Auswärtssieg!

Das Quäntchen Glück, das in den zurückliegenden Wochen oft genug fehlte, wenn Spiele knapp verloren wurden oder unentschieden austrudelten: diesmal war es dabei. Aber weil Glück allein nie reicht, um wichtige Ereignisse herbeizuführen, war auch beim so bedeutsamen Auswärtssieg in Leverkusen die eine oder andere gewichtige Eigenleistung klar zu erkennen.

Zu Beginn der Partie lag das, was kommen würde, noch nicht auf der Hand. Die Aufstellung der TSG sah mit Grillitsch und Nordtveit eine ungewohnt defensive Doppelsechs vor – und auch die Aussagen von Trainer Nagelsmann kurz vor der Partie deuteten nicht nur auf vermehrte Kontersicherung hin, sondern auf insgesamt weniger Offensivgeist. Vor den beiden Sechsern war allein Grifo auf der 10 ins offensive Mittelfeld gestellt, um Nelson und Joelinton in Szene zu setzen oder selber aktiv aufs Tor zu gehen. Hinten sollten neben Vogt, der auch diesmal wieder Schwächen offenbarte, Akpoguma und Adams nebst Baumann im Tor für defensive Stabilität sorgen.

Nach dem Anpfiff und über die gesamte erste Halbzeit hinweg fragte man sich allerdings, ob es sich bei der massiv auf Defensivtaktik deutenden Aufstellung und bei den ungewohnt offenen Trainerworten zur Gesamtstrategie kurz vor dem Spiel nicht um eine Finte von Nagelsmann handelte. Denn auf dem Feld war nichts davon zu sehen: Grillitsch kurbelte vorn mindestens so oft an wie er hinten zu klären half, Schulz und Kaderabek gingen munter nach vorn, so oft Gelegenheit dazu war, selbst Akpoguma und Vogt waren des Öfteren weit vorn unterwegs und vermehrten den Eindruck, den die insgesamt sehr hoch angreifende Hoffenheimer Elf über weite Strecken der ersten Halbzeit hinterließ: dass sie zwar weniger Ballbesitz, aber nicht weniger Offensivfußball bieten wollte.

Falls es eine Finte war, fiel Leverkusen jedenfalls darauf herein und war auf die heftigen TSG-Angriffe nicht vorbereitet, die wie zur weiteren Taktikverschleierung gern mit langen Bällen aus der Defensive eingeleitet wurden. Das 1:0 für unsere Mannschaft entsprang dabei wieder einmal einer besonderen Einzelleistung durch Nelson, der eine kurz gespielte Grifo-Ecke aufnahm, in den Sechzehner kurvte und aus ziemlich spitzem Winkel überraschend zu einem Bogenschuss ansetzte, der unhaltbar im rechten oberen Torwinkel landete. Bei den folgenden Ecken war dann stets ein Bewacher an Nelsons Seite…

Leverkusen ließ sich vom Führungstreffer der TSG zwar nicht entmutigen, wirkte aber vorerst doch ziemlich erschüttert, weil bis dahin beide Mannschaften offensiv aussichtsreich unterwegs waren. Für den späteren Sieg war dieses Momentum besonders wichtig, weil die Werkself, die desaströs in die Saison gestartet war, nach zuletzt zwei furiosen Auswärtssiegen nun unbedingt auch daheim den Fans etwas bieten wollte. Die breiten Bayer-Schultern würden jedoch rasch herabhängen, wenn Leverkusen hinten lag, so viel war klar.

Zu diesem frühen Zeitpunkt gab Leverkusen sich aber natürlich trotzdem nicht auf und kam auch nach gut 10 Minuten bereits zum Ausgleich, bei dem Baumann erneut nicht ganz glücklich wirkte: nur dass Joelinton das gerade wieder hergestellte Bayer-Selbstbewusstsein alsbald erneut einem harten Stresstest unterzog, indem er eine Kaderabek-Flanke mittels eines idealen Kopfballs zum 1:2 verwandelte. Zu sehen, wie der riesige Stürmer sich hochschraubte und die Kugel punktgenau ins lange Eck wuchtete – das war schon ganz große fußballerische Kunst.

In Führung liegend ging unsere Mannschaft in die zweite Hälfte und ließ sich von Leverkusen sofort sehr weit zurückdrängen. Daran änderte auch der nächste zeitlich perfekt getimte TSG-Treffer nichts, der aus einem Strafstoß nach Foul an Joelinton resultierte. Dessen zaghaft angemeldeter Wunsch, selber anzutreten, wurde von Freistoßspezialist Grifo aber energisch weggewischt. Grifos platzierter, harter Schuss ins rechte untere Eck sprach allerdings für sich.

Leverkusen griff nun mit allem an, was die Werkself zu bieten hatte, und das war viel, sodass zunehmend Hektik ausbrach in den hinteren Hoffenheimer Reihen. Immer wieder lag der Anschlusstreffer förmlich in der Luft, doch war das Selbstbewusstsein der Hausherren inzwischen bereits wieder so angeknackst, dass abwechselnd Brand, Volland oder Bailey fast schon bemitleidenswert Großchancen vergaben – oder Baumann sie glanzvoll zunichtemachte.

Mit jeder liegengelassenen Chance mehr wuchs die Aussicht auf einen hohen Auswärtssieg, den eine Viertelstunde vor Schluss Joelinton – wer sonst – nach Vorlage von Grifo steilgehend vollendete. Das Endergebnis von 1:4 gab die Spielanteile und die spielerische Qualität beider Mannschaften nicht angemessen wieder: Leverkusen war besser, als es nach Zahlen aussah. Hoffenheim wiederum war so effizient vorm Tor, wie man sich das schon länger wünschte, und kletterte in der Tabelle so weit nach oben, dass der Anschluss an die Spitzengruppe wieder hergestellt ist. Wenn in Lyon dieselbe Gangart gewählt wird, wenn auch vermutlich in wieder stark veränderter Besetzung, dann ist auch in der Champions League noch etwas drin.

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Alexander H. Gusovius