WM-Tagebuch 3: Turnier-Aus

„Selbstherrlichkeit“ attestiert Joachim Löw seiner Truppe, bezogen aufs erste Gruppenspiel gegen Mexiko. Mit dieser Einschätzung liegt er sicher richtig, und doch ist etwas daran falsch, und zwar die Exklusivität, die ihn selber außen vorlässt. Über Monate hinweg war zu beobachten, dass die deutsche Mannschaft samt ihres Trainers weit unterhalb ihrer Möglichkeiten auf einem Niveau festhing, das wiederum weit unterhalb ihres Radars zu liegen schien – fairerweise muss man zugeben, dass jene Blindheit vor solchem Niveauverlust auch die titelträumende Schar der Reporter und Sportjournalisten betraf.

Selbstherrlich agierte also auch Löw: vor und während der für Deutschland so kurzen WM. Allein die von Reus unvorsichtig ausgeplauderte Sentenz des Bundestrainers, er habe ihn, Reus, im ersten Spiel nicht in die Startelf berufen, weil er ihn für die „wichtigen“ Spiele im „langen“ Turnier brauche, zeigt klar, wie weit Löw davon entfernt war, die Leistungsrealität seiner Mannschaft entlang der von ihm verordneten Spielweise samt der faktischen Stärke der Gegner korrekt einzuschätzen.

Es ist ein bisschen wie in der Politik: Deutschland ist vergleichsweise stark aufgestellt und neigt doch, im Zentrum wie an den Rändern, zu Auflösungserscheinungen, die man besser ernst nehmen sollte, um nicht den Moment zu verpassen, inhaltlich sauber gegenzusteuern, bevor entweder die Probleme überhand nehmen oder Scharfmacher massiv davon profitieren. So gesehen könnte man von der blamablen Vorstellung der deutschen Mannschaft und ihrer Leitung, sozusagen als Blaupause für gewichtigere Probleme, durchaus lernen!

An Kritik fehlt es momentan natürlich nicht, umgekehrt proportional zum Fehlen jeglicher Kritik im Vorfeld der WM. Auch hagelt es nahezu fernöstliche Entschuldigungen und wortreiches Übernehmen von Verantwortung, die jedoch wenig überzeugen. Zu formelhaft werden sie an die Medien und an die Fans gebracht. Denn jeder, der da angeblich Verantwortung übernimmt, geizt nicht mit kollektiv-schwammigen Anklagen und spart sich selbst von klarer Kritik aus. Offenbar sind die Wege aus festsitzender Selbstherrlichkeit und Überheblichkeit nicht leicht zu verlassen.

Aber was ist eigentlich wirklich passiert? Warum hat die deutsche Mannschaft das Ruder nicht noch herumreißen können? Fußball spielen können sie doch alle… Ein wesentlicher Grund für das Gesamtversagen liegt vermutlich daran, dass der Bundestrainer, anders als 2014 und vorher, nicht jene hochpotenten Blöcke aus Bayern- und BVB-Spielern zur Verfügung hatte, die schon im Verein glänzend harmonierten und ihre Fähigkeiten in der Nationalelf addierten. Diesmal rekrutierte Löw seine Mannen aus einem Bayernkader, der nicht über Normalform verfügte, und einem imgrunde nicht mehr vorhandenen Dortmunder Fundus sowie verstreuten Altstars.

Der Bundestrainer hätte daher ein Teambuilding betreiben müssen, wie er es nie zuvor unter Beweis stellen musste – und ist genau diesen Beweis seiner besonderen Befähigung schuldig geblieben. Es ließe sich im Detail natürlich noch viel mehr anführen, doch sollte der Blick auf die allgemeinen Verhältnisse und Zusammenhänge schon ausreichen, um die Brisanz der Lage zu erkennen. Satt und langsam gewordene, alternde Stars hatten den Vorzug bekommen vor hungrigen, aufstrebenden Talenten. Ein Kader ohne Ecken und Kanten war mit einem Tross von selbstzufriedenen Funktionären nach Russland gereist. Vermeintliche Bundeliga-Spitzenteams bestätigten weder in der laufenden Saison noch in der Abstellung von Spielern für die Nationalelf, weder national noch international, ihre scheinbare Klasse.

In der Summe offenbart sich da ein Problem, das allenthalben in Deutschland virulent ist: Groß von sich denken, berechtigte Anlässe für Kritik und Zweifel zuschütten oder als unangemessen oder sogar unfair diffamieren, zunehmende Mängel und Mangelhaftigkeit ausblenden und standhaft ignorieren. Genau darin liegt nun die Chance, aber auch die Gefahr dieser vergeigten WM: Bricht sich jetzt im Anschluss der Wille Bahn, die Dinge grundlegend zu verbessern und dafür neue Kräfte ans Werk zu lassen, dann kann ein wirklicher Aufbruch zu neuen Höchstleistungen gelingen. Tüncht man die Probleme jedoch nur über und hält treu an allen Akteuren und überlebten Prinzipien fest, die das frühe WM-Aus verschuldeten, dann wird es zu keinem Neuanfang kommen, sondern werden die Dinge im Weiter-so noch mehr kränkeln.

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Alexander H. Gusovius