Adieu Nagelsmann

Da macht die WM schon nicht richtig Spaß – und dann verkündet Julian Nagelsmann auch noch seinen Abschied von Hoffenheim. Zwar erst in einem Jahr, aber das macht es kaum weniger schmerzhaft. Denn Nagelsmann steht wie kein anderer für den wundersamen Erfolg der TSG in den letzten zwei, drei Jahren… Halt, so ganz stimmt das nicht, schließlich wurde er nur deshalb in so jungen Jahren TSG-Bundesligatrainer, weil ein gewisser Dietmar Hopp sich sehr für ihn eingesetzt hatte. Und der bleibt!

Trotzdem: die Nachricht tat und tut weh, dieser Fußballsommer will offenbar kein Sommermärchen werden! Dass RB Leipzig noch schnell hinterhergemeldet hat, dass Nagelsmann ab 2019 die roten Bullen trainieren wird, ist da fast schon egal. Für uns wiegt der Verlust eindeutig schwerer als der Gewinn der Konkurrenz. Aus Sicht von Julian Nagelsmann, das muss man leider zugeben, könnte es sich jedoch genau entgegengesetzt verhalten. Er verliert viel, wenn er die TSG verlässt, gewinnt aber mehr, wenn er in Leipzig anheuert – zugleich umschifft er jene gefährlichen Klippen, zwischen denen demnächst bspw. Niko Kovac navigiert, indem er von jetzt auf gleich einen ausgewiesenen Spitzenverein übernimmt.

Zeit zu lernen und sich auf die neuen Verhältnisse flexibel einzurichten, gibt es da nicht. Wer die Bayern oder Real Madrid trainiert, muss liefern. In Leipzig dagegen, wo man nach wie vor eine perspektivische Entwicklung betreibt, darf Nagelsmann mit mehr Flexibilität rechnen. Imgrunde ist sein Amt dort sogar so etwas wie eine größere Kopie seiner Hoffenheimer Tätigkeit, so dass er sich und seine Idee vom Fußball im Sächsischen ungebremst weiterentwickeln kann, ohne auf die Annehmlichkeit weitaus größerer finanzieller Möglichkeiten als bisher verzichten zu müssen.

Die extrem frühe Bekanntgabe seines Wechsels in einem Jahr hat Nagelsmann unter das Motto maximaler Ehrlichkeit und Berechenbarkeit gestellt. Es soll dadurch so wenig Unruhe wie möglich bei der TSG aufkommen, um die neue Bundesliga- und Champions-League-Saison sportlich erfolgreich gestalten zu können. Die Frage ist nur, ob das Kalkül aufgeht, denn die Unruhe ist trotzdem da, und das nicht nur bei Spielen gegen RB, sondern auch bei jedem kommenden Spielertransfer, wo man argwöhnisch darauf schauen wird, inwieweit das zukünftige Arbeitsverhältnis davon tangiert ist.

Und was ist mit den Spielern, die vor allem Nagelsmanns wegen zur TSG wechselten – oder ihm den Aufstieg in höhere Leistungskategorien verdanken? Das sind ja nicht wenige! Werden sie unruhig mit den Stollenschuhen scharren und zusehen, ihm zu folgen oder andernorts an ihrer Karriere zu basteln? Auszuschließen ist das nicht –  aber, sind wir ehrlich, es handelt sich da auch um ein Stück Normalität im Hochleistungs- und Hochfinanzbereich des Profifußballs: inklusive des Weggangs von Nagelsmann. Dummerweise betrifft die mitunter bittere Normalität diesmal leider nur uns, und zwar massiv.

An dieser Stelle ist daher die TSG gefragt. Sie muss – und kann – das drohende klaftertiefe Loch im Fußballrasen verfüllen. Zeit genug hat sie ja, insofern geht der frühe Termin der Bekanntgabe wirklich auf… Nun heißt es allerdings klug sein und fein abwägen, wer die Nachfolge von Nagelsmann antreten kann: Ein kreativer, kerniger Fußballgeist wird gesucht, der am besten nicht mal von fern und auch sonst in keiner Weise an seinen Vorgänger erinnert, sondern ein ganz eigenes Label darstellt.

Die Fans sind enttäuscht, natürlich. Sie haben ihr Herz an diesen knorrigen, erfolgreichen und witzigen Jungtrainer Nagelsmann gehängt, dem so leicht keiner das Wasser reichen wird, und statt die Herzenswahl zu erwidern und lebenslang zu bleiben, geht er zur Konkurrenz. Beim Enttäuschtsein spielt aber, wie immer in Liebesdingen, ein hoch irrationaler Faktor mit: War es denn nicht klar, dass die TSG einem so ungewöhnlichen Talent irgendwann zu eng würde? Und muss man nicht immer im Leben bereit sein, die Liebsten ziehen zu lassen, wenn sie flügge werden?

Ja und nein! Im Fall Nagelsmann und Hoffenheim wäre wohl noch mehr gemeinsamer Weg möglich gewesen als nur die nächste Saison. In gewisser Weise wäre es auch die größere Herausforderung gewesen, mit der TSG die nächste Entwicklungsstufe anzustreben. Dass RB Leipzig mehr Finanzmittel bereitstellen kann für ehrgeizige Entwicklungen, ist natürlich klar, aber zugleich ein klein bisschen langweilig. Und so schlüssig das Leipziger Traineramt für Julian Nagelsmann auch sein mag, etwas daran ist hochriskant, festzumachen an der Gestalt des ebenso umtriebigen wie allmächtigen Ralf Rangnick.

An ihn und sein Wohlwollen längerfristig gebunden zu sein, muss man mögen. Wir werden sehen, ob Julian Nagelsmann sein Glück in dieser Konstellation findet. Selbstverständlich erst in einem Jahr, denn bis dahin werden wir frei von Lästerei und Neiderei gemeinsam mit Nagelsmann die bislang heißeste Saison der TSG durchleben und uns allmählich an die Idee eines Nachfolgers gewöhnen!

Fotos: Uwe Grün, Kraichgaufoto

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Alexander H. Gusovius