Hack-Ordnung

Obwohl Hoffenheim über einen weitaus höheren Etat und damit auch über die ganz klar stärkere Mannschaft verfügt, tut sich die TSG für gewöhnlich schwer gegen den SC Freiburg. Das liegt in der Regel daran, dass der SC zu allerlei körperlichen Mitteln greift, um gegen die natürliche Hackordnung anzukämpfen, als da wären: intensiv und hoch anlaufen, mindestens doppeln, körperbetontes, nickeliges, gern auch rücksichtsloses Zweikampfverhalten. Auf den Punkt gebracht: Freiburg ersetzt die Hackordnung durch eine Hack-Ordnung.

Vor ein paar Jahren reagierte Trainer Streich, diesmal wegen Rückenproblemen nicht dabei, mit atemlosestem, unschuldigstem Entsetzen auf den sinngemäßen Hinweis seitens der TSG, dass der SC bekannt für ungehobeltes Zweikampfverhalten sei, doch spielte Freiburg danach wesentlich weniger ruppig als sonst. Vielleicht hätte es vor dem Derby diesmal eine ähnliche Einlassung gebraucht, um zu verhindern, was Freiburg am Samstagnachmittag in Sinsheim demonstrierte: weit übertriebene Härte. Und diese Fehlinterpretation des Fußballs als Kontaktsport kostete drei Hoffenheimer Verteidiger ein Stück ihrer kostbaren Gesundheit: Akpoguma erlitt einen Bruch der Augenhöhle, nachdem er Mitte der ersten Halbzeit gerade erst für Bicakcic eingewechselt worden war, der seinerseits ein paar Minuten nach rüdem Foul mit Achilles-Sehnen-Problemen aufgeben musste. Adams wiederum erlitt offenbar multiple Schäden an den Bändern im Knöchelbereich und wird wie Akpoguma wochenlang ausfallen, während bei Bicakcic wenigstens Hoffnung besteht, dass er nach der Länderspielpause wieder spielen kann.

Kein Wunder also, dass unsere Mannschaft nach offensivem Gala-Lauf in der Anfangsperiode samt einem knapp, aber zurecht aberkannten Tor durch Bittencourt die Partie nach und nach weniger euphorisch anging und vor allem enge Zweikampfsituationen zu vermeiden suchte. Die nicht nur brachial, sondern auch hoch angreifenden Freiburger hatten erreicht, was sie wollten, sie bestimmten jetzt die Partie… Und erzielten sogar noch ein Tor, nachdem Akpoguma, vom Torpedokopfstoß seines Gegenspielers etwas mitgenommen, einen seltsamen, erfolglosen Abwehrversuch unternommen hatte! Mit einem Mal stand sogar eine Heimniederlage im Raum.

Dass es dazu nicht kam, lag am wieder frischen Angriffsgeist unserer Mannschaft nach der Pause, verstärkt durch Julian Nagelsmann Entscheidung, die Serienausfälle in der Innenverteidigung dadurch zu kompensieren, dass er auf Viererkette umstellte und mit Kramaric einen weiteren offensiven Spieler brachte. Hinzu kam eine hoch verdiente Chaos-Situation zweier Freiburger Verteidiger samt Torwart, als keiner der drei entschieden an den Ball ging, der dadurch zu Szalai gelangte – worauf der sich nicht lang bitten ließ und ihn dahin beförderte, wohin er gehörte: ins Freiburger Tor.

Von nun an war der weitere Spielverlauf geklärt. Hoffenheim griff gefährlich an, Freiburg hielt weit weniger gefährlich dagegen, es fiel das 2:1, wieder durch Szalai, nach Vorarbeit von Schulz, der nun endlich für die Nationalmannschaft nominiert ist. Und in der Nachspielzeit vollendete Kramaric das Werkstück mit einem Abstauber, nachdem Bittencourt infolge einer Freiburger Ecke mit Torwartbeteiligung den Ball erst vorangetrieben und dann Richtung leeres Tor geschossen hatte. Die Kugel hatte aber nicht genug Dampf, um ins Tor zu rollen, und hätte es vielleicht auch verfehlt, doch Kramaric war mitgelaufen und gab ihr den entscheidenden Impuls, über die Linie zu gelangen.

Wenn man an die letzte Saison denkt, freut man sich über sein Tor besonders. Da hatte er über Wochen hinweg etliche aussichtsreiche Situationen verspielt, vertändelt, verzögert und erst durch einen dürftig abgeschlossenen Strafstoß zurück in die Spur als ungemein treffsicherer Angreifer gefunden. Wenn also dieses Tor denselben Effekt hätte, nachdem sein Auftritt bis dahin durch ähnliche Schwächen gekennzeichnet war wie letztes Jahr, bevor der Knoten platzte, dann wäre diesmal viel erfolgsschwache Zeit gespart und könnte man sich ungebremst auf die kommenden Spiele freuen.

Die eine oder andere Sorgenfalte wird man trotzdem nicht wegbekommen. Das Lazarett der TSG ist immens und wurde defensiv von den Freiburgern erheblich vergrößert. Jeder weitere Ausfall hat nun dramatische Folgen, auch wenn Posch und Hoogma noch bereit stehen, die Lücken zu füllen. Denn es geht nach der Länderspielpause bald auch in die Champions League, und die besteht die TSG nur mit einem einigermaßen gut gefüllten Kader. Einstweilen ist es jedoch bewundernswert, wie unsere Mannschaft und ihr Trainer die ständig größeren Lücken auffangen – in der Halbzeitpause hat dem Vernehmen nach Szalai die verbliebene Truppe wirkungsvoll dazu aufgerufen, für die Verletzten alles zu geben und Freiburg zu besiegen – woran er dann keinen kleinen Anteil hatte. Wenige besaßen übrigens die Weitsicht, Szalai vor ein paar Jahren, als er zu uns stieß, eine derart tragende Rolle zuzutrauen. Inzwischen ist er aus dem Angriff der TSG kaum noch wegzudenken.

Fotos: Kraichgaufoto, Uwe Grün

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Alexander H. Gusovius