Das Orakel des Andreas Brehme

„Hast du Scheiße am Fuß, hast du Scheiße am Fuß!“, lautet eine tiefgründige Fußballweisheit von Andi Brehme – deren vertrackten Wahrheitsgehalt am Samstag Vornamensvetter Andrej Kramaric und mit ihm die ganze TSG zu spüren bekam. Es geschah in der 32. Minute: Hoffenheim war – außer in den allerersten Minuten – haushoch überlegen und ständig im Vorwärtsgang, als Joelinton rechts auf die Grundlinie durchging und scharf nach innen hereingab, vorbei an Oldie-but Goldie-Torhüter Rensing, hin zu Kramaric, der den Ball mutterseelenallein empfing und ihn nur noch einzuschieben brauchte, doch verhedderte sich der Vizeweltmeister irgendwie im Fußbereich bzw. traf/trat er lässig mit Rechts nicht nur gegen den Ball, sondern auch gegen das eigene Standbein, woraufhin das Spielgerät links weghoppelte, vorbei am Tor…

Wenn man die triste Szene nachstellen wollte, würde es sicher schwerer fallen, Kramarics Fehler zu wiederholen, als den Ball im Tor unterzubringen – und so fasste sich jedermann, dessen Herz für die TSG schlägt, an den Kopf, einschließlich des Beinschützen selbst. Und man fühlte sich an Kramarics kläglich vergebenen Elfmeter vor einem Jahr gegen Liverpool erinnert, der das bis dahin exzellente Spiel seiner Mannschaft gehörig durcheinanderbrachte. So auch hier: Hoffenheim hatte mit dieser Szene die Balance verloren und überließ der Fortuna das Feld. Die es zu nutzen verstand und zur Pause mit 1:0 führte…

Danach war das Spiel ein anderes: Düsseldorf, in der ersten Halbzeit über weite Strecken hilflos wirkend und vergeblich bemüht, die Räume zu besetzen, verteidigte jetzt entschieden die glückliche Führung und verlegte sich auf Zweikampfmaßnahmen, die teilweise ins Ruppige gingen. Dagegen fand unsere Mannschaft so lange kein Mittel, wie sie ohne den jungen Nelson spielte. Denn Julian Nagelsmann hatte zuerst Joelinton durch Belfodil ersetzt, was eine Schwächung bedeutete, und dann Bittencourt durch Zuber, was erneut zu weniger Durchschlagskraft führte.

 

Bei Belfodil sieht man bisher nicht so genau, welchen Mehrwert er ins Gesamtgefüge einbringen kann und soll. Sicher ist er schnell, kann schießen usw., aber er wirkt dabei meist überhastet und lässt sich viel zu rasch hängen, wenn etwas nicht klappt oder er sich nicht angemessen angespielt fühlt. Zuber wiederum ist dann eine Bereicherung, wenn es an Tempo und Wucht im Mittelfeld fehlt – gegen eine betonierte Abwehr wie in Düsseldorf sicher nicht das entscheidende Defizit, weil da Technik und ein feiner Fuß eher verfangen. Aber vielleicht musste Bittencourt ja auch geschont werden.

Erst die dritte Einwechslung samt Auflösung der Dreier-Innenkette brachte den erwünschten Erfolg. Nelson, in der 72. Minute für Posch eingewechselt, überzeugte sofort mit intelligenten, beweglichen, überraschenden Aktionen und erinnerte damit tatsächlich ein wenig an Gnabry, den er ja ersetzen soll. Kurz vor Ende düpierte er denn auch die Düsseldorfer Abwehr und erzielte in einer reinen Einzelaktion den Ausgleich. Nur dass noch kürzer vor Ende Vogt den eingewechselten ehemaligen TSG-Stürmer Karaman unglücklich wegrempelte, und zwar im Strafraum. Denn unstrittigen Elfer hätte Baumann ums Haar pariert.

So blieb vom Besuch in Düsseldorf nicht viel mehr übrig als viel schlechte Laune über eine völlig unnötige Niederlage. Man könnte sich immerhin sagen, dass angesichts der vielen namhaften Verletzten die Leistung mindestens in der ersten Halbzeit richtig gut war. Aber das verlorene Spiel drückt, weil der Sieg so zum Greifen nah war, eben doch aufs Gemüt – zumal man sich fragt, wie das jetzt in der Champions League gehen soll, am Mittwoch gegen Donezk, wenn vielleicht auch noch Vogt und Grillitsch fehlen, die aus Düsseldorf angeschlagen heimkehrten.

Einstweilen kann man aber nur sagen, dass der Ligastart eher durchwachsen ausgefallen ist. Wie es auf internationaler Bühne weitergeht, wissen wir noch nicht. Kann erstmal sein, wir kriegen da keinen Fuß auf den Boden. Kann aber auch sein, die Mannschaft wächst da, unterschätzt, über sich hinaus und kämpft sich wie in der Liga zurück in die Spur. Was sie schaffen muss, ist, die sprichwörtliche Scheiße vom Fuß zu bekommen, was eine reine Kopfaufgabe ist. Das spielerische Potential selbst schon der vielfältig ersatzgeschwächten Mannschaft ist ansonsten enorm, das war auch am Samstag zu sehen. Und weder Donezk noch Dortmund sind in der kommenden Doppel-D-Woche wahre Überflieger. Freuen wir uns also auf die CL-Hymne und auf die nächsten Spiele!

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Alexander H. Gusovius