Eigentlich sollten Champions-League-Spiele nicht an Bundesligaspiele erinnern. Das Niveau sollte grundsätzlich höher angesiedelt sein. Was auch der Fall war beim Besuch der – wie heißen sie nun eigentlich? Lyoner wie die Wurst? Lyonaisen wie die Mayonnaisen? Die richtige Antwort lautet: Lyonnais! Als französischer Singular und Plural… Steht im Übrigen auch groß und breit auf dem Vereinswappen, auch wenn alle Welt der Einfachheit wegen gern Olympique Lyon sagt. Auf Deutsch müsste es dann wohl Lyonnaiser oder Lyonnaiser*innen heißen oder so ähnlich, falls man sich außerdem noch auf Genderkram versteht!

Bevor wir nun auch der spannenden Frage nachgehen, ob die Lyoner Wurst denn wirklich in Lyon erfunden wurde, und falls nein, warum sie dann eigentlich so heißt (damit würden wir aber zu den großartigen, bildungsgeladenen Akademikerfanclub-Artikeln in Konkurrenz treten, was weder beabsichtigt ist noch jemals gelingen kann), kehren wir lieber zurück zur fußballerischen Natur der Partie gegen Lyon. Die erinnerte nämlich verblüffend ans Spiel gegen Nürnberg, nur eben auf viel höherem Niveau, und leider mit anderem Ausgang.

Die entscheidende Parallele lag darin, dass Hoffenheim zu Beginn enorm nervös wirkte, was man schon beim Abspielen der CL-Beethovenhymne sehen konnte: die Lyonnaiser schauten allesamt gut gelaunt und äußerst unternehmungslustig drein, als sei das bevorstehende, wichtige Match nichts weiter als ein Mordsspaß, während unsere Spieler vor heiligem Ernst und konzentrierter Entschlossenheit fast traurig wirkten und ihre Anspannung danach auf dem Rasen nicht leicht loswurden. Es dauerte dann fast so lang wie gegen Nürnberg, bis Hoffenheim die seelischen Banden abwerfen konnte und großartigen Fußball herzeigte.

Und das war auch dringend an der Zeit. Denn Lyon attackierte bis dahin in Permanenz, mit äußerst wendigen Angreifern, die druckvolle kurze, aber auch lange Pässe punktgenau spielen und, nochmal sehenswerter, auch extrem ballsicher verarbeiten konnten, und brachte die TSG-Abwehr ein ums andere Mal in größere Verlegenheit. Als unsere Mannschaft allmählich ihr eigenes Ballbesitzspiel aufzog und immer mehr Vorteile bei ihr lagen, verhalf sie dem Gegner wie in Nürnberg leider durch ein regelrechtes Geschenk zur Führung. Diesmal war es Vogt, der seit seiner Verletzung nicht mehr so sicher wirkt wie zuvor und einen von Baumann etwas riskant auf ihn gespielten Abstoß viel zu kurz zurückgab, sodass Traoré ihn problemlos erlaufen und frei im Tor unterbringen konnte.

Da unsere Mannschaft jedoch fast immer dann am besten spielt, wenn sie zurückliegt (weil sie förmlich gezwungen ist, sich auf ihre Tugenden zu besinnen), intensivierte sie nun das eigene Angriffsspiel und kam schon sechs Minuten später durch Kramaric nach Vorarbeit durch Kaderabek zum Ausgleich. Kramaric scheint wieder aufsteigende Form zu haben, er wirkte lang nicht mehr so unentschlossen und ineffektiv wie in etlichen Spielen zuvor – und erzielte unmittelbar nach der Halbzeitpause gleich noch seinen zweiten Treffer zur zwischenzeitlichen TSG-Führung. Vorlagengeber war Demirbay mit einem punktgenauen, wunderschönen, langen Querball über die Lyoner Defensive hinweg.

Da unsere Mannschaft jedoch häufig umgekehrt eben nicht ihr bestes Spiel spielt, wenn sie in Führung liegt, weil sie sich dann gern vom Gegner dessen Spielweise aufdrücken lässt, geriet sie nach Kramarics Treffer und einer weiteren ausgelassenen Riesenchance von Kramaric zusehends in Rückwärtsbewegung, was um die 60. Minute herum in den Ausgleichstreffer mündete, bei dem diesmal Baumann der Überbringer des Präsents war, als er beim Schuss aus spitzem Winkel die kurze Ecke zu wenig abdeckte. Wenige Minuten später schnürte Akpoguma schon das nächste Geschenk. Er verschätzte sich bei einem langen Ball auf Depay, der damit freien Verkehr Richtung Tor hatte und Baumann keine Chance ließ.

Statt weiter in Führung zu liegen, lief unsere Mannschaft auf einmal einem Rückstand hinterher – auf wieder beeindruckende Weise, was alle Mannschaftsteile einschloss. Nach und nach kamen Joelinton, Nelson und Zuber für Szalai, Bicakcic und Belfodil in die Partie und reihten sich nahtlos ins Gefüge ein. Doch erst als die Mannschaft wie Mitte der ersten Halbzeit begann, die Lyoner Abwehr mit langen Diagonalbällen in Verwirrung zu stürzen und nicht mehr dauernd durch die Mitte zu kombinieren, wurde es wieder richtig gefährlich – bis Joelinton kurz vor Spielschluss nach Vorarbeit von Schulz den reichlich verdienten Ausgleichstreffer erzielte. Vogt, dem das Pech etwas an den großen Füßen klebt, vergab wenige Minuten zuvor per Kopf. Joelintons Treffer wiederum fiel aus hauchzartem Abseits, was aber nur gerecht war, weil Hoffenheim ein glasklarer Handelfmeter verweigert wurde.

Es gab auch andere schwer erklärbare Entscheidungen des spanischen Schiris, vor allem die spürbare Verkürzung der gewährten Nachspielzeit, als Hoffenheim auf bestem Weg schien, vielleicht sogar noch den Siegtreffer zu erzielen. Trainer Nagelsmann war darüber so erregt, dass man ihn noch Minuten später auf dem Spielfeld heftig diskutieren sah. Am Ende war die Stimmung halb gedrückt, halb gelöst, das Remis wirkte letztendlich wie ein kleiner Sieg, auch wenn mehr drin gewesen wäre. Unsere Mannschaft hätte ohne die individuellen Patzer aufgrund ihrer über weite Strecken überlegenen Spielweise durchaus den Sieg verdient gehabt. Aber da jede Partie ein Gesamtgebinde darstellt, hilft hier der Konjunktiv nicht weiter und durfte man zuletzt doch froh sein über den gewonnenen Punkt, der wenigstens alle Türen offen lässt im tabellarischen Bild.

Fotos: Uwe Grün, Kraichgaufoto

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Alexander H. Gusovius