Leipziger Allerlei

Beim Auswärtssieg in Sinsheim bewiesen die Sachsen, dass man auch wild gemischte Gerichte nach Rezept kochen kann. Denn das fußballerisch servierte, Leipziger Allerlei bestand aus halb defensivem, teils offensivem Vortrag, aus geordnetem Vorwärts- und ungeordnetem Rückwärtsgang, aus wildem Angreifen und planvollem Zurückweichen. So viel taktische Breitenstreuung hätte man dem eher pedantischen Leipziger und einstigem TSG-Zuchtmeister Rangnick gar nicht zugetraut, allen voran offenbar auch sein künftiger Adlatus Julian Nagelsmann nicht, dessen wieder einmal aus der Not geborene Mannschaft mit der fußballerischen Marschroute des Gegners letztendlich nicht zurechtkam.

Nach Rangnicks eigenem Bekunden trug zum Auswärtserfolg seiner Mannen ganz wesentlich bei, dass er die gewöhnlich verteidigende Leipziger Viererkette als regelrechte Einladung zum Torschuss für die Hoffenheimer Offensive ausgemacht und deshalb einfach mal auf Dreier- bzw. Fünferabwehr umgestellt hatte. Auf diese taktische Finesse schien die Nagelsmann-Not-Elf nicht recht vorbereitet zu sein, denn die üblichen Hoffenheimer Gefahrbringer über die Außen, Schulz und Kaderabek, blieben diesmal weitgehend wirkungslos, wie auch das Ballverteilen von Szalai nie oder nur selten die angedachten Abnehmer fand: Leipzig war defensiv nie auszurechnen und folglich auch nicht leicht zu überwinden.

Da musste man sich auf der Gegenseite ganz andere Gedanken machen! Durch den kurzfristigen Ausfall von Bicakcic und Vogt (wobei nur letzterer fürs Spiel Dienstagabend gegen ManCity fit zu werden scheint!) war Julian Nagelsmann mehr oder weniger gezwungen, Hoogma, Posch und Akpoguma in die vermutlich jüngste Dreierkette aller Zeiten zu berufen. Posch und Akpoguma verfügten zwar über eine gewisse Spielpraxis und nachgewiesene Standfestigkeit, auch wenn sie in jüngerer Vergangenheit nicht durchweg den sichersten Eindruck gemacht hatten. Hoogma dagegen war als schlechthinniges Greenhorn einzustufen. Und spielte auch noch in Vogts Stellvertretung als Abwehrchef in der Mitte… Doch wie das so geht, wurde Hoogma gar nicht zum vermeintlichen Hochsicherheitsrisiko, sondern spielte seinen Part erstaunlich souverän!

Trotzdem war der Einfluss dieser verteidigenden Jugend auf die Hoffenheimer Spielweise groß. Nicht, weil ständig der Baum brannte – dazu war Leipzig auch gar nicht befähigt bzw. viel zu vorsichtig unterwegs, um nicht wie zweimal letzte Saison in die hochtorige TSG-Falle zu laufen. Das entscheidende Manko unserer Not-Dreierkette bestand vielmehr darin, dass die Spieleröffnung unter ihr litt. Besonders Vogts chirurgische Pässe nach vorn fehlten unserem Mittelfeld und Sturm, weshalb sich Bittencourt, Belfodil und Kramaric die Bälle häufig selber von hinten holten, nachdem die Drei von der Innenkette sich die Bälle anfangs ewig lang hin und her gespielt hatten oder, wenn einer doch einmal den Mut fand, einen Pass nach vorn zu riskieren, damit beim Gegner landete.

Auch als das Pass-Spiel der Drei ab der Mitte der ersten Halbzeit sicherer wurde, blieb die Anbindung der Defensive ans Mittelfeld doch ein Verunsicherungsfaktor, der ungut aufs Offensivspiel durchschlug. Dort hatten im Übrigen Szalai und Kramaric jeweils einen rabenschwarzen Tag erwischt. Szalai gelang fast nichts – und Kramaric überbot noch einmal seinen eigensinnigen, fruchtlosen Antritt der letzten Spiele, dribbelte sich ständig fest, übersah den besser postierten Mitspieler, zog harmlos ab, statt abzuspielen und vernichtete auf diese Weise viel von der diesmal ohnehin nicht sehr ausgeprägten offensiven TSG-Energie. Und Szalai tat, wie gesagt, ein Übriges.

Trotzdem gab es eine Phase im Spiel, so ca. zwischen den Minuten 15 und 35, da hatte unsere Not- Mannschaft die Chance, das Spiel für sich zu entscheiden oder wenigstens ein Remis anzupeilen. Wäre bspw. Belfodils Fahrradketten-Kopfball von der Latte herab hinter der Torlinie aufgesprungen und Hoffenheim in Führung gegangen, dann wäre die nicht sehr sattelfest wirkende Leipziger Defensive vielleicht noch mehr ins Schwimmen geraten. Da das jedoch nicht geschah, erspielte sich Leipzig zunehmend Vorteile, die nach der Halbzeitpause, aus der die Sachsen wesentlich entschlossener wirkend aufs Spielfeld zurückkehrten als unsere Mannschaft, alsbald in Tore umgemünzt wurden. Werner und Poulsen hatten Posch und Akpoguma allmählich müde gespielt und waren ein ständiger Unruheherd.

Viel war dagegen nicht zu unternehmen – und die nacheinander eingewechselten Demirbay, Grifo und Joelinton vermochten ebenfalls keine Wendung herbeizuführen. Auch ein spät vom Trainer hereingereichter Zettel mit Anweisungen für Demirbay und für eine Viererkette brachte keine Verbesserung, der spät gewährte Strafstoß war nur ein Trostpflaster für unsere Mannschaft und für Kramaric, der ihn sicher verwandelte. Am Ende stand es 1:2, verdientermaßen, wie man zugeben muss, und hatte Alphatier Rangnick Emporkömmling Nagelsmann gezeigt, wo Bartel den Most holt, wobei letzterer nichtsdestotrotz am Dienstag an der Champions-League-Seitenlinie coachen darf – und Rangnick am Donnerstag trockenes Euro-League-Brot knabbern muss…

Fotos: Kraichgaufoto, Uwe Grün

Deine Meinung zum Artikel:
Alexander H. Gusovius