WM-Tagebuch 2: Schweden

Alles gut nach dem Last-minute-Tor von Kroos – so der Tenor der meisten Berichte und Kommentare über das Schweden-Spiel der deutschen Mannschaft. Das 2:1 durch den Madrilenen war in der Tat eine sehenswerte Willensleistung, ähnlich dem späten Tor von Teamkollege CR 7 im portugiesischen Dress beim Duell mit Spanien.

Aber ist damit, wie hierzulande allenthalben gemutmaßt wird, der Knoten geplatzt? Ist das deutsche Team jetzt wieder in der Spur und zurück auf Kurs Richtung Titelverteidigung? Möglich wäre es, denn so ein Spiel gegen sich selbst, wie es „Die Mannschaft“ im zweiten Gruppenspiel eher als gegen den schwedischen Gegner geführt hat, kann verdeckte Energien lösen und zu Gruppendynamiken führen, die das Leistungsniveau massiv anheben.

Betrachtet man jedoch die gesamten 90 Minuten, muss man Zweifel anmelden. Zu Beginn war das deutsche Team drückend überlegen, imgrunde erwartungsgemäß, und die Schweden waren, auch defensiv, in hellem Aufruhr. Ein schnelles Tor fiel trotzdem nicht, und je länger das so blieb, desto weniger durchschlagend gestalteten sich die deutschen Angriffe: Schwedens Abwehr formierte sich, die Angriffe wurden immer komplizierter und ungefährlicher.

Und bald kam es im Gefühl deutscher Überlegenheit auch wieder zu jenen Konzentrationsmängeln und mitunter pomadigen Überheblichkeiten, die schon gegen Mexiko fatale Auswirkungen hatten. Schweden fuhr deshalb immer brisantere Konter und hatte Pech, dass grenzwertige Aktionen der deutschen Verteidiger nicht per Strafstoß geahndet wurden. Nach einer guten halben Stunde fiel dann, fast folgerichtig, der schwedische Führungstreffer, begünstigt durch den Ausfall von Rudy, der bis zum Nasenbeinbruch Khedira im Team ruhig und mit viel Spielübersicht großartig ersetzt hatte.

In der zweiten Halbzeit rückte das deutsche Team wieder enger zusammen und versuchte alles, um den Ausgleich zu erzielen, was durch Reus alsbald gelang, der die deutlich bessere Stammelf-Wahl war als Özil. Draxler, der erneut das Vertrauen des Bundestrainers hatte, agierte wieder ebenso übermotiviert wie blass – während Boateng ein ums andere Mal hart zur Sache ging und dafür eine halbe Stunde vor Schluss zurecht die gelb-rote Karte sah.

Zu zehnt rückte die deutsche Mannschaft nochmals enger zusammen und nahm den Fight um eine vielleicht doch noch positive WM-Beteiligung endlich an. Schweden verteidigte mit Mann und Maus und schien sich mit Glück über die Zeit zu retten, bis schließlich, als nichts mehr zu gehen schien, Kroos mit seinem unhaltbaren Kunstschuss von der linken Strafraumkante doch noch den Siegtreffer erzielte.

Der unschöne, provokante Torjubel mancher deutscher Betreuer vor der schwedischen Bank zeigte deutlich, wie angespannt man im deutschen Lager gewesen war und wie nah man sich dem völligen Fiasko gewähnt hatte. Und der TV-Kommentar gegen Ende der schwachen ersten Halbzeit startete bereits eine unverhohlene Abrechnung mit Fehlern der jüngeren Vergangenheit, die bisher eher alle zugedeckt worden waren. Löws Mienenspiel hatte unterdessen zwischen Zorn und Verzweiflung geschwankt, am Ende aber waren alle durch den späten, unerwarteten Siegtreffer euphorisiert, verständlicherweise.

Jetzt heißt es abwarten, ob die Euphorie auch handfestere Gründe hat. Südkorea ist wie seine Autos auf beachtlichem Niveau unterwegs, so dass kein Millimeter Raum für neuerliche Siegesgewissheit ist. Und noch hat „Die Mannschaft“ nicht 90 Minuten lang unter Beweis stellen können, dass sie mehr ist als eine gelegentlich spielstarke Versammlung deutscher Spieler. Allerdings kann der insgesamt verdiente, den Umständen gemäß etwas glückliche Sieg über Schweden doch ein Startschuss gewesen sein und das Zusammenwachsen befördern. Dann wird es vielleicht wirklich noch eine großartige WM….

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Alexander H. Gusovius