In den Startlöchern

Zur Saisoneröffnung hatte die TSG 1899 Hoffenheim letzten Samstag wie jedes Jahr zum Familienfest geladen, verbunden mit einem Testspiel. An die 10.000 Besucher kamen der sommerlichen Einladung nach und tummelten sich erst an den zahlreichen Ständen und Buden vor dem Stadion und anschließend drinnen, um sich die Partie gegen SD Eibar, einen noch jungen Erstligisten aus Spanien, anzuschauen.

Es war nicht das erste Testspiel, das unsere auf vielen Positionen neu besetzte Mannschaft absolvierte – und die bisherigen Verläufe waren allesamt ein Beweis für einen schon früh hohen Grad körperlicher Fitness, spielerischer Entwicklung und taktischer Reife. Eibar jedoch, das stärker auftrat als die vorigen Gegner, hielt körperlich robust und taktisch versiert dagegen, so dass sich die Offensivmaschinerie der TSG diesmal nicht frei entfalten konnte.

Eine Woche zuvor gegen Verona hatte es knapp zehn Minuten gebraucht, bis Hoffenheim die Partie unter Kontrolle hatte: diesmal gelang das nur in den ersten zehn Minuten der zweiten Halbzeit. Vorher und nachher war, ungewöhnlich für so ein Test- oder Freundschaftsspiel, vor allem im Mittelfeld viel Verbissenheit zu beobachten. Die bulligen, unerwartet eher grobtechnisch veranlagten Spanier unterbanden konsequent die schnellen Hoffenheimer Ballstaffetten – und wo sie es doch nicht schafften, half der Linienrichter nach Kräften nach, indem er, wie es schien, schon auf den bloßen Verdacht hin seine Fahne wild schwenkte und Abseits signalisierte, ob es nun stimmte oder nicht…

Doch auch ohne den Fahnenschwenker am Rande gab es einen Umstand, der die Hoffenheimer Spielentfaltung entscheidend behinderte – und das war der Rasen. Welcher Rasen? fragte man sich auf den Tribünen unwillkürlich. Das dürftige Grün im erdigen Braun hatte egalwelche Benennung als Grasbewuchs kaum mehr verdient und erinnerte an die Verhältnisse früher im Torraum oder in Wimbledon zum Ende des Turniers an der Grundlinie. Auf solch erdigem Geläuf war es schlichtweg unmöglich, zu sauberen, eleganten Kombinationen anzusetzen – entsprechend rumpelig nahm sich das Spielgeschehen über weite Strecken aus…

Der Grund für den lamentablen Zustand der Spielwiese war offenbar die anhaltende Hitze der letzten Wochen, die in Kombination mit häufiger Wässerung einen idealen Biotop für einen grasfressenden Pilz besorgt hatte, sodass kaum noch lebendiges Grün zu sehen war, sondern fast nur noch die eingewirkten Kunstrasenanteile. In den kommenden Tagen soll dem Vernehmen nach ein neuer Rollrasen das bräunliche Trauerspiel beenden. Ausreichend Zeit ist ja bis zum ersten Heimspiel der Saison gegen Düsseldorf, nach den Auswärtsspielen in Kaiserslautern beim Pokal und dem Saisonauftakt in München. Hoffentlich, denkt man, wird mit dem Abtragen der alten Rasenreste auch der hungrige Pilz entsorgt, damit er sich am neuen Grün nicht gleich wieder zu schaffen machen kann.

Angesichts der bremsenden Wirkung des Untergrunds und des robusten Angangs der Spanier musste man befürchten, dass es, früher oder später, eher zu Verletzungen als zu Toren kommen könnte, und genau das geschah auch: Demirbay, überraschend auf der Sechs aufgeboten, musste gegen Mitte der zweiten Hälfte ausgewechselt werden – noch ist nicht klar, was ihm fehlt, aber es sah nicht gut aus bzw. weckte ungute Erinnerungen, wie er sich da den lädierten Knöchel hielt. Bemerkenswert war allerdings, wie Amiri, der bis dahin in Demirbays Schatten unterwegs gewesen war, sich nun zum Spielgestalter aufwarf, teils mit brillanten Szenen.

Im Angriff waren bis zu ihrer Auswechslung in der zweiten Halbzeit Szalai und Joelinton unterwegs, ohne viel ausrichten zu können, derweil sich Kramaric, nach seinem WM-Urlaub immer noch im Trainingsrückstand, die Sache mit Freundin interessiert von den Tribünen herab ansah. Dritter im Mittelfeldbunde war übrigens Heimkehrer Grifo, der gegen die etablierten Kräfte und Neuzugang Bittencourt keinen leichten Stand haben dürfte, aber schon mit einigen sehr interessanten Ansätzen für sich einnahm.

Defensiv wiederum fehlten Hübner und Akpoguma, ersetzt durch Nuhu und Bicakcic, letzterer vor dem Absprung stehend und in bestechender Form, sodass man ihn kaum ziehen lassen möchte, ersterer nach kaum zwei Wochen Eingewöhnungszeit erstaunlich präsent und mit allem ausgestattet, um ihn zum Publikumsliebling in der Nachfolge von Süle zu machen – wenn er denn spielen darf, denn bis zum Start in die Saison ist erstmal mit der Rückkehr von Akpoguma und Hübner zu rechnen.

Im weiteren Verlauf kam auch noch Posch zum Einsatz, offensiv durften Neuzugang Belfodil und Talentnachwuchs Otto ran, beide pfeilschnell unterwegs und sicher eine zukünftige offensive Wertsteigerung. Das Tor der TSG erzielte nach Eckball Amiri und Verlängerung Szalai irgendwie passend zu seiner Leistungssteigerung Ermin Bicakcic, und das Tor für die Spanier besorgte der mitunter etwas lässig wirkende Abwehrchef Kevin Vogt, als er den spanischen Konter an Oli Baumann vorbei ins Tor ablenkte.

Viele Eindrücke gab es beim Testspiel zu sortieren, zwei ragten heraus: Die Truppe ist erstens sehr breit aufgestellt und zweitens enorm hungrig und ehrgeizig! Offenbar will die Mannschaft, deren Stammpersonal noch auf einigen Positionen offen ist, in dieser letzten Saison unter Nagelsmann etwas reißen und von Beginn an stark aufspielen. Wie es aussieht, dürfen wir uns auf eine mega-interessante Saison freuen, beginnend nächsten Samstag mit dem Pokal-Hit in K-Town!

Fotos: Uwe Grün, Kraichgaufoto

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Alexander H. Gusovius