DFB-Pokal: Kraichgau-Samba

Dem Klischeebild eines brasilianischen Fußballers entspricht Joelinton nicht wirklich: großgewachsen ist er und recht kantig in den Bewegungen. Wenn er durch den Strafraum pflügt und zum Torschuss ansetzt, könnte man den Stürmer für einen Holländer oder Skandinavier halten. Und doch verfügt Joelinton über jenes nicht erlernbare Element spielerischer Intuition und feinsinniger Eleganz, das den brasilianischen Fußball in seinen besten Momenten weit über jeden sonstwo gespielten Fußball hinaushebt.

Vielleicht versteht er sich fußballerisch deshalb so gut mit Grifo, dessen italienische Wurzeln ihn ebenfalls zu einer Mischung aus kantig-strategischer Spielintelligenz und förmlich angeborener, intuitiver Eleganz begabt haben – in manchen Testspielen war die harmonische Verzahnung der beiden schon klar zu erkennen, vermehrt nun noch durch die keinesfalls weniger fließende Spielbegabung von Bittencourt. Und so richten sich entsprechend große Hoffnungen auf dieses Trio des Südens, nachdem sowohl Demirbay als auch Amiri monatelang verletzt fehlen.

Die Verletztenliste der TSG ist haarsträubend lang: außer den langzeitverletzten Rupp und Geiger fehlten in Kaiserslautern auch Grillitsch, Kramaric und Hübner, Akpoguma saß angeschlagen auf der Bank. Da fragt man sich, ob in der Vorbereitung zu viel Gas gegeben wurde, ob der Trainingsehrgeiz und der enorme Konkurrenzdruck dazu geführt haben, dass viele sich im Kampf um einen Champions-League-Startplatz zu sehr verausgabten, so dass es zu einer Verletzungsvielfalt kommt wie sonst nur zum Ende einer Saison…

Des einen Leid bedeutet jedoch, wie man weiß, des andern Freud, und so kurbelten Grifo und Bittencourt das ihnen so unerwartet überlassene Mittelfeld der TSG derart erfolgreich an, dass die Lauterer, die eigentlich die Räume eng halten wollten, um Hoffenheim an der Spielentfaltung zu hindern, immer erst dann in die zu verengenden Räume vorstießen, wenn der Hoffe-Express längst durchgerauscht war. Mehr als die Hälfte der ersten Halbzeit ging so vorüber, ohne dass der Drittligist aus der Pfalz irgendeinen Zugriff aufs Spiel gefunden hätte. Als es dann auch schon 0:3 stand, nachdem Joelinton zweimal und Schulz einmal getroffen hatten, ließen es die Hoffenheimer etwas ruhiger angehen. Kaiserslautern konnte nun zeigen, dass man auch in der Pfalz Fußball zu spielen versteht, und verkürzte per Standard sogar auf 1:3, weil Vogt seinem Gegenspieler viel Freiraum gewährt hatte.

Ansonsten ließ die TSG-Defensive aber nicht viel anbrennen, Vogt in der Mitte und Posch sowie Bicakcic neben ihm agierten auch in der Spieleröffnung souverän, während Schulz und Kaderabek ohnehin fast nur vorn unterwegs waren, was beide mit eigenem Torerfolg und jeweils einer Torvorbereitung vergoldeten. Szalai, der neben Joelinton im Sturm aufgeboten war, begnügte sich mit der strategisch wichtigen Rolle des offensiven Ballverteilens – im Zentrum des Geschehens tauchte er nur selten auf, während Zuber, mangels Alternativen in seine Wunschposition als Achter gerutscht, ebenfalls eher mannschaftsdienlich auffiel.

Eingewechselt wurde in der zweiten Halbzeit Hoogma für den muskulär belasteten Bittencourt, er tauschte mit Grifo die Position und spielte fortan einen überraschend guten Sechser und glänzte mit Spielübersicht. Brenet, kurz darauf für Schulz im Spiel, bewies auf links große Klasse und erzielte sogar ein schönes Kontertor, wohingegen Belfodil Joelinton in den letzten 20 Minuten nicht gleichwertig ersetzen konnte. Angesichts der personellen Engpässe war diese buntgewürfelte TSG jedoch eine erstaunlich gute Mannschaft, so dass vor dem Spiel am Freitag zum Ligaauftakt in München niemandem bange sein muss: Vielleicht sind dann auch schon wieder Kramaric, Grillitsch, Akpoguma und Hübner mit von der Partie.

Die Bayern rumpelten sich auch nur mit einem mageren 1:0 über den Regionalligisten Drochtersen in die nächste Pokalrunde. Nach dem überzeugenden Auftritt im Supercup gegen Frankfurt zeigten sich erste strategische und motivatorische Risse im Kovac-Gebilde, die Julian Nagelsmann minutiös auswerten wird. In jedem Fall sind diese Bayern, Stand heute, keine Übermannschaft, sodass auch eine TSG, der viele gute Spieler fehlen, eine reelle Chance hat, gleich zu Beginn der Saison einen Coup zu landen. Mit einem Sieg beim FC Bayern in die Saison zu starten: das wäre doch was! Unmöglich ist es nicht…

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Alexander H. Gusovius