Angst essen Seele auf

Willkommen zurück in der endlich nicht mehr spielfreien Zeit! Okay, Handball ist auch eine schöne Sportart: spannend, schnell, TSG-like. Nur dass einem als TSG-Fan die andauernden Unentschieden etwas auf den Nerv gehen… Zugegeben, gegen die Bayern hat man gegen Spielende auf ein Remis förmlich hin gefiebert, aber da war diesmal wohl nichts zu machen: so wie man nie Grippe bekommt, wenn man sich‘s wünscht.

Also eine Rückrundenauftakt-Niederlage! Aber es ging ja gegen die Bayern, und gegen die Bayern darf man mal verlieren… Oder nicht? Darf man, natürlich, im Prinzip jedenfalls. Die Frage ist eher, ob man gegen diese Bayern auch verlieren musste! Spannende Frage! Und damit nochmal willkommen zurück, zum ersten Spielbericht des neuen Jahres aus der WIRSOL Rhein-Neckar-A…

Ähm, willkommen, klar! Aber aus der PreZero-Arena… Die Spielstätte ist selbstverständlich immer noch dieselbe, nur heißt sie jetzt anders, weil die TSG es geschafft hat, einen kreuzsympathischen Sponsor an Land zu ziehen, der trotz oder gerade wegen seines seltsamen Namens hoch an den Namensrechten unserer Arena interessiert war. Dem sehr an grundlegenden Fragen der Nachhaltigkeit interessierten Unternehmen, das damit netterweise auch noch Geld verdient – was in unseren Tagen ja gern immer mal vergessen zu werden scheint – fehlt glücklicherweise die umweltbranchentypische Penetranz, was die lange Laufzeit der Umtaufung gleich doppelt erfreulich macht.

Trotzdem gibt es, anscheinend nicht zu knapp, Fans, die das alles blöd finden und den heimeligen Klang des alten Namens sehr vermissen. Ihr Heimatgefühl sei davon arg betroffen, gar verletzt, berichtet vor allen anderen jene Zeitung, die selber noch so heißt wie die PreZero-Arena früher und nun auf ein gutes Stück identitätsstiftender Namensgleichheit verzichten muss. Mal abgesehen davon, dass inzwischen viel zu viel von tiefer Betroffenheit und beleidigtem Verletztsein die Rede ist, sollte man die Kirche sowieso bitte im Fußballdorf lassen: Es ist doch immer noch unser Stadion, jeder weiß das, und wir wissen alle auch, ohne dass es draufsteht, wo es steht: in der Metropolregion Rhein-Neckar. Und damit sollte es genug sein.

Die Frage ist doch wohl eher, was für ein Fußball in jener Arena gespielt wird, als wie sie zu sehr einträglichen und die Qualität des Fußballs massiv fördernden finanziellen Bedingungen genannt wird? Leider fiel die Antwort darauf in der ersten Halbzeit gegen die Bayern denkbar ungünstig aus. Es ist sogar ungewiss, ob unsere Mannschaft da wirklichen Bundesligafußball gespielt hat. Die Aufstellung roch ja eher nach klarer Offensive. In der Realität stand Hoffenheim aber tief, löste sich kaum aus der Defensive und überließ den Bayern die Räume.

Daran war auch eine ziemliche Vakanz auf der Sechserposition beteiligt, die offenbar Demirbay auszufüllen hatte – was er aber selten tat. Meist suchte er weiter vorn nach Gelegenheiten, mit schönen Pässen für Unruhe zu sorgen. Da aber dort vorn in Halbzeit 1 nahezu Windstille herrschte, wurde daraus nichts. Unsere Defensive hatte mit umso mehr Wind zu kämpfen, wobei Vogt durch anhaltende Unsicherheiten auffiel.

Frei nach dem gleichnamigen Melodram von Rainer Werner Fassbinder schien unsere gesamte Mannschaft von einem Angstvirus befallen zu sein, der ihr förmlich die Seele raubte. Bloß nichts falsch machen, schien die Devise in den Köpfen zu sein – und schon machten die Füße nichts mehr richtig… Nur warum? Als die TSG in Halbzeit 2 daran ging, wieder ihren eigenen Stil auf den übrigens arg ramponierten Rasen zu bringen, da sahen die Bayern sofort ziemlich schwach aus, sie wackelten wie schon in der Hinrunde und wären definitiv zu schlagen gewesen.

Aber da stand es schon 0:2. Ungefähr eine halbe Stunde lang hatten die Bayern in Halbzeit 1 nichts aus ihrer Überlegenheit machen können, als Goretzka in der 34. Minute Vogt anschoss, der leider das kurze Eck für Baumann nicht sauber blockte, sondern den Ball unhaltbar dorthin abfälschte. Und zum Ende dieser desolaten ersten Halbzeit kassierte Hoffenheim in der Nachspielzeit nach eigenem Eckball einen ebenso blitzsauberen wie -schnellen Konter der Bayern, den wieder Goretzka vollendete. Dass wir nicht höher zurücklagen, hatten wir einzig Oli Baumann zu verdanken. Bundestorwarttrainer Köpcke sah’s von der Tribüne herab – und wird den ewig Unterschätzten trotzdem nicht einladen…

In der 2. Halbzeit stellte Nagelsmann, es war sein 100. Spiel als TSG-Chefcoach, auf Viererkette um und beorderte Vogt auf die Sechs. Als auch das nichts half, wechselte er 10 Minuten später Geiger und Grillitsch für Vogt und Demirbay ein – und auf einmal sprang der TSG-Motor an. Keine fünf Minuten später legte sich Schulz bei einem Konter nach Bittencourts Zuspiel den Ball per Kopf selber vor und hämmerte ihn von halbrechts an Neuer vorbei aus knapp 20 Metern in die Maschen.

Ein Torschrei der Erleichterung rollte durch die PreZero-Arena: da war es wieder, jenes großartige, unvergleichliche TSG-Feeling, egal wie die Hütte hieß… Und die Bayern knickten sofort ein und erwiesen sich als gar nicht so schwer zu bespielender Gegner. Der für Joelinton eingewechselte Szalai vergab dann in der 83. Minute den in der Luft liegenden Ausgleichstreffer, bzw. scheiterte er an Neuer und vergab kurz vor Ende noch ein dickes Ding – aber da stand es bereits 1:3, weil Lewandowski, der sonst durch viel grundloses Hinfallen und umso hingebungsvolleres Jammern doch noch einmal eingenetzt hatte.

Das eines Serienmeisters unwürdige Schauspiel gab aber beileibe nicht nur er. Müller, Coman und Martinez taten sich in dieser Disziplin ebenfalls hervor und wurden vom Schiedsrichter auch noch dafür belohnt, während Joelinton nach Herzenslust umgerempelt werden durfte. Spielentscheidend war das alles jedoch nicht, das besorgte unsere Mannschaft ganz allein, nicht zu vergessen in Tateinheit mit ihrem sie entsprechend auf den Rasen schickenden Trainer… Nach dem Wochenende kann die Tabelle für Hoffenheim nun leider recht unschön aussehen, so dass der halbgare Auftritt gegen die Bayern nur einen Trost bereithält: wenn es nämlich den Bayern dadurch gelingen sollte, näher an den BVB heranzurücken und ihn zuletzt noch von der Tabellenspitze zu verdrängen.

Fotos: Kraichgaufoto, Uwe Grün

Please follow and like us:
0

Deine Meinung zum Artikel:
Alexander H. Gusovius