Stille Nacht, torarme Nacht!

Die Mainzer Fans verlegten sich irgendwann aufs Singen von Weihnachtsliedern. Nicht, weil ihnen langweilig war, sondern einfach so, aus weihnachtlicher Lust – und viele Hoffe-Fans sangen mit. Nicht in jedem Block, am wenigsten in der Südkurve, wo man aufgrund der eigenen Gesänge auch nicht so recht mitbekam, was die 05er da unter massenhaft eingeschalteter Handy-Weihnachtsbeleuchtung intonierten. Egal wie, es war eine schöne Idee & Realität, die von fern an Szenen im 1. Weltkrieg erinnerte, als britische und deutsche Truppen an Weihnachten einfach mal die Waffen ruhen ließen, sich zwischen den Schützengräben trafen und gemeinsam feierten – bevor es wieder losging.

In einer Zeit, die immer mehr heftige Aggressionen sog. Fans zu verzeichnen hat, ist dieser natürlich übertriebene und etwas schiefe Vergleich vielleicht doch nicht so abwegig. Denn es braucht solche Momente des Grabenüberwindens unbedingt, will man nicht den dunklen, spaltenden und aggressiven, den brutalen Kräften in den Stadien das Ruder komplett überlassen. Wenn man sich die ansteigende Kurve von Hass und Gewalt so richtig bewusst macht, ist es sogar 5 vor 12, dass es endlich auch zu unmissverständlichen Reaktionen der überwiegenden, der friedlichen Mehrheit in den Stadien kommt. Umso schöner, dass die Mainzer diesen Schritt gegangen sind, der offenbar von ihren Ultras mit Gesangszettelverteilung vorbereitet worden war – so geht es also auch!

Fußball gespielt wurde übrigens ebenfalls. Und gar nicht mal so schlecht, ziemlich spannend sogar, wenn man die vielen Szenen hüben und drüben mit Torchancen Revue passieren lässt. Das Problem war nur ein schreckliches  Déjà-vu, wenigstens aus Hoffenheimer Sicht, denn der Ball wollte, nachdem er einmal die Mainzer Torlinie passiert hatte und rasch danach auch bei uns im Tor lag, partout nicht noch einmal in die Mainzer Maschen – wie schon gegen Gladbach sozusagen mit eingebauter Alu-Versicherung. Denn was doch mal irgendwie an der Mainzer Verteidigung und ihrem Keeper vorbeikam, ging an die Latte oder an den Pfosten, garantiert aber auf keinen Fall dorthin, wohin man ihn sich fast sehnlicher wünschte als das dickste Paket unterm Baum mit dem eigenen Namen drauf.

Es war nicht zu fassen und doch hatte man es im Vorhinein geahnt: die grässliche Serie mit 1-Punkt-Spielen hielt an – so als befände sich unsere Mannschaft in einer Art Remis-Matrix, aus der es erstmal kein Entkommen gibt. Gut, dass jetzt Weihnachten ist, denkt man da, nicht nur weil die festlichen Tage zur nervlichen Abkühlung dienen, sondern weil die Unterbrechung dabei helfen mag, aus der qualvollen Serie auszusteigen. Sechs Liga-Remis hintereinander sind einfach zu viel. Obwohl: Nach der Winterpause stehen wir als erstes wieder gegen die Bayern im Ring, und da wäre, man traut es sich kaum hinzuschreiben, ein siebtes Remis gar nicht so übel.

Aber zurück zum Spiel. Schulz, um die 60. Minute herum vom Feld genommen, war das Gesicht des Abends: völlig entkräftet, leerer Blick, leicht schwankender Gang… Unsere gesamte Mannschaft wirkte ähnlich ausgequetscht, der hohe Aufwand in so vielen Spielen ohne Ertrag hat die Akkus letztendlich doch leergezogen. Es war auch zu sehen während des Spiels, wie der Motor der TSG nicht mehr richtig auf Touren kam. Da muss eine Pause her, die ja zum Glück auch kommt, und danach muss man sehen und, vermutlich behutsam, wieder aufbauen….

Es machte im entkräfteten Mannschaftsgefüge auch gar keinen großen Unterschied, dass Kramaric und Joelinton angeschlagen fehlten. Keine Tore schießen können die anderen auch… Und defensiv erwies sich die Rückkehr von Vogt als Organisator als ebenfalls nicht sehr hilfreich – ihm unterliefen sogar ähnlich viele Fehler wie vor seiner Pause. Er wirkte fahrig, hat die Souveränität, die ihn auszeichnete, verloren und ist wohl zutiefst verunsichert. Auch ihm wird die mehrwöchige Unterbrechung des Spielbetriebs gut tun. Ansonsten sahen wir Zuber wie immer sehr bemüht, Grifo nur in Momenten so begabt, wie er eigentlich ist, und Hübner bei Kopfbällen verständlicherweise mit viel Vorsicht unterwegs. Szalai tat wiederum das, was er am besten kann: Bälle mit Übersicht verteilen. Nelson, sehr spät eingewechselt, vermochte diesmal keine Akzente zu setzen.

Strich drunter! Jedes Wort der Kritik ist angesichts der leeren Akkus imgrunde eines zuviel und dem weihnachtlichen Ambiente so gar nicht angemessen. Feiern wir also auch im tiefsten Fußballherz ein Fest des Friedens! In diesem Sinne wünscht der Hoffenheimblog allen seinen Lesern eine frohe und gesegnete Weihnacht, einen beschwingten Schritt ins neue Jahre und solang viel Spaß bei anderen Sportarten…

Alexander H. Gusovius                                                                        Fotos: Kraichgaufoto, Uwe Grün

Deine Meinung zum Artikel:
Alexander H. Gusovius