Ende Gelände

Das war ein gebrauchter Abend, ein verpeiltes Spiel, ein kampfloser Krampfkick – und am Ende stand eine verdiente Niederlage. So könnte man sagen, für viele fühlt es sich auch so an. Nicht nur für die Fans, sondern zum Beispiel auch für Bicakcic, der bei seiner Auswechslung zugunsten einer Viererabwehr insgesamt so ziemlich alles malträtierte, was ihm vor die Hände und Füße kam. Nicht mal eine Jacke wollte er sich überziehen: Eisen-Ermin glühte vor Zorn über seine Auswechslung und die insgesamt schlechte Leistung…

Schaut man sich jedoch die Äußerung des Leipziger Abwehrspielers Halstenberg an, der zufolge es 30 schwere Minuten brauchte, bis Leipzig unsere Mannschaft in den Griff bekam, dann sieht die Sache doch etwas anders aus – aller berechtigten Enttäuschung zum Trotz. In dieser Zeit hätte Hoffenheim nämlich sogar in Führung gehen können: Demirbay, Bittencourt und Szalai hatten durchaus Chancen dazu auf Kopf und Fuß. Umgekehrt wirkte Leipzig nicht eben blitzgefährlich, sondern offensiv recht behäbig – und hatte alle Hände voll damit zu tun, taktisch überhaupt im Spiel zu bleiben.

Und genau diese Taktik, die bei beiden Mannschaften dieselbe war, wurde dann für Hoffenheim und für die gesamte Partie zum Verhängnis: Wenn zwei Mannschaften auf zweite Bälle aus sind und den Gegner tief gestaffelt erwarten, um bei Ballgewinnen im überbevölkerten Mittelfeld alsbald zu Ballverlusten förmlich gezwungen zu sein, dann wird so ein Fußballabend schnell zum Graus, mit dem schlechteren Ende für jene Mannschaft, die sich irgendwann doch irgendeinem frischeren Impuls des Gegners ausgesetzt sieht.

Und das war leider unsere TSG. Schon gegen Ende der ersten Halbzeit wurde unübersehbar, dass unsere Mannschaft immer tiefer und irgendwann endgültig zu tief stand, um selber noch wirkungsvoll angreifen zu können. Doch das würde sich, wie schon öfter, nach der Pausenansprache von Nagelsmann grundlegend ändern – da war man sich ganz sicher. Im Duell der gleichen Konzepte kam es jedoch offenbar auf der Gegenseite zu parallelen Maßgaben, unterfüttert durch die Hereinnahme von Werner, während Hoffenheim den angeschlagenen Szalai für Joelinton bereits hatte auswechseln müssen, sodass im Moment keine ähnliche Auffrischung möglich schien.

Als es dazu durch Nelson kam, hatte die Frische von Werner aber schon den Unterschied gemacht und stand es bereits 2:0, die Einwechslung geschah zu spät. Leipzig wirkte inzwischen in allen Belangen wacher und agiler, soweit man das bei einem der langweiligsten Pokalabende überhaupt sagen kann, während unsere Mannschaft sich zunehmend verzettelte und auch nicht mehr die Kraft zu haben schien, sich noch einmal gegen die sich anbahnende Niederlage zu stemmen. Das sah dann alles andere als gut aus: leicht ins Groteske übersteigert durch wiederkehrende Unsicherheiten von Torhüter Kobel, der nach Nagelsmanns Pokal-Schema den Vorzug vor Baumann erhalten hatte.

Mal ums Mal irrte der junge Keeper im Strafraum herum und wollte danach sogar nichts davon wissen, dass er etliche Böcke gerissen hatte, die natürlich nicht eben zur Stabilität des Spiels seiner Vorderleute beitrugen. Am Ende war unsere Mannschaft fast auseinandergefallen, wirkte müde und überspielt, während Rangnicks Taktik erneut über Nagelsmanns Taktik triumphiert hatte. Zu glauben, wie mancherorts gemunkelt wird, der jetzige Hoffenheimer und kommende Leipziger Trainer habe seinen zukünftigen Arbeitgeber begünstigt, absichtsvoll oder unterbewusst, ist jedoch schlicht absurd.

Das frühe Pokal-Aus der letzten Jahre hat sich also wiederholt. Schuld daran waren alle und keiner. Unsere Mannschaft kämpft trotz der enormen Verletztenliste alle paar Tage auf höchstem Niveau, da kann es auch mal zu einem Einbruch kommen. Vielleicht wäre eine offensivere Taktik diesmal besser gewesen, okay. Und entlang der Torhüterfrage kann man darüber nachdenken, ob in einem so wichtigen Wettbewerb wie dem DFB-Pokal nicht besser die stärkste Formation auflaufen sollte. Aber letztes Jahr hat die Konterausrichtung der TSG Leipzig zweimal in Grund und Boden gespielt und geht es am Wochenende gegen Leverkusen, das seine Torgefahr wiederentdeckt hat. Da braucht man die Besten ausgeruht und fokussiert…

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Alexander H. Gusovius