Großes Kino

Dem 2:1 Erfolg der U-19 über Donezk im parallelen Champions-League-Jugendwettbewerb sollte kein weiterer Sieg im eigentlichen Wettbewerb folgen. Nach dem frühen Tor von Grillitsch, dem Ausgleich Mitte der ersten Halbzeit sowie der erneuten Führung durch Nordtveit sah es bis zur 81. Minute zwar nach einer Ergebnis-Doublette aus, doch im offensiven Endspurt von Donezk kassierte unsere Mannschaft zuletzt doch noch ein Tor – einigermaßen unnötig, weil Kramaric den kurz zuvor eingewechselten Torschützen im Rückraum noch hätte stören können, es aber unterließ, indem er beim Anlaufen plötzlich stoppte und einmal mehr unschlüssig wirkte, wie eine anspruchsvolle Situation zu lösen wäre.

Kramaric: über ihn muss man sprechen. Anscheinend bahnt sich bei ihm in der neuen Saison etwas Ähnliches an wie letzte Saison. Schon in Düsseldorf zauderte und zagte er in diversen Situationen, hielt den Ball oft zu lang, kurvte unnötig mit ihm herum, bis er sich festgespielt hatte, schoss aufs Tor, wenn er besser abgespielt hätte usw. – und wirkte insgesamt wie ein Fremdkörper. In etwa das Gleiche spielte sich gegen Donezk ab, vermehrt um jene Unschlüssigkeit in der Defensive, die zum Tor führte. Zwar wäre es übertrieben zu sagen, Kramaric hätte den Ausgleich zu verantworten, aber mindestens für das eine oder andere nicht-erzielte Tor muss er doch einstehen, was immerhin den zweiten Treffer des Gegners zur statistischen Größe gemacht hätte.

Letzte Saison hielt das Tief, das Kramaric und mit ihm die Mannschaft durchschritt, lange Zeit an. Als es vorüber war, explodierte er förmlich und schoss ein Tor nach dem andern. Der Trainer weiß das und hält an ihm fest, was verständlich ist: darauf hoffend, dass die Leidenszeit diesmal deutlich kürzer ausfällt und Kramaric sein enormes Potential demnächst wieder abzurufen beginnt. Aus drei Gründen könnte zu viel ausgedehnte Hoffnung jedoch unangebracht sein: erstens das verlorene Spiel in Düsseldorf, zweitens das Remis in der Ukraine, drittens Reiss Nelson. Als der nämlich gegen Ende des Spiels für Kramaric auflief, kam sofort Frische und Bewegung ins Angriffsspiel. Es gäbe demnach eine personelle Alternative. Und es gibt liegengelassene Punkte…

Eine knifflige Sache, schwer zu entscheiden. Wie auch die Frage, ob Zuber oder Grifo zum Zug kommen sollten, was jedoch zugleich ein Luxusproblem im dezimierten Kader ist, in den auch noch Demirbay zurückkehrte, als er für Bittencourt eingewechselt wurde. Die Schaltzentrale der TSG ist also gut besetzt, man denke nur an die immer noch fehlenden Rupp und Amiri… Nur mit der Chancenverwertung hapert es, womit wir wieder am Anfang wären. Und dennoch: Was für ein Premierenauftritt in der Champions League! Was Hoffenheim international vorzeigte, war großes Fußballkino! Im nachfolgenden Gruppenspiel zwischen ManCity und Lyon war zwar mehr technische Klasse, auch mehr Raffinesse zu beobachten, aber nach dem Auftritt gegen Donezk kann man Hoffenheim ganz klar Königsklassenreife attestieren.

Kleinste Ortschaft, jüngster Trainer aller CL-Zeiten, das sind nur nette Randdaten, entscheidend ist immer der sportliche Antritt. Und da hat unsere Mannschaft fraglos auf hohem Niveau mitgespielt und Donezk immer wieder schwer unter Druck setzen können. Die hochklassige Offensive der Ukrainer kam gegen Ende, als die Hoffenheimer Beine schwerer wurden, naturgemäß noch zum Zuge, doch bis auf das besagte Tor zum finalen Ausgleich gaben sich Vogt & Co keine Blöße. Bei Aktionen von Posch und noch mehr bei Nordtveit hielt man zwar immer mal wieder den Atem an, aber mit den pfeilschnellen, trickreichen Angreifern aus Donezk hätten auch andre Kaliber im internationalen Defensivwesen ihre liebe Mühe gehabt.

Am Ende war die Punkteteilung ein bisschen schmerzhaft, weil sie so spät ins Werk gesetzt wurde, aber sie fühlt sich andererseits auch richtig gut an. Donezk spielt schon lange konstant auf hohem Level, da muss man erstmal punkten – umgekehrt wird das Remis den Gastgebern erheblich bitterer schmecken. Gegen ManCity und Lyon sind auf den ersten Blick noch größere Herausforderungen zu bewältigen, aber das muss gar nicht stimmen: beide pflegen offene Spielweisen, was unserer Mannschaft sehr entgegenkommt und ihr erlaubt, ihre eigene Spielweise frei vorzutragen.

Wer in die Ukraine mitgereist war, wurde belohnt – doch wer daheim auf DAZN das Spiel sah, hatte auch seine Freude daran. Ein gutes Bild, kluge Kommentare: Sky darf sich gern eine Scheibe davon abschneiden. Endlich hatte man das Gefühl, dass Hoffenheim wirklich willkommen ist im Club der deutschen Spitzenmannschaften und nicht nur geduldet wird, dass die Leistung Anerkennung findet und Sympathie erzeugt. Also alles in allem ein gelungenes Debut in der Königsklasse, das Lust auf mehr macht… Gern auch am Samstag, wenn es in der Liga gegen den BVB geht. Dessen Auftritt in der Champions League geriet deutlich schwächer als unserer, sodass man sich vor der Favre-Elf, die sich noch im Aufbau befindet, keinesfalls fürchten muss…

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Alexander H. Gusovius