„Zum K…en!“

Man musste kein Lippenleser sein, um die Mundbewegungen des in Großaufnahme leise den Kopf schüttelnden und dabei vor sich hin murmelnden Julian Nagelsmann nach dem Abpfiff zu deuten: „Zum Kotzen“ fand es der TSG-Trainer, dass seine Mannschaft erneut nicht über ein Remis hinausgekommen war – umso mehr, als sie diesmal über 90 Minuten eine ungewöhnlich starke Leistung abgeliefert hatte, „die vielleicht stärkste“ seiner bisherigen Zeit als Hoffenheimer Spielverantwortlicher. Und er war nicht der einzige, der so dachte…

Eigentlich jeder, der es mit Hoffenheim hält, spricht auch einen Tag nach der Partie immer noch voller Bewunderung über die Dominanz der TSG gegen das Saison-Wunderkind Gladbach, immerhin als Tabellenzweiter in Sinsheim angereist. Denn auch wenn Marco Hagemann, die vermutlich größte aller Heimsuchungen unter den Sky-Reportern, Gladbach wenigstens in Halbzeit 1 permanent besser und gefährlicher zu reden versuchte, erwiesen sich die Fohlen doch als weitgehend harmlos. Bzw. wurden sie von der engagierten Spielweise unserer Mannschaft im Zaum gehalten, gezügelt, in Grund und Boden gespielt, dominiert, vorgeführt: je nach Gusto.

Als sich die TSG in den Anfangsminuten daran machte, den niederrheinischen Gegner mit schnellen Kombinationen schwindlig zu spielen und kein bisschen zur Entfaltung kommen zu lassen, fühlte man sich noch an viele ähnliche Spielanfänge erinnert und erwartete, dass die Partie sich noch drehen würde, wenn es nicht bald 2:0 oder besser gleich 3:0 für uns stünde. Doch auf den Moment, da unsere Mannschaft sich zurückziehen und dem Gegner die Initiative überlassen würde, wartete man diesmal vergeblich – was nach dem unglaublich anstrengenden Spiel in Manchester drei Tage zuvor geradezu unfassbar war.

Vor allem auch in der zweiten Halbzeit marschierte Hoffenheim derart kraftvoll, einfallsreich und nie nachlassend Richtung gegnerisches Tor, dass Gladbach außer kurz nach dem Wiederanpfiff imgrunde kein einziges Mal mehr eigene Angriffe starten konnte… Nein, mit solcher Dominanz und Spielfreude war in keiner Weise zu rechnen gewesen, auch wenn Gladbach einige Ausfälle zu verzeichnen hatte: unsere Mannschaft, nach Tabellenlage und Erschöpfungsgrad um einiges schwächer einzuschätzen, erwies sich auf dem Rasen als haushoch überlegen. Aber…

Es fiel kein Tor, es fiel einfach kein Tor, um die Überlegenheit in Zahlen zu dokumentieren! Und das war, man kann es kaum anders sagen, wirklich zum Kotzen! Halt, drei Tore gab es ja doch, aber alle aus Abseitspositionen erzielt, einmal für Gladbach, zweimal für uns – und dann gab es noch Joelintons Alu-Heber und Bicakcics Riesenchance in der Nachspielzeit, und außerdem gute Chancen für Nelson, Kaderabek, Bittencourt, Joelinton, Belfodil und Szalai. Und es gab Sommer im Gladbacher Tor, der alles, was nicht daneben oder drüber flog, ein ums andere Mal entschärfte und damit Gladbach den unverdienten Punkt rettete.

Wie verbucht man nun so ein Remis, zudem noch das vierte in Folge im Ligabetrieb? Ist so etwas Pech, ist es Unvermögen, gab es taktische Fehler oder Irrtümer in der Aufstellung? Unvermögen darf man sicher ausschließen, dafür war die Angriffsformation der TSG diesmal zu chancenreich und insgesamt bisher zu treffsicher. Die falsche Aufstellung oder taktische Fehler können angesichts der vielen Chancen und der sicheren Abwehrleistung mit Posch auf Vogts Position auch kein Faktor sein. Unterm Strich hilft es wohl nichts, man muss den Verlust von zwei Punkten gegen die Fohlen unter groteskem Pech abbuchen, in den Worten von Eisen-Ermin: „Es war wie verhext!“

Im Letzten sollte daher die Freude über die großartige Spielweise überwiegen, umgekehrt kann man sich auf die beiden vorweihnachtlichen Spiele in Bremen und daheim gegen Mainz noch richtig freuen. Denn unsere Mannschaft ist nach dem Champions-League-Aus weder körperlich ausgebrannt noch seelisch erschöpft. Und wenn sie den Turbo erneut so zündet wie gegen Gladbach, dann erleben wir noch zwei Siege und werden bis Heiligabend noch sechs Punkte eingefahren…

Fotos: Kraichgaufoto, Uwe Grün

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Alexander H. Gusovius