Spiel auf ein Tor

Beim Spiel auf ein Tor handelt es sich gewöhnlich um eine Übung, bei der zwei Mannschaften auf nur ein Tor hin spielen, sodass sich eine Art Daueroffensive ergibt und der einzige Torhüter jede Menge zu tun bekommt. Nicht so bei der Begegnung in der sonnenverwöhnten PreZero-Arena am Samstagnachmittag: Da war beim Spiel auf ein Tor eher das Gegenteil der Fall, jedenfalls hatte Baumann im Tor der TSG denkbar wenig zu tun, imgrunde gar nichts, während Esser, sein Gegenüber aufseiten Hannovers, zwar tatsächlich all Hände voll zu tun hatte, aber nicht durch die Offensive von zwei Mannschaften, sondern allein durch die unfassbar vielen Angriffe der TSG.

Die reichten jedoch völlig aus, um ihm 90 Minuten lang höchstes Stresslevel zu bescheren und die Partie in Permanenz am Laufen zu halten – äußerst unterhaltsam war es, unserer Mannschaft dabei zuzusehen, wie sie Hannover in Grund und Boden spielte. Man wusste phasenweise nur nicht, ob man sich mehr für unser Spiel begeistern oder wenigstens ab und zu Mitleid mit dem Gegner haben musste. Zwei Niedersachsen, die neben dem Autor dieser Zeilen saßen, wandelten ihr Entsetzen lieber in feinste Eigenironie um: „Großartige Ballstaffetten“, sagten sie, wenn Hannover den Ball mal über zwei, drei Stationen laufen ließ, was selten genug vorkam. Oder: „Das Spiel dreht sich, es merkt nur noch keiner!“

In den Anfangsminuten versuchte sich Hannover mitunter noch behutsam am Gang nach vorn und kam in der 4. Minute sogar zu einem Eckball. Der landete jedoch bei Kramaric, der ihn umgehend unpräzise nach vorn links schlug, von wo Korb ihn weg in die Mitte köpfte – doch kam genau da Joelinton in unfassbarem Tempo angesprintet, nahm die Kugel dankbar an und spitzelte sie durch Essers Beine ins Tor. Und in der 14. Minute streckte er sich vergeblich, als Belfodil einen Freistoß von Demirbay per Nacken und oberem Rücken ins lange Eck „köpfte“: damit waren die Hannoveraner Offensivversuche für lange Zeit endgültig Geschichte.

Von nun an spielte eigentlich nur noch und fast nach Belieben die TSG. Zug um Zug ging’s vor Essers Tor, oft wurden die Bälle Hannover schon in der Defensivzone abgenommen, nur mit der Ernsthaftigkeit und der Chancenverwertung hapert es, weil inmitten der extremen Überlegenheit sich natürlich die Soloauftritte aller potentiellen Torschützen mehrten – und das waren nicht wenige, schließlich hatte Julian Nagelsmann mir Joelinton, Belfodil, Kramaric, Demirbay und Amiri gleich fünf offensive Hochkaräter aufgeboten, flankiert von Schulz und Kaderabek, die sich im Verlaufe des Spiels beide ebenfalls immer mal wieder als Torschützen versuchten.

So erlebten die knapp 24.000 Zuschauer ein wahres Schützenfest, aber kein Torfestival, das bei all den vergebenen Halb- und Großchancen auch möglich gewesen wäre, besonders in der 2. Halbzeit, als unsere Mannschaft das nach dem 2:0 heruntergefahrene Tempo wieder anzog und dreimal das Aluminium traf. Es war, als sollte der Ball nicht mehr ins Tor. Als man gerade begann, sich damit abzufinden, fiel doch noch das längst überfällige 3:0. Vorher hatte Hannover inmitten zaghafter Offensivversuche in der 65. Minute tatsächlich einmal Baumann geprüft, in der 80. aber stellte Demirbay mit einem 20-Meter-Schuss von halblinks das Endergebnis her.

Gegenüber der Startaufstellung in Dortmund fehlten diesmal gelbgesperrt Grillitsch, mit Wadenproblemen Bicakcic, mit einem Kapselschaden im Knie Hübner – Bittencourt kam erst später von der Bank. Das tat der mannschaftlichen Geschlossenheit aber keinen Abbruch:  Adams, Amiri, Vogt und Belfodil fügten sich anstelle der fehlenden vier nahtlos ins Teamgefüge ein. Nur war der Gegner nicht stark genug, um wirklich aussagekräftige Erkenntnisse zuzulassen. Wenn es in einer Woche gegen Leipzig geht, wird sich zeigen, wo wir stehen: zurecht im Mittelfeld oder auf dem Weg weiter nach oben…

Fotos: Kraichgaufoto, Uwe Grün

Please follow and like us:
error0

Deine Meinung zum Artikel:
Alexander H. Gusovius

error

Dir gefällt das was Du hier liest? Erzähle es weiter.