Die ganz frühen Tore tun oft nicht gut. Sie taugen in der Regel nicht zum Beweis eigener Stärke, sondern lassen eher den Rückschluss zu, dass der Gegner unaufmerksam ins Spiel ging, seine Reihen noch nicht sortiert hatte – und sich demnächst wohl geschickter anstellen wird. Im Prinzip ist das jedem im Fußball bekannt: doch statt sich verhalten zu freuen und zu wissen, dass die Partie nun erst beginnt, wenngleich unter besseren Vorzeichen, neigt eine früh in Führung gehende Mannschaft oft dazu, überschwenglich oder in Selbstüberschätzung ähnlich lax zu agieren wie der Gegner im Moment jenes früh kassierten Treffers.

In solchen Fällen hilft eigentlich nur ein zweiter früher Treffer! So geschehen in Berlin in Minute 10, nachdem in der ersten Spielminute Demirbay einen von der Hertha schlampig verteidigten ersten TSG-Angriffsball von Szalai mit dem Rücken zum Tor vorgelegt bekommen hatte. Die gewissermaßen beängstigende frühe Führung wurde also in der 10. Minute in einen soliden Vorsprung verwandelt, wenn auch eher ungewollt: Baumann musste einem Rückpass entgegengehen, der Ball sprang ihm zu weit vom Fuß, so dass er sich aus der entstehenden Notsituation mit einem Befreiungsschlag weit in die Hälfte der Herthaner rettete – den sich Kramaric erlief und volley in die Maschen jagte.

Damit war der ganz frühe Treffer endlich bestätigt und also alles gut – dachte man sich. Und dachte zugleich, dass der Hertha aber keinesfalls alsbald der Anschlusstreffer gelingen dürfte, sonst wäre der schöne Vorteil gleich wieder hin und würde sich das Momentum zugunsten der Hauptstädter drehen. Gedacht, gemacht: kaum drei Minuten später war es geschehen… Nach Dudas Schuss, den Baumann noch blockte, entstand Chaos im TSG-Strafraum und fand Ibisevic die Lücke ins Tor. Einmal mehr wirkte Kapitän und Abwehrchef Vogt nicht ganz auf der Höhe des Geschehens, er verstellte Baumann die Sicht und den Weg, der ihn deshalb von sich wegschubsen musste und bei Ibisevics Schuss darum zu spät kam.

In der Folgezeit erlebten die gut 50.000 Zuschauer im Berliner Olympiastadion ein seltsam fröhliches Scheibenschießen, weil weder Hoffenheim noch die Hertha sich auf die Tugend aktiven Verteidigens besannen, sondern eher blind nach vorn stürmten und träge nach hinten verteidigten, sodass die jeweiligen Defensivreihen von den gegnerischen Angriffen häufig überfordert waren. Anders gesagt hatte der Anschlusstreffer die Geister der Hertha geweckt, die andauernde Führung die Sinne der TSG in den Schlaf gewiegt. Großchancen hüben und drüben in erstaunlicher Zahl waren die Folge, die jedoch allesamt vergeben oder von den Torhütern zunichte gemacht wurden.

Nach der Pause, dachte man sich, würde unsere Mannschaft kerniger auftreten. Aber dem war nicht so, der mentale Vorteil lag offenbar bei der Hertha, die aktiver wirkte, bis in der 55. Minute Demirbay einen Bananenfreistoß von rechts in den Berliner Strafraum trat und den Schädel von Eisen-Ermin Bicakcic fand, der den weich anfliegenden Ball in ein Hochpräzisionstorpedo umwandelte, das unhaltbar im langen Berliner Torwinkel zum 1:3 einschlug. Und damit, bitte schön, dachte man, sollte der berühmte Drops gelutscht und die Hertha nun aber endgültig geschlagen sein.

Es fühlte sich nur leider irgendwie falsch an, was man da zum x-ten Mal an diesem Nachmittag falsch vor sich hin dachte, und den Beweis dafür trat unsere Mannschaft umgehend an, indem sie, wie in der Vergangenheit schon öfter, nach gründlich erarbeitetem Vorteil die folgenden Aufgaben etwas unterspannt anging – was die Hertha, die sich schon anfangs des Spiels nicht hatte entmutigen lassen, natürlich erst recht auf den Plan rief. Zeit genug hatte die alte Dame aus unser aller Hauptstadt ja, den erneuten Zwei-Tore-Vorsprung der TSG nicht für uneinholbar zu halten. Baumann hatte zwar entschieden etwas dagegen und hielt selbst das, was kaum haltbar schien – war aber machtlos, als Schulz in der 71. Minute eine Selke-Flanke abfälschte und Leckie sie hinter Vogts Rücken über die Linie brachte.

Je nun, dachte man sich… So ein 2:3 war ja immer noch ein schönes Ergebnis und wäre, energisch verteidigt, vielleicht über die Zeit zu retten? Geschenkt! Nicht am heutigen Nachmittag… Es brauchte zwar noch einen tüchtigen Brocken Glück bei Lazaros Schuss aus der Distanz in der 87. Minute, mitten durchs TSG-Getümmel, nachdem Demirbay einen Freistoß der Hertha unzureichend per Kopf geklärt hatte. Aber das 3:3 hatte, so glücklich es war, seine unleugbare Berechtigung: Berlin hatte hart dafür gekämpft, Hoffenheim die Führungen eher lax verwaltet.

Nachdem Trainer Nagelsmann nach vier Siegen im Vorfeld der Partie seinen Anspruch erneuert hatte, mit Hoffenheim Deutscher Meister werden zu wollen, erwies sich diese Ansage als offenbar wenig hilfreich. Einen Vorteil könnte das irgendwie abgeschenkte Remis indessen vielleicht doch noch haben, indem es zum Wachmacher für die anstehende entscheidende CL-Partie gegen Donezk werden könnte… Wenn nämlich unsere Mannschaft am Dienstagabend da weiterspielt, wo sie am Wochenende gegen die Hertha immer wieder den Faden verlor, dann kann sie eventuell sogar in der Champions League überwintern!

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Alexander H. Gusovius