtig. Jaja, der vermeintliche Plastikgipfel zweier angeblich künstlicher Fußballgebilde war so lebensecht, so vital, so voll- und heißblütig anzuschauen, dass man fast geneigt war, das negative Image von Plastik im Allgemeinen zu hinterfragen: Könnte es sein, dass Plastik gar nicht so übel ist? Dass richtig gute Sachen entstehen, wenn Herz und Seele dabei mitmischen?

Ein konsequent eisiger Wind von Vorurteilen umweht jedoch Kunststoff, Diesel und manches mehr, unter anderem auch uns: die Fans der TSG wie die TSG selbst. Gelegentlich sieht es zwar danach aus, als würde endlich ein differenzierteres Bild gezeichnet werden, aber dann erweisen sich die dümmsten, durchschaubarsten Vorurteile doch wieder als unausrottbare Untote – und erneut ergießt sich ätzende Häme über alles, das nicht dem Strickmuster der Gewöhnlichkeit entspricht. Gewöhnlich wollen wir selber aber auch gar nicht sein, so wenig wie die roten Bullen aus Leipzig, und gestern am Abend wurde unter Flutlicht erneut bewiesen, wie außergewöhnlich beide Teams Fußball spielen können. Und deshalb sollen an dieser Stelle mal ein paar entscheidende Fragen gestellt und gleich auch beantwortet werden:

Was soll schlecht daran sein, wenn Gutes geschieht? Oder ist die reine Lehre wichtiger als die Realität? Und können höchst erfolgreiche Unternehmer wie Dietmar Hopp und Dietrich Mateschitz am Ende doch auch den Fußball bereichern??? Erstens ist es nicht schlecht, wenn Gutes geschieht, natürlich nicht, zweitens sind reine Lehren immer verdächtig, reine Leere zu erzeugen und sonst nichts, und hinter drittens ist ein glasklares ‚Ja!‘ zu setzen. Also genießen wir den gestrigen Abend noch ein bisschen länger und versetzen uns behaglich zurück in die Red Bull Arena, wo unsere Mannschaft ohne Vogt und Geiger und Leipzig ohne Forsberg und Werner auskommen musste:

 In der ersten halben Stunde dominierte die TSG eindeutig das Geschehen. Mit Grillitsch in der defensiven Mitte, zu wiederholten Vorstößen ins Mittelfeld befugt, war für die nötige Überzahl gesorgt, sodass Leipzig, anfangs mit einer Fünferabwehr unterwegs, Mal ums Mal das Nachsehen hatte. Nach Ballverlusten der Sachsen zerlegten unsere Offensivkräfte immer wieder die Leipziger Defensive, in der 22. Minute trugen Joelinton und Belfodil halbrechts einen Angriff vor, den Kramaric nur noch zum 0:1 abzustauben brauchte.

Über Joelintons Finesse muss man nicht mehr viel sagen. Es ist einfach begeisternd, wie er mit hoher Körperlichkeit, feiner Technik, viel Instinkt und noch mehr Überblick von vorne bis nach hinten ackert und die Angriffe taktet! Hoffentlich bleibt er uns erhalten… Doch auch Belfodil zeigt immer mehr, was für ein begnadeter Fußballer er ist: immer für Überraschungen gut, technisch außergewöhnlich begabt, ein ganz eigener Kopf mit vielleicht etwas zu ausgeprägter Neigung, sich gelegentlich hängen zu lassen.

Nach dem Treffer, dem noch ein paar gute Chancen folgten, stellte Rangnick sein Team auf die gewohnte Viererkette um. Die Spielanteile von Leipzig nahmen umgehend zu, doch erst in der zweiten Halbzeit, imgrunde erst mit der Einwechslung von Augustin in der 75. Minute, zündete die Maßnahme richtig: bis dahin hatte unsere Mannschaft zwar nicht mehr das Mittelfeld, aber immer noch die Partie unter Kontrolle und stand defensiv enorm geschlossen. Und hätten nicht Schiri Dr. Brych und sein Team aufs Lächerlichste zweimal ein nicht vorhandenes Abseits zu erkennen gemeint und sofort sanktioniert, anstatt sicherheitshalber auf die Kölner Videokontrolle zu bauen, wäre die TSG zweimal frei auf Gulacsi marschiert und vermutlich zu einem oder zwei weiteren Toren gekommen.

Doch die Hoffenheimer Leidensgeschichte mit diesem gelehrten Spielleiter ist lang, sie reicht vom Leverkusener Phantomtor bis zu diversen kleinlichen Pfiffen gestern, die meist die TSG und selten Leipzig am Spielen hinderten. Was soll man da machen? Die Pfeife, und sei sie noch so studiert, hat das Sagen! Als nur noch 10 Minuten zu spielen waren, fing man trotzdem allmählich an, der knappen Führung zu trauen und zu hoffen, dass sie bis zum Schlusspfiff halten würde.

Über uns liegt aber immer noch eine Art Remisfluch, ein fußballerisches Fallbeil, das dafür sorgt, dass wir zwar selten verlieren, aber eben auch selten gewinnen. Und so geschah, was geschehen musste: kurz vor knapp, in der 89. Minute, lief Halstenberg unseren Strafraum viel zu frei an, flankte flach nach innen und fand Orbans langen Fuß, von dem aus der Ball zum 1:1 in die Maschen flog…

Das bis dahin schön anzuschauende Spiel auf hohem fußballerischem Niveau wollte auf einmal gar nicht mehr munden. Dabei ist so ein 1:1 in Leipzig ein sehr gutes Ergebnis! Doch es geht einem mit sowas wie mit Steaks: wenn man zu viel davon hat, schmeckt es nicht mehr. Dafür bot die Partie eine andere, manchen Fan sicher beruhigende Perspektive: Julian Nagelsmann wollte ganz klar gewinnen! Und also ist er, solange er noch bei uns ist, tatsächlich vollkommen bei uns – und nicht bei seinem nächsten Arbeitgeber…

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Alexander H. Gusovius

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