Ehrenvoll ausgeschieden

In der Anfangsphase des vorerst letzten Spiels in der Champions League hat Hoffenheim gegen Manchester City den Grundstein dafür gelegt, dass die insgesamt sieglose erste Teilnahme nicht als Betriebsirrtum oder Systemfehler gewertet werden kann. Natürlich durfte man umgekehrt auch nicht erwarten, im Wettbewerb zu verbleiben, wenn in sechs Spielen gerade einmal drei Punkte bei drei Remis heraussprangen. Doch der Auftritt in Manchester hat erneut bewiesen, dass im Prinzip mehr Punkte möglich gewesen wären, und in der Folge auch ein länger andauernder Wettbewerb…

So schade es ist, dass es am Ende nicht mal zum Weitermachen in der Euro League gereicht hat, so klar muss man andererseits sehen, dass der Trainer die Mannschaft am oberen Limit entlang geführt und Leistungen aus ihr herausgeholt hat, die in Permanenz und nochmals gesteigert nicht abrufbar wären – ohne bei noch mehr internationalen Spielen einen Kräfteverschleiß zu bewirken, dessen Folgen ernsthaft die Substanz hätten angreifen können. Mit dem Abschied vom internationalen Parkett ist diese Gefahr gebannt: die Substanz von Mannschaft und Verein erscheint unangetastet und intakt. Die ganze Kraft kann sich jetzt auf die Bundesliga richten…

Und mit ihrer Spielweise hat sich die TSG international immerhin Respekt verschafft. Wie eben auch am späten Mittwochabend: stark gegen den Ball arbeitend, gefährlich konternd, den auf dem Papier übermächtigen Gegner und seine Pass-Maschinerie à la Pep Guardiola effizient unterbindend. Dabei sah die Aufstellung zunächst gar nicht danach aus, als könnte Hoffenheim den ganz großen Wurf wagen. Neu in der Startaufstellung standen Brenet, Adams, Geiger, Bittencourt und Grillitsch. Doch bis auf Brenet, der kaum ins schnelle Getriebe der TSG hineinfand und darum zur Pause gegen Nelson ausgewechselt wurde, bedeutete keiner der Neuen eine Schwächung.

Im Gegenteil: Adams und besonders Hübner spielten hinten gut bis sehr gut, Grillitsch glänzte wie Hübner diverse Male, Bittencourt kurbelte unermüdlich. Und Geiger bewies, auch wenn er nach der langen Ausfallzeit noch manche Anlaufschwierigkeiten offenbarte, dass mit ihm demnächst wieder voll zu rechnen sein wird. Amiri, der später für ihn auflief, wirkte dagegen bärenstark. Vogt wiederum war daheim geblieben, er bekam eine Ruhepause verordnet, um zum hohen Niveau zurückzufinden, das ihn letzte und vorletzte Saison auszeichnete. Und nur in der Rückerinnerung an diese Zeit fehlte er, vor allem mit seinen präzisen Spieleröffnungen – und als Anker im Ballbesitzspiel, das die TSG inzwischen umso weniger praktiziert, je länger Vogt nachließ.

In den ersten 20 Minuten sah das also richtig gut aus, was unsere Mannschaft auf den Rasen brachte, eine Chance nach der andern sah Manchester entstehen, ohne geeignete Mittel zur Gegenwehr zu finden. Folgerichtig ging Hoffenheim nach einer guten Viertelstunde in Führung, wenn auch erst nach einem Strafstoß, den Hübner herausgeholt und Kramaric eiskalt in die Mitte verwandelt hatte – in Wiedergutmachung seines gegen Liverpool ein Jahr zuvor zentral kläglich vergebenen Elfers. Anders als sonst ließ unsere Mannschaft nun aber nicht nach, sondern arbeitete sich Manchester immer weiter nach vorn, was allerdings auf denselben Effekt hinauslief: Manchester spielte, Hoffenheim verteidigte.

Es war klar, dass die Partie in dieser Konstellation nicht ewig beim Spielstand von 0:1 verharren würde. Zumal sich abzeichnete, dass besonders bei Standards brenzlige Situationen fast frei Haus entstanden, nur dass ManCity die vielen Kopfballgelegenheiten allesamt ausließ, teils unter Zuhilfenahme des Pfostens. Angst und bange konnte einem da werden, doch die Festung TSG hielt lange und schien die knappe Führung in die Pause retten zu können. Nach einem etwas übereifrigen Foul von Hübner in der Nachspielzeit der ersten Halbzeit legte sich jedoch Sané die Kugel zurecht und zimmerte sie aus ca. 23 Metern Entfernung in hohem Bogen unhaltbar ins rechte obere Eck.

Noch durfte man trotzdem hoffen. Auf die Rückkehr des erfolgreichen TSG-Fußballs der ersten Minuten, auf eine gute Portion Glück – ohne die, das war ja klar, ohnehin nichts zu gewinnen sein würde. Dämpfend wirkte sich nur aus, dass Donezk inzwischen gegen Lyon in Führung lag und bloß ein Lyoner Sieg bei gleichzeitigem Hoffenheimer Sieg in Manchester zum Verbleib in der Euro League führen würde. Nach dem Wiederanpfiff sah es jedoch alsbald eher nach der gegenteiligen Entwicklung aus: Hoffenheim riskierte nach vorn viel, ohne durchschlagende Wirkung, Manchester dagegen bekam die Türen zu Kontern weit geöffnet – und marschierte durch… In der 56. Minute wäre das K.o. dann auch fast schon eingetreten. Nur legte Sané bei einem Konter zu dritt allein gegen Baumann den Ball nochmal quer – offenbar weil er auch mal einen Treffer vorbereiten wollte! Baumann ging resolut dazwischen und verhinderte den imgrunde unausweichlichen Treffer. Fünf Minuten darauf zog Sané die Lehren aus der heillos vergebenen Riesenchance und schoss im Vollsprint lieber selbst ins Tor.

Natürlich versuchte unsere Mannschaft nochmal alles, das Ruder herumzureißen, doch musste sie nun den Tribut für die kräftezehrende Spielweise zu Beginn der Partie und imgrunde all der vielen Spiele im Herbst entrichten, so dass schlicht keine Körner mehr übrig waren, um Manchester in die Knie zu zwingen oder wenigstens das Glück auf die eigene Seite zu ziehen. Die Restminuten liefen ab, das Ergebnis blieb – doch blieb auch die Gewissheit, dass unsere TSG sich mit ein bisschen mehr Reife und stabilerer Defensive durchaus hätte im Wettbewerb halten können. Versöhnlich stimmt, wie viele gute und spannende Spiele wir haben sehen dürfen. Also auf ein Neues in der nächsten Saison!

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Alexander H. Gusovius