Dortmunder Angst

Beim Fußball sollte der Fußball im Mittelpunkt stehen. Beim Spiel Hoffenheim gegen Dortmund tat er es nicht. Leider, ist man angesichts der hochkarätigen Spielpaarung versucht zu sagen – und zuckt zurück. Denn was da geschah, war keinesfalls nur bedauerlich, sondern vor allem anderen ein krimineller Akt. Und zur Bewertung krimineller Akte wie auch von verharmlosendem Kommentieren reicht Bedauern bei weitem nicht aus, es ist vielmehr völlig unangemessen. Vertieftes Nachdenken ist angezeigt, auch staatsanwaltliche Würdigung!

Dietmar Hopp im Fadenkreuz zu zeigen, überlebensgroß, mit der Bildunterschrift „Hasta la vista Hopp“ (dem Satz, der den filmischen Tötungen des ‚Terminators‘ alias Arnold Schwarzenegger vorausging), war die vermeintliche Krönung anderer, nicht viel harmloserer Banner, die im Fanblock des BVB hergezeigt wurden. Sie alle zielten darauf, Dietmar Hopp persönlich anzugreifen, derb zu beleidigen, gegen ihn zu hetzen – und mit einem Aufruf zur Tötung zu versehen.

Wie anders soll man das Konterfei eines Menschen im Fadenkreuz werten, garniert mit einem aus Tötungsabsichten filmbekannten Zitat? Die Verharmloser argumentieren damit, dass so ein Banner nur provozierend gemeint sei, nicht konkret, sondern ein Ausdruck von Fan-Seele, von Fan-Verdruss, eine gewissermaßen spielerische Übertreibung, schlicht in der eher derben Wort- und Wertewelt des Fußballs beheimatet. Man dürfe derlei nicht wörtlich und keinesfalls ernst nehmen, sonst leiste man bloß einen Beitrag zur weiteren Eskalation, die doch entscheidend mitschuld sei an der im Prinzip durchaus kritikwürdigen Banner-Aktion.

Solche Denk- und Redeweise verharmlost gefährlich, was im Fanblock des BVB geschah, denn sie übersieht geflissentlich, dass dort nicht übermütig ätzender Spott plakatiert wurde, sondern ein schwerer Übergriff stattfand auf die Unverletzlichkeit einer Person – und es ist völlig gleichgültig, ob es sich bei Dietmar Hopp um jemanden handelt, der ein herausragender Akteur ist im aktuellen Fußballgeschehen, an dem sich manche Fans und Fankreise erheblich stören. Der Übergriff, der hier in Wort und Bild vorgenommen wird, entspricht insofern der Vorbereitung zu einer Gewalttat und kommt ihr in gewisser Weise gleich.

Nichts davon ist Übermut oder Übereifer, nichts Derb-Lustiges ist daran, es handelt sich auch um keine Geschmacklosigkeit, sondern um einen strafwürdigen Übergriff, dessen Dimension vor Gericht zu klären ist. Die wohlfeilen Entschuldigungen, die jetzt von Dortmunder Seite vorgetragen werden, stimmen indes nachdenklich: Klingen sie doch wie immer, wie jedesmal, wenn Dietmar Hopp von Teilen ihres Anhangs geschmäht wurde, und entbehren folglich vertiefter Glaubwürdigkeit.

Denn der BVB hätte, wenn er wirklich gewollt hätte, wie auch andere Vereine schon längst dafür sorgen können, dass jene Fangruppen, die sich seit Jahren immer wieder mit Aktionen gegen Dietmar Hopp hervortun, nicht mehr Teil des gelebten BVB-Zusammenhangs sind. Dass nichts davon geschehen oder umgesetzt ist, liegt vor allem daran, dass die Verantwortlichen sich davor fürchten, sich mit ihren Fans anzulegen. Es geht Angst um in Dortmund und anderswo. Zu lange hat man zugeschaut, hier mal ein bisschen geredet und dort mal ein bisschen Mäßigung empfohlen, aber ansonsten die Entfesselung von Emotionen zur Unterstützung der eigenen Mannschaft genutzt – bis dahin, dass die radikalen Fan-Elemente echte Macht in manchen Vereinen ausüben konnten.

Das Beispiel Hannover hat auch deutlich gezeigt, wie gefährlich diese Gruppierungen für den sportlichen Erfolg werden können, wenn man sich offen mit ihnen anlegt. Wie gefährlich es aber wird, wenn man das nicht tut, zeigen einmal mehr die Vorfälle vom Wochenende in Sinsheim. Wenn den radikalen Fan-Gruppen und der klammheimlichen Sympathie mit ihnen nicht sehr bald Einhalt geboten wird, grassiert demnächst massive Gewalt in den Stadien und um sie herum.

Wollen wird das? Diese Frage muss sich jeder stellen, dem es wirklich um den Fußball und nicht um seinen eigenen, situativen Vorteil zu tun ist. Das geht die Vereine an, die Sponsoren, die Verbände – und die Fans selbst, die in der überwiegenden Mehrzahl friedlich gestimmt sind und sich endlich Gehör verschaffen müssen. Ziehen alle an einem Strang, kann das Ungeheuer, das am Samstag in Sinsheim wieder sein Haupt erhob, noch gestoppt werden.

Übrigens ist auch noch Fußball gespielt worden am Samstag. Hoffenheim war die klar bessere Mannschaft und führte lange verdient mit 1:0, musste jedoch gegen Ende der Partie noch den Ausgleich hinnehmen. Es wäre schön gewesen, wenn der Spielverlauf das entscheidende Geschehen an diesem Samstag gewesen wäre.

Fotos: Kraichgaufoto, Uwe Grün

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Alexander H. Gusovius