Etliche Freiburger Fans wollen ja nichts wissen von einem Derby, wenn ihr südbadischer Verein den nordbadischen Ligakonkurrenten TSG 1899 Hoffenheim empfängt oder umgekehrt, auch wenn weit und breit keine anderen badischen Vereine dafür infrage kommen. Echte Derbys, versichern sie in Freiburg, das wäre sowas wie gegen den VfB. Wegen Tradition und so. Und in Stuttgart sehen sie es ähnlich – bzw. doch wieder nicht: für Derbys, unter Einschluss traditioneller Prügeleien, hält man da vor allem Spiele, die gegen den KSC gehen, wozu es nächste Saison, falls Karlsruhe tatsächlich den Aufstieg in die 2. Liga schafft, sogar auch wieder kommen kann…

Angesichts solch großartiger Perspektiven voller Zweitliga-Romantik, die auch dem SC Freiburg nicht fremd ist, möchte man fast nicht widersprechen und wundert sich nur, warum sich auf den Rängen das Freiburger Publikum am Samstag dann wohl so aufführte, als handele es sich bei der Partie gegen uns eben doch um ein Derby. Des Rätsels Lösung besteht vermutlich darin, dass sich manche Traditionen im Herzen schon längst überlebt haben, bevor die Köpfe es merken: ohnedies ist bei den meisten Menschen das Herz ja erkennbar vitaler eingerichtet als ihr Kopf.

Und darum war die Partie, entgegen allen Beteuerungen, sehr wohl ein waschechtes Derby. Und unser Sieg in Freiburg war nicht nur eine große Erleichterung nach sieben sieglosen Spielen, sondern auch ein klassischer Derbysieg. Und zwar mit Ansage, nachdem Trainer Nagelsmann im Vorfeld von „Ergebnisdruck“ gesprochen hatte… Aber nach alldem sah es zunächst gar nicht aus. Der SC lief uns hoch an, wir taten umgekehrt exakt dasselbe, spätestens im Mittelfeld blieben alle Versuche stecken, Richtung Tor zu gelangen. Das ging so, bis sich in der 19. Minute der Freiburger Stenzel beim Timing eines rückwärts geschlagenen Balls grob verschätzte und ihn in den freien Raum zwischen Torhüter Schwolow und Heintz spielte, die beide offenbar meinten, für diese Gurke von Zuspiel sei aber bitteschön der Kollege zuständig. Für den hellwachen und genau auf solche Situationen lauernden Joelinton ergab sich dadurch eine Art Steilvorlage, und so nahm „Joe le Taxi“ sofort mächtig Fahrt auf, erlief sich den geschenkten Ball, umspielte locker den doch noch herbeigeeilten Heintz und schoss aus gut 10 Metern zum 0:1 ein.

In der Folgezeit war Freiburg sehr darum bemüht, den entstandenen Schaden wiederaufzuarbeiten. Die Südbadener drehten also auf, um offensiv druckvoller zu werden, mussten aber erleben, wie der nordbadische Derbygegner souverän das Spiel kontrollierte. Die klare Hoffenheimer Überlegenheit hatte nur einen entscheidenden Nachteil: und zwar beging unsere TSG den anscheinend unausrottbaren Fehler, sich trotzdem irgendwie immer weiter zurückdrängen zu lassen, vermutlich um nicht in Konter zu laufen. Der Effekt davon war jedoch, dass die Partie, je näher die Halbzeitpause kam, immer mehr einer Einladung an den SC gleichkam, den Ausgleichstreffer zu erzielen, was der Derby-Gastgeber dann nach Eckball in der 42. Minute auch tat:

Höler staubte, obwohl bzw. weil Baumann beim Eckstoß regelwidrig angegangen worden war, den Ball nach Guldes Alutreffer-Kopfball zum 1:1 ab. Schiritesse (darf man das eigentlich sagen?) Steinhaus interessierte sich jedenfalls für die Behinderung kein bisschen, wie sie auch weiterhin viel empfindlicher reagierte, wenn Hoffenheimer körpernah agierten als umgekehrt. Nach der Pause kam sie jedoch nicht umhin, für die TSG auf den Elfmeterpunkt zu zeigen, nachdem TSG-Glücksbringer Stenzel Nico Schulz an der linken Strafraumkante abgeräumt hatte. In der 59. Minute trat Kramaric zur Vollstreckung an und ließ sich auch durch Schwolows Mätzchen nicht irritieren.

War die Partie nach dem Wiederanpfiff bis dahin noch etwas geschehnisarm verlaufen, stand sie ab jetzt unter Hochspannung. Beide Derbygegner schalteten auf offensiv pur und lieferten sich heiße Duelle. Dabei war unsere Mannschaft zunächst erfolgreicher: Grillitsch schickte in der 72. Minute Demirbay, der Kramaric in Szene setzte – der eiskalt durch die Hosenträger von Schwolow zum 1:3 einschoss. Doch nur fünf Minuten darauf verkürzte Niederlechner für die nun wie entfesselt anlaufenden Derby-Gastgeber, per Kopf auf 2:3, erneut nach Eckstoß – was unsere Mannschaft beinahe regelmäßig in eine Art Hühnerhaufen-Modus schalten lässt.

Die angeblich einem ganz gewöhnlichen Fußballspiel beiwohnenden südbadischen Fans peitschten jetzt ihre Mannschaft ekstatisch voran – und so nervös, wie sich die TSG dabei präsentierte, musste man das Schlimmste befürchten. Demirbay aber packte in der 85. Minute, mitten im heftigsten Freiburger Sturm und Drang, aus ca. 20 Metern Entfernung den Zentralhammer aus und jagte den Ball unter die Alukante, von wo er hinter der Linie aufsprang. Damit war der Derbyauswärtssieg gesichert, der umso schöner war, als Hoffenheim seit 2009 nicht mehr in Freiburg gewonnen hatte. Das kommende Heimspiel gegen Düsseldorf sollte man nun aber nicht als Pflichtübung, sondern ebenso ernsthaft angehen wie dieses badische Derby: dann kann es noch eine sehr erfreuliche Rückrunde werden.

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Alexander H. Gusovius