Das Versieben von Chancen scheint nicht von ungefähr ganz oben auf der Agenda der zu lösenden TSG-Probleme zu stehen. Dagegen nimmt sich die Trainersuche vergleichsweise leicht aus, stünden doch mit Rose, Hasenhüttl und Wagner gute Alternativen für Julian Nagelsmann zur Verfügung. Wie lange noch, weiß niemand: denn das Trainerkarussell hat gerade zu drehen begonnen! Stuttgart ist zuerst aufgesprungen und hat schnell mal Korkut entlassen, der sein glückliches Händchen der letzten Rückrunde, als niemand mehr einen Pfifferling auf den VfB gab, genau dann verlor, als er mit Erwartungen für die neue Saison überfrachtet wurde. Herrlich in Leverkusen sitzt ebenfalls nicht mehr fest auf seinem Trainerstuhl, und auch in München hat der Thron zu wackeln begonnen, von dem aus Kovac seit vier Spieltagen sieglos ist.

Und was hat Hoffenheim mit alldem zu tun, außer dass man als Kommentator gern einen möglichst weiten Bogen um das Spiel gegen Frankfurt schlagen möchte? Imgrunde gar nichts. Vor allem durchs Auslassen exzellenter Torchancen ist die TSG am siebten Spieltag mit sieben Punkten gerade mal zwei Punkte vor Schlusslicht Stuttgart postiert und gerät, natürlich am 7. Oktober, in grobe Schieflage zur Glückszahl 7. Nicht wegen überzogener Erwartungen wie beim Bundesland-Bruder, sondern weil die lange Verletztenliste, knappe, unverdiente Niederlagen und eben jenes Ver-sieben von Großchancen offenbar mindestens so kräftig an der Glückszahl 7 wie an den Nerven zehren.

Folglich wurde auch am Sonntagnachmittag die Partie gegen Frankfurt mit 1:2 verloren: genau wie die Heimspiele vier bzw. acht Tage zuvor gegen Leipzig und Manchester City. Als die Eintracht ihre erste Torchance zur Führung nutzte, hätte Hoffenheim längst selber in Führung liegen müssen, und auch nach der Pause mangelte es nicht an Gelegenheiten, den schnellen Ausbau der Frankfurter Führung zu egalisieren. Das geschah jedoch nicht, und dafür gab es gewichtige Gründe jenseits jeglicher Zahlenmystik.

Sowieso steht nie ein Verhängnis für sich allein. Sondern es gibt stets Rahmenbedingungen, in denen es sich eingräbt. In unserem Fall handelt es sich dabei um ein mit jedem unverdient verlorenen Spiel mehr verlorengehendes Selbstverständnis, gegen Frankfurt wie unter dem Brennglas zu besichtigen: während die Spieler der Eintracht vor Selbstvertrauen strotzten, strahlte Hoffenheim von Beginn an Selbstzweifel und fehlende innere Überzeugung aus. Der in die Mannschaft zurückgekehrte Kapitän Vogt bspw. fiel durch eine geradezu absurd hohe Fehlpassquote auf, bedenkt man seine sonstige chirurgische Fähigkeit, mit Pässen die gegnerischen Reihen zu durchschneiden.

Und so wie kassierte Tore der viel beschworene Endpunkt einer langen Fehlerkette sind, die weit vorn beginnt, nimmt auch die Torlosigkeit einer Offensive ihren Anfang ganz hinten: Stichwort Spieleröffnung. Posch spielte noch die brauchbarsten Bälle nach vorn, aber mit Vogts Brillanz an besseren Tagen konnte auch er sich nicht messen. Kam hinzu, dass Bittencourt und Demirbay, die im Mittelfeld zusammen aufgeboten waren, nicht besonders gut zu harmonieren schienen, genauso wenig wie Belfodil und Szalai.

Erst gegen Ende der Partie, als Joelinton und Nelson eingewechselt waren, schlug unser Angriff gelegentlich Funken und erinnerte an torreichere Zeiten, als Kramaric, der diesmal auf der Bank schmorte, und vor allem Gnabry für ein stetiges Überraschungsmoment gut waren. Um die fest gemauerte Frankfurter Abwehr zu überwinden, hätte es davon aber auf der ganzen Linie mehr gebraucht, doch die Hoffenheimer Aktionen waren vielfach leicht auszurechnen. Nelson war es dann auch der den Anschlusstreffer erzielte – zu spät allerdings für seine mit sich hadernde, an sich zweifelnde, mehr seelisch als körperlich ausgelaugt wirkende Mannschaft.

Die jetzt anstehende Länderspielpause dürfte hochwillkommen sein, um zu regenerieren, physisch und seelisch, sonst könnte der lange Lauf bis Weihnachten noch sehr dornenreich werden. Mit Nürnberg und Stuttgart stehen danach zwei Gegner an, die man unbedingt besiegen muss – was ohne echte innere Überzeugung kein leichtes Unterfangen wird. Sich aufs Glück beim Toreschießen zu verlassen, das irgendwann schon zurückkehren würde, dürfte nicht ausreichen. Hoffenheim spielt, um in der Tabelle unten herum zu dümpeln, viel zu schönen, oft überragenden Fußball!

Fotos: Kraichgaufoto, Uwe Grün

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Alexander H. Gusovius