Italowestern

Hätte es Vincenzo Grifo, der gerade erstmalig in den Kader der italienischen Nationalmannschaft berufen worden war, gegen Augsburg in die Startaufstellung geschafft, der Italowestern wäre perfekt gewesen. Beim Shootout nach Toren, also in der entscheidenden Phase des Spiels, war er aber dabei. Eingewechselt für Bittencourt nach Kramarics Tor zum 1:0 hatte er wesentlichen Anteil daran, dass die TSG aus dem Duell gegen die Fuggerstädter siegreich hervorging.

Andererseits glich die Partie bis zum erlösenden Führungstreffer durch Kramaric noch viel mehr jenen qualvoll in die Länge gezogenen Italowestern-Filmszenen, in denen sich die Duellanten auf staubigen Straßen vor heruntergekommenen Saloons gefühlte Ewigkeiten lang belauern, die Hand nah am Colt, den Hut tief in die Stirn gedrückt, die Augen zu Schlitzen verengt, umweht von Strauchkugeln, durch Morricones Mundharmonika- und Maultrommelsound ironisiert…

In der ersten Halbzeit fühlte man sich bei der Partie Hoffenheim-Augsburg über weite Strecken an jene Filmszenen aus „Spiel mir das Lied vom Tod“ oder „Für eine Handvoll Dollar“ erinnert. Beiden Mannschaften war von ihren Trainern tiefes Verteidigen und schnelles Umschalten verordnet, beide hielten sich diszipliniert an den Matchplan. Dadurch war kein Angriffsspiel, das den Namen verdiente, mehr möglich, alle Räume waren dicht und die Passwege in die Tiefe verstellt. Und so tat der Ball das, was als einziges noch ging: er rollte beiderseits ermüdende Minuten lang immer nur hinten herum, von Innen- zu Innenverteidiger und zurück, als Höhepunkt garniert durch kurze Ballkontakte des Sechsers, des Torhüters oder eines Außenverteidigers. Wie die Revolverhelden von Sergio Leone belauerten sich beide Teams auf diese Weise bis zur Agonie, von Spielfluss konnte in der ersten Halbzeit keine Rede sein… Torchancen gab es hin und wieder trotzdem, seltener nach Fehlpässen und daraus resultierenden Kontern, öfter aus der Halbdistanz – und durchweg ohne Resultate.

Florian Grillitsch, für drei Wochen außer Gefecht, mutmaßte in der Halbzeitpause, dass Trainer Nagelsmann in der Halbzeitansprache die richtigen Konzepte vermitteln würde, den totalen Stillstand zugunsten der TSG aufzubrechen. Klar war jedenfalls, dass irgendwer entschieden mehr Risiko gehen, mehr Kontergefahr akzeptieren musste, um das Spiel zu gewinnen. Als unsere Mannschaft sich nach dem Wiederanpfiff tatsächlich entsprechend verhielt, nahmen folgerichtig zunächst die Augsburger Konter massiv zu – und wurden immer gefährlicher, auch weil die TSG-Defensive, wie in Lyon nach Nuhus Platzverweis in einer Viererkette spielend, zusehends den Überblick verlor.

Mehr und mehr sah es danach aus, als würde Augsburg demnächst in Führung gehen. In der 65. Minute knallte Finnbogason den Ball an den Pfosten, doch quasi im Gegenzug ging Joelinton steil und legte ab auf Kramaric, der zum 1:0 einschob. Das Tor fiel nicht zur Unzeit und war fast ein bisschen schmeichelhaft – und es verführte die TSG-Defensive vermehrt zu Leichtsinnigkeiten, so dass nur vier Minuten später Finnbogason, sich geradezu unverschämt freilaufend, mit einem Heber über Baumann den Ausgleich erzielen konnte.

Zum Glück waren inzwischen beide Mannschaften auf den offensiv-riskanten Geschmack gekommen und fielen darum nicht zurück ins drohende Italowestern-Szenario. Da war es an der Zeit, endlich Nelson ins Spiel zu werfen, der schon öfter in hängenden Spielmomenten den Unterschied gemacht hatte. Trainer Nagelsmann wartete trotzdem bis zur 82. Minute, nahm dann erst den völlig ausgepumpten Nico „Schulle“ Schulz für den torgefährlichen Youngster aus dem Rennen – und wurde umgehend belohnt. Szalai scheiterte noch mit einem Drehschuss an Augsburgs Torhüter Luthe, Nelson jedoch erlief den seitlich wegspringenden Ball – und erzielte den nächsten betriebswichtigen Treffer, der uns in der Tabelle auf Platz 5 hievt – falls Frankfurt am Sonntag gegen Leverkusen unterliegt.

Ein ausgeprägt verdienter Sieg war das wohl nicht, aber ein verdient erkämpfter. Nach Lyon in Unterzahl eine derartige Arbeitsleistung auf den Rasen zu bringen, hat das nötige Spielglück förmlich erzwungen. Respekt TSG!!! Nach 11 Spieltagen ein Punkt hinter den Bayern zu liegen, kann sich sehen lassen, auch wenn die Bayern klar schwächeln. Doch der BVB, den alle Welt im Moment gaaanz weit vorn sieht, ist so stark nicht, wie es scheint, und wird genauso noch Einbrüche erleben. Wenn wir dann bereit sein sollten zum Sprung, kann die Saison noch sehr lustig werden.

Fotos: Kraichgaufoto, Uwe Grün

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Alexander H. Gusovius