Wo ein Wille ist…

In den ersten zehn, fünfzehn Minuten sah es noch richtig gut aus. Unsere Mannschaft wusste, dass sie gewinnen musste, um noch Chancen aufs Weiterkommen aus eigener Kraft zu haben – und so spielte sie auch. Lyon war vom Kombinationsfußball Marke Hoffenheim sichtbar überrascht und fand, abwartend ins Match gegangen, zunächst kein Mittel dagegen. Kaum wehrten sich die Franzosen jedoch gegen unsere selten final gefährlichen Angriffe und gingen selber nach vorn, schon wehte ein Hauch von Panik durch die Defensivreihen der TSG.

Und kaum waren 20 Minuten gespielt, lag der Ball auch hinter Oli Baumann im Netz. Vorausgegangen war ein Ballgeflipper in unserem Strafraum, das halb aus fehlerhafter Klärung und halb aus sehnsüchtigem Hoffen bestand, jemand möge den Ball bald mal aus der Gefahrenzone weghauen, was in fortgesetzter Folge einer von Lyon angenommenen Einladung zum Torerfolg gleichkam. Es war also durchaus Glück für die Franzosen dabei, aber auch Unvermögen seitens unserer Defensive.

Belfodil hätte nur Minuten später das Bild umdrehen können, aber dazu hätte er beim Ballstochern höher ansetzen– und Lopes Belfodils flach angesetzten Torversuch ins Getümmel zurückprallen lassen müssen, was alles nicht geschah, so dass die Szene ins Leere lief. Schulz probierte drei Minuten darauf sein Glück aus spitzem Winkel, doch Lopes vereitelte auch diesen Schuss. Die daraus resultierende Ecke brachte wie viele andere TSG-Eckbälle nichts ein, mindestens nicht auf unserer Seite – denn im Gegenzug spielte Lyon den Ball nahezu ungestört durch unseren Strafraum, wo Ndombélé völlig ungedeckt zum Schuss kam. Vogt, einmal mehr nicht so ganz sicher wirkend, fälschte per Schienbein ab und ließ Baumann keine Chance auf Abwehr.

Damit schien die Messe gelesen bzw. das dicke Ende der Lyoner Wurst in Sicht. Unsere Mannschaft, mit Demirbay, Belfodil, Bicakcic und Kramaric nicht erkennbar stärker als in Leverkusen aufgestellt, wirkte in den Grundfesten erschüttert und hatte Glück, dass Baumann in der 39. Minute einen scharfen Schuss von Aouar parierte – aber auch Pech, dass Lopes kurz zuvor einen Weitschuss von Demirbay abgefangen hatte. Man konnte nur hoffen, dass es beim 2:0 bis zur Pause bleiben würde und eine veränderte TSG aus den Kabinen käme.

Der Wunsch nach einer veränderten TSG wurde nach dem Wiederanpfiff zwar erfüllt, aber nicht wirklich wunschgemäß, indem Adams, der schon in der ersten Halbzeit früh eine überzogene gelbe Karte gesehen hatte, sich jetzt die zweite, rot eingefärbte zuzog und vom Feld musste. Der niederländische Schiri wirkte hier wie auch in vielen anderen Momenten einseitig sensibel, indem er Lyon etliches durchgehen ließ, dass er bei Hoffenheim durchgehend sanktionierte. In Unterzahl gegen elf Lyoner und einen holländischen Schiri konnte man darum nicht mehr viel Hoffnungen an die Partie knüpfen.

Erwartungsgemäß rollte alsbald eine Flut von gefährlichen Kontern auf die TSG-Defensive zu.
Und damit begann die große Zeit des Oli Baumann. Was Lyon in selbstgefälliger Schludrigkeit nicht allein versiebte, machte er Mal ums Mal großartig zunichte und weckte damit zunehmend den Willen der ganzen Mannschaft, hier und heute nicht schmählich unterzugehen, was sich Zug um Zug in den Willen verwandelte, das Unmögliche wahrzumachen und Lyon auch zu zehnt zu besiegen. So aussichtslos das auch schien, wäre es doch fast gelungen. Joelinton hatte am Ende die Chance auf dem Kopf, das 2:3 zu erzielen…

Erst mal jedoch kam Nelson ins Spiel, aus der Dreierkette hinten wurde eine Zweier-Innenabwehr, später spielten Szalai für Belfodil und Nordtveit für Demirbay. Und alle Maßnahmen zeigten Wirkung, auch wenn Lyon davon zunächst nichts merkte – bis Kramaric in der 65. Minute aus dem Lauf von der Strafraumkante einfach abzog und mit einem leicht abgefälschten Schuss den Anschlusstreffer erzielte. Daraufhin rastete der TSG-Wille, hier noch etwas zu reißen, fast hörbar ein, ein Ruck ging durch die Mannschaft, die es in der Nachspielzeit tatsächlich noch schaffte, den Ausgleich zu erzielen: Kramaric flankte per Freistoß in die Mitte, Joelinton verlängerte per Kopf und Kaderabek schob ein.

Damit bleibt Hoffenheim ein Rest Hoffnung, doch noch in der Champions League zu überwintern, und ist die Aussicht, wenigstens in der Euro-League weitermachen zu können, deutlich angestiegen. Vor allem aber hat unsere Mannschaft etwas erreicht, das ihr in der laufenden Saison noch entscheidend weiterhelfen kann: sie hat sich selbst bewiesen, dass sie nicht nur durch Spielkunst, sondern auch aus schierem Willen sehr viel erreichen kann. Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg. Oder wenigstens ein Punkt…

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Alexander H. Gusovius