Verdienter Zittersieg

Und endlich wurde wieder Fußball gespielt bzw. stand in Hannover das Geschehen auf dem Rasen im Mittelpunkt des Geschehens, anders als in Sinsheim zuletzt gegen Dortmund… Die ins Kriminelle ragenden Banner der BVB-Fans zeitigen unterdessen jedoch wenigstens auch etwas Gutes: Eine Solidarisierungswelle für Dietmar Hopp durchläuft die Fußballrepublik. Bisher haben sich dazu schon der FC Bayern München und in Freiburg Christian Streich unmissverständlich zu Wort gemeldet.

In der ersten Halbzeit herrschte dennoch weitgehend Stille im Hannöverschen Stadionrund. Die Fankurve wollte damit gegen den DFB protestieren, der ihrer Meinung nach den Fußball zu sehr kommerzialisiert. Der Vorwurf ist ungefähr so tiefgründig wie im Herbst Nebelschwaden zu beklagen oder nach veganer Rinderbouillon zu rufen: Jeder, der ein Trikot in Vereinsfarben für ca. 80 € ersteht oder von Fußballstars beworbene Artikel kauft, von der Playstation ganz zu schweigen, wirkt schließlich daran mit, dass der Fußball eine ausgeprägt geschäftliche Seite hat. Also nahezu jeder Fan.

Ob der stumme Protest gegen die gedankenschwere Unterstellung trotzdem etwas gebracht hat? Tatsächlich zeigte Hannover in der ersten Halbzeit eine durchwachsene Leistung und litt vielleicht wirklich unter dem Entzug der sonst stimmgewaltigen Unterstützung. Andererseits hat Hannover zuletzt in Nürnberg ebenfalls nur eine durchwachsene Leistung gezeigt. Der DFB wird davon sowieso nur mäßig beeindruckt sein, Hannover 96 womöglich etwas mehr, doch nach dem Dortmunder Fan-Unwesen hat der Fußball im Moment ohnedies Anderes im Fokus.

Und wie verlief die erste Halbzeit aus Hoffenheimer Sicht? Deutlich besser als für Hannover, indem die von Julian Nagelsmann kräftig durchrotierte Elf trotz niedersächsisch engen Anlaufens und spürbarer Zweikampflust fast durchgehend am Drücker war. Mit Kobel im Tor – um Baumann eine Pause zu gönnen – hielt sich die TSG allerdings vom üblichen, immer etwas riskanten Kurzpass-Aufbauspiel aus der Innenverteidigung heraus fern und kamen die TSG-Fans dadurch eher selten in den Genuss klar konzipierten Offensivspiels, das darum fast ausschließlich durch lange Bälle nach vorn eingeleitet wurde und immer auch davon abhing, wie gut Hannover dagegen anging.

Viele kleine Ballverluste hüben und drüben waren die Folge, aus denen unsere Mannschaft letztlich den größeren Gewinn zog, weil Brenet (für Schulz) und Kaderabek (der zuletzt seine Ruhepause hatte) auf den Außen stets Druck erzeugten und Joelinton einen weiteren großen Auftritt hinlegte. Seine Balleroberungen und sein Verteilen waren und sind von größter Bedeutung, was man auch über Grillitsch sagen kann, der von der Sechs aus das Spiel regierte. Joelinton war es dann auch, der mit einem Pass auf Brenet das 0:1 einleitete. Dessen trockener Schuss ins Tor wurde indessen nach der Pause von Kaderabek getoppt, der in Robben-Manier von rechts in die Mitte zog und zu einem kunstvollen, unhaltbaren Bogenschuss ansetzte.

Hannover war nicht so ungefährlich, wie es sich gerade anhört, die Niedersachsen hatten in der Anfangszeit sogar eine Riesenchance zur Führung, die ihnen Bicakcic, quer in den Schuss von Bebou einfliegend, verdarb: Eisen-Ermin ist einfach in bestechender Form und mildert so den anhaltenden Krankenstand von Hübner einigermaßen ab. Nach der Pause ersetzte Zuber Nelson, dessen Startdebut etwas unter der Last zu vieler Aufgaben im Mittelfeld litt. Mitte der zweiten Halbzeit kam auch noch Kramaric für den abgekämpften Bittencourt, beide sorgten aber nicht für entscheidenden Aufschwung.

Was vielleicht auch daran lag, dass sich unsere Mannschaft nach Kaderabeks Wunder-Tor etwas zurückzog, Hannover damit Räume anbot und vom Gegner alsbald immer tiefer in die eigene Hälfte gedrückt wurde, der inzwischen durch einen nicht völlig einleuchtenden Foulelfmeter den Anschluss erzielt hatte. So gefährlich das aussah, so wenig echte Chancen auf den Ausgleich hatten die Gastgeber zunächst, doch das Gespenst des erneuten Verspielens einer verdienten Führung schwebte durch die Reihen der TSG und lähmte manche gutgemeinte Aktion, sodass immer wieder Hannover den Ball hatte und unsere Mannschaft immer mehr einschnürte.

In dieser Phase, um die 80. Minute herum, brachte Julian Nagelsmann erneut Belfodil für Joelinton und traf Füllkrug einmal den Pfosten und einmal aus Abseits ins Tor: dazu vergab Belfodil erneut eine gute Chance, das Spiel zu entscheiden. Das Spiel stand deutlich auf der Kippe… Und so kam jetzt die wichtigste Zeit von Kobel im Tor. Der junge Schweizer parierte allein in der fünfminütigen Nachspielzeit zweimal glänzend und hielt damit den Sieg fest, den dann doch noch Belfodil mit einer Glanz-Einzeltat im Strafraum und dem 1:3 endgültig sicherte.

Es war eine Art verdienter Zittersieg, der sich aber gut anfühlte, weil Gewinnen erstens natürlich sowieso Spaß macht und zweitens die Mannschaft damit auch noch das Last-minute-Gespenst besiegte. Derart ausgerüstet kann sie am kommenden Samstag ins pikante Duell gegen Leipzig, den nächsten Arbeitgeber von Julian Nagelsmann, gehen.

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Alexander H. Gusovius