VAR steht international für „Video Assistant Referee“. Mit dem Kürzel ist hierzulande die Kölner Videozentrale gemeint, die bei Bundesligabegegnungen seit einem Jahr zuverlässig für Kopfschütteln sorgt, indem sie trotz etlicher Zeitlupenbilder bei Interventionen oder Nicht-Interventionen imgrunde genauso oft daneben liegt, wie früher der Echtzeit-Schiri auf dem Spielfeld allein. Gleich zum Auftakt der neuen Saison lieferte die Videozentrale nun den nächsten Beweis, dass sie ungefähr so weitsichtig ist wie ein Maulwurf und so regelfest wie ein Fahrschüler, als sie die Hausherren, den FC Bayern München, wettbewerbsverzerrend bevorteilte.

Die entscheidende Endphase der zweiten Halbzeit der Partie Bayern-Hoffenheim war zudem fast komplett von den Irrungen und Wirrungen jener technikbasierten, deutschen Regelauslegungs-Experimente gefüllt. Bis dahin hatten die Bayern in Halbzeit 1 überlegen gespielt, ohne viele Torchancen zu haben, und hatte unsere Mannschaft zu nervös und zu zaghaft agiert. In Halbzeit 2 drehte sich nach Einwechselung von Zuber für Grifo das Blatt, Hoffenheim griff mutig und hoch an und setzte die gerade mal mit einem Standardtor führenden Bayern unter Druck. Alsbald fiel der Ausgleich durch Szalai. Von da an spätestens wirkte unsere durch eine Flut gelber Karten gefährdete Mannschaft überlegen.

Schiri Dankert hatte in Halbzeit 1 allzu oft in seine Hemdtasche gegriffen und gelb hergezeigt, getrieben einerseits von einer gewissen Stadionhysterie, andererseits von Kapriolen und Schauspieleinlagen der Bayernspieler, die sich wie einst die Frankfurter Schützlinge ihres Trainers Kovac bei jeder Gelegenheit am Boden wälzten und auf gelb-rot spekulierten. Diesen Gefallen tat ihnen der Pfeifenmann dann zwar nicht, wirkte insgesamt aber überfordert und darum wie viele andere Schiris vor ihm gefällig, wenn es um die Belange der Heimmannschaft ging. Es lag, wieder mal, Bayerngunst wie eine Dunstglocke über dem Spiel.

Das sportlich mit Spannung erwartete Duell zweier Spitzenmannschaften geriet darüber immer mehr aus dem Blick. Und Dankerts verworrene Sternstunde sollte noch kommen, sie wurde zum negativen Höhepunkt eines imgrunde verpfiffenen bzw. vervideoten Spiels. Sie begann in der 79. Minute mit der Entscheidung auf Elfmeter, als Nordtveit, für den verletzten Vogt eingewechselt, Ribéry im Sechzehner zu einer Flugshow eingeladen hatte: nur ist der Franzose für theatralisches Abheben fast ebenso bekannt wie sein holländisches Pendant Robben. Dankert jedoch fiel darauf herein.

Aber VARum fiel man auch in Köln darauf herein? Weil es, einmal offen ausgesprochen, im deutschen Fußball eine Art Majestätsregel gibt, nach der gewöhnliche Fußballer anders zu behandeln sind als prominente Spieler, denen alles Erdenkliche nachzusehen ist, vor allem, wenn sie für den BVB oder den FCB tätig sind. Darum schwieg man in Köln zum eklatanten Fehler von Dankert, intervenierte jedoch, als Robben per Nachschuss den von Baumann parierten Lewandowski-Elfer ins Tor bugsiert hatte. Und da entschied Dankert, nach minutenlangem Videogucken, dann nicht regelgerecht auf Freistoß für die TSG, sondern auf Wiederholung, weil Robben beim Elfmeter zu früh in den Strafraum gelaufen war – was eine Belohnung seiner Regelverletzung darstellte. Und wieder reagierte Köln nicht, sondern hatte Dankert vermutlich genau dazu „geraten“, und ließ Lewandowski im zweiten Versuch die ersehnte Bayernführung erzielen. Wenigstens einmal lag Köln danach richtig, als ein Abpraller von Müllers Arm, der ins Tor ging, nicht gewertet wurde. Zu diesem Zeitpunkt war die verpfiffene Partie aber schon zugunsten der Bayern gelaufen, die am Ende auch noch ein drittes Tor erzielten.

Bei regulärem Verlauf hätte Hoffenheim die Partie in der zweiten Halbzeit gewinnen, mindestens offen gestalten können. So jedoch schlägt zu Beginn der Saison eine Niederlage zubuche, die viel über den Stillstand in Deutschland auch in fußballerischer Hinsicht aussagt: Wenn das die großen Bayern sind, die nur mit Tricks, Betrügereien und tendenziöser Videounterstützung siegen können, dann ist es mit dem vom DFB unlängst in DDR-Manier beschworenen „Weltniveau“ nicht weit her. Und wenn dazu noch eine Riege von Schiedsrichtern kommt, die im Auftreten und Regelauslegen an jene mamahörigen Mitschüler von einst erinnern, deren Federmäppchen immer so penibel aufgeräumt war wie ihr Zimmer und ihre kreativlosen, gefühlsarmen Seelen, dann wissen wir auch, wer das Licht zuletzt ausknipst: untertänigster Starrsinn!

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Alexander H. Gusovius