VfB Seelenverkäufer

Im Nachhinein nehmen sich die pyromanischen Schwenklichter der schwäbischen Vollblutfans, die auch allerlei blöde Transparente entrollten und anfangs noch markig „Scheiße, Scheiße, Dietmar Hopp“ skandierten, wie die verglimmenden Richtfeuer einer stillgelegten Schifffahrtsroute aus. Der VfB Stuttgart wiederum erinnerte – obwohl in manchen Szenen durchaus Qualität aufblitzte – an etwas, das man im maritimen Bereich, nicht zu verwechseln mit dem Bäckerhandwerk, einen Seelenverkäufer nennt, also an ein nicht so ganz seetüchtiges Schiff.

Dafür sprach die gesamte, imgrunde wehrlose zweite Halbzeit, darunter 12 rasante Minuten mit 4 Hoffenheimer Toren, in denen die schwankende schwäbische Gondel sturmreif geschossen wurde. Für deren immer schweigsamere Fans und ihren neuen Trainer Weinzierl war es schon das zweite Vier-Tore-Debakel infolge und auch insofern kein Hinweis auf eine sorgenfreie Zukunft oberhalb der Wasserlinie. Die eine oder andere Bemerkung von Weinzierl ließ denn auch aufhorchen. Nach der verlorenen Partie distanzierte er sich bereits leicht von der Mannschaft, indem er entschuldigend davon sprach, einen Tabellenachtzehnten übernommen zu haben, während er vorher noch die für ihn typische, nach Durchhalteparolen klingende Parole ausgegeben hatte: „Es gilt, Zweikämpfe zu suchen und zu gewinnen – und in keinster Phase brav zu agieren.“

Kaderabek und Grillitsch bekamen die Auswirkung solcher Traineranweisung schmerzhaft zu spüren. Der Tscheche konnte nach Gesichtskontakt mit der Stollensohle von Insua zum Glück weitermachen, Stuttgart aber war nach der regelgerechten roten Karte um einen Mann reduziert: so geschehen zu Beginn der ersten Halbzeit. Kurz vor Ende der ersten Halbzeit trat Ascacibar mit offener Sohle auf Grillitschs wegknickenden Knöchel und verletzte ihn so schwer, dass er gegen Demirbay ausgewechselt werden musste. Trotzdem gab es dafür nur die gelbe Karte – schwer verständlich… Noch weiß man nichts Genaues, aber man darf vermuten, dass durch diese aus Weinzierls Augsburger Zeiten bekannte Grobmanier die Bänder in Mitleidenschaft gezogen sind, im besten Fall. Im schlimmeren Fall muss Grillitsch, der fürs Spiel der TSG so wichtig ist, lange pausieren.

Die rote Karte erwies sich im Übrigen gar nicht als so vorteilhaft, wie zu erwarten war. Trainer Nagelsmann verriet nach dem Spiel, dass durch die folgende Umstellung im Spiel des VfB die taktische Marschroute gestört war, die er seinen Mannen mit auf den Weg gegeben hatte. Und danach sah die erste Halbzeit auch aus: Hoffenheim fand einfach kein Mittel gegen die tiefstehenden Gäste, die stets kontergefährlich waren, die besseren Halbchancen hatten und mit etwas Glück sogar in Führung hätten gehen können. Das Spiel unserer Mannschaft wirkte in dieser Phase fast statisch, bestand aus vielen ideenlosen Pässen, manchen Fehlpässen und hatte nur bei Belfodils Pfostentreffer in der 23. Minute Aussicht auf Erfolg.

Zuber auf der 10 und Brenet auf der linken Außenbahn wirkten etwas überfordert, das Spiel ging zudem zu oft durch die Mitte und mündete meist in handballähnlichen Passfolgen rund um den Sechzehner. Nach der Pause sah das ganz anders aus: Hoffenheim griff entschlossener und höher an, erzwang damit immer wieder zweite Bälle und zog das Spiel endlich auch in die Breite. Brenet, der mit Kaderabek inzwischen die Seiten getauscht hatte, nahm dadurch mächtig Fahrt auf und erzielte – nach entscheidender Vorarbeit von Nelson – das 1:0. Nelson hatte in der für ihn typischen Unbekümmertheit ein Tänzchen im VfB-Strafraum hingelegt und aufs Tor geschossen, Zieler aber nicht überwinden können: das besorgte Brenet im Nachschuss.

In höchst unterhaltsamer Folge fielen alle drei Minuten die nächsten Tore, erst durch Joelinton, der vorbereitend auch an fast jedem anderen Treffer beteiligt war und trotz seiner Größe unfassbar gewandt agierte, dann versenkte Belfodil zweimal den Ball im Netz und hatte durchaus Chancen, seinen Sahnetag mit einem blütenreinen Hattrick abzuschließen – doch weitere Treffer blieben aus, auch wenn oder weil sich nach dem 4:0 jeder mal im fröhlichen Scheibenschießen versuchte, egal wie aussichtsreich die Situation gerade war.

Für den VfB sieht mindestens die mittlere Zukunft nun ziemlich dunkel aus, während sich die Lage für unsere TSG nach zwei Liga-Siegen deutlich entspannt hat. Am Mittwoch folgt in Leipzig gleich die nächste, hammerschwere Herausforderung im DFB-Pokal, am Wochenende danach geht es am Samstag in Leverkusen gegen Volland & Co, die gerade mal drei Punkte über den Abstiegsrängen platziert sind – vielleicht schon das Schicksalsspiel von Trainer Herrlich. Die Hoffenheimer Schultern indes werden immer breiter, weil die Ergebnisse endlich zur Leistung passen.

So kann‘s gerne weitergehen!

Fotos: Kraichgaufoto, Uwe Grün

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Alexander H. Gusovius